Wie groß die Strahlkraft von Konzerthäusern sein kann, zeigt als markantes Beispiel aus jüngerer Zeit die Hamburger Elbphilharmonie. Seit der Eröffnung im Januar 2017 hat sich der vom Architektenbüro Herzog & de Meuron entworfene Bau nicht nur zu einer der künstlerisch bedeutendsten und profiliertesten Aufführungsstätten in Deutschland entwickelt; dank seiner architektonischen Präsenz hat er darüber hinaus längst einen Spitzenrang unter den offiziellen Wahrzeichen der Freien und Hansestadt eingenommen: ein Ort, den viele Menschen gezielt auch aus entfernten Ländern ansteuern – nicht nur als Konzertbesucher:innen, sondern auch, um ihn einmal gesehen und erlebt zu haben.
Wie vielfältig ein Konzerthaus im städtischen Kontext der Gegenwart wirken kann, zeigen auch andere Beispiele. Etwa das Konzerthaus Dortmund, bei dem es sich ebenfalls um ein Gebäude aus den letzten Dekaden handelt. Seit Inbetriebnahme im Jahr 2002 erfährt das Haus eine breite und weit über die Region hinausreichende Wahrnehmung.
So unverkennbar der kulturelle Mehrwert vor Ort, die oft überregionale Anziehungskraft und das Potenzial für die Stadtentwicklung auch sein mögen: An die Errichtung neuer und die Unterhaltung bereits bestehender Konzerthäuser knüpfen sich auch gesellschaftliche Fragen. Nicht nur wegen ihrer problematischen, mit enormen Kostensteigerungen verbundenen Bauphase wurde selbst eine „Erfolgsgeschichte“ wie die Elbphilharmonie von Diskussionen darüber begleitet, welches musikalische Programm ein Konzerthaus anbieten soll, wie viel es kosten darf und in welchem Verhältnis sein Angebot zur öffentlichen Nachfrage steht. In den vergangenen Jahren hat es deutschlandweit mehrere Konzertsaalprojekte gegeben, die vor diesem Hintergrund zu höchst unterschiedlichen Resultaten führten.
So etwa konnte im Herbst 2016 mit dem Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum die Eröffnung eines weiteren, inzwischen ebenfalls hoch etablierten Konzertsaalneubaus im Ruhrgebiet gefeiert werden. Im Frühjahr 2017 folgte Dresden mit dem vollständig modernisierten Kulturpalast, und in Berlin eröffnete zudem nahezu zeitgleich mit dem neu errichteten Pierre Boulez Saal eine aufsehenerregende Spielstätte für Kammermusikaufführungen. Ob globale Ereignisse wie der Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 oder der des Ukrainekriegs zwei Jahre darauf den Boom bei der Errichtung neuer Kulturbauten in Deutschland gestoppt oder zumindest ausgebremst haben, oder ob sie die Fragen von Prioritäten bei der Investition öffentlicher Gelder verschoben haben, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass in Nürnberg und München zwei lang geplante Konzertsaalprojekte vorerst – und möglicherweise dauerhaft – auf Eis gelegt wurden bzw. nur in deutlich abgespeckter Version und wesentlich später realisiert werden sollen. In Nürnberg verwies man bei der Verkündung eines entsprechenden Moratoriums im November 2020 auf die durch Corona schwer angeschlagene Haushaltslage; eine ähnliche, auf die Folgen des Kriegs ausgeweitete Argumentation lieferte die Bayerische Staatsregierung im Jahr 2022 bei ihrer Rücknahme der bis dahin geleisteten und viele Jahre zurückreichenden Planungsarbeit. Ob man sich für die derzeit (Stand Januar 2026) diskutierte und möglicherweise auch für künftige Projekte dieser Art vorbildhafte Lösung entscheiden wird, den Konzerthausneubau im Werksviertel durch ein privates Unternehmen errichten zu lassen, der das Gebäude im Anschluss an die Stadt rückvermietet, bleibt abzuwarten.
Nicht zuletzt durch die derzeitigen Sanierungsarbeiten am Kulturzentrum Gasteig, das seit 1985 als Konzerthaus dient, befindet sich die Kultur- und Musikmetropole München, was ihre Aufführungsorte anbelangt, in einer defizitären Lage. Mit der im Stadtteil Sendling errichteten Isarphilharmonie steht der Stadt seit Oktober 2021 immerhin eine Interimsspielstätte zur Verfügung, die weit über eine Zwischenlösung hinausgeht und sich abseits der klassischen Musik auch den Bedürfnissen anderer Genres und Kunstformen öffnet. Wie ein Konzerthaus heute aussehen, welche Anforderungen es erfüllen und welche Möglichkeiten es bieten soll, abseits der Musikpflege in die Gesellschaft hineinzuwirken, wird sich zukünftig vielleicht auch an Bauten wie diesen ablesen lassen. Zunächst muss aber einmal geklärt werden, was ein Konzerthaus überhaupt ist.
„Von einem Konzerthaus wird erwartet, dass es künstlerische Impulse aussendet und durch eine kluge Programmzusammenstellung eine eigene Idee abbildet.“
Wesensmerkmale: Was ist ein Konzerthaus?
Philharmonie und Tonhalle, Konzertsaal und Konzerthaus, Kultur- bzw. Musikzentrum: All diese unterschiedlichen Begriffe beschreiben einen ähnlichen Sachverhalt, nämlich ein Gebäude, das in erster Linie für die Aufführung klassischer Musik gebaut wurde. [1] Doch was geschieht in einem Konzerthaus im Einzelnen und inwiefern unterscheiden sich die Einrichtungen voneinander? Zu betrachten sind dabei eine Reihe von Aspekten, darunter der Anteil des klassischen Repertoires und das Spektrum musikalischer Genres im Programm oder der Stellenwert von Gastspielen. Im Gegensatz zu einem Opernhaus, das sich als Aufführungsstätte für musikdramatische Werke beschreiben lässt, die in eigener Produktion mit eigenem Personal und unter eigener Verwaltung programmiert werden, lässt sich der Begriff „Konzerthaus“ letztlich nicht in eine allgemeingültige Definition fassen. Konzerthäuser besitzen dennoch eigene Wesensmerkmale. Sie betreffen bauliche Aspekte, Fragen der Nutzung und des Betriebs sowie des künstlerischen Profils, die zur Beschreibung und Abgrenzung gegenüber anderen Einrichtungen herangezogen werden können.
Gebäude
Architektonische Grundvoraussetzung eines Konzerthauses ist ein bestuhlter Saal, der sich sowohl von seiner Größe her als auch akustisch für die Aufführung klassischer Musik eignet und mehrere Hundert Besucher:innen aufnehmen kann. Die meisten Konzerthäuser in Deutschland verfügen darüber hinaus über zusätzliche Säle, die vor allem der Aufführung von Kammermusik oder Solowerken dienen. Neben eigens für den Konzertbetrieb errichteten Bauwerken kommen dabei auch solche in Betracht, die ursprünglich anderen Zwecken gedient haben. So entstand die Tonhalle Düsseldorf Mitte der 1920er Jahre zunächst als Planetarium und trat als neue, zentrale Spielstätte für klassische Musik erst Ende der 1970er Jahre die Nachfolge der ursprünglichen Tonhalle an, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war.
Nutzung
Neben den architektonischen Gegebenheiten ist die Art der Nutzung entscheidend, um ein Gebäude als Konzerthaus zu klassifizieren: Überwiegend wird hier klassische Musik aufgeführt, sodass die Außenwahrnehmung als Konzertbetrieb nicht – wie etwa bei den meisten Stadthallen – durch breit gefächerte, auch außermusikalische Angebote geprägt wird. Allerdings finden in Häusern wie der Liederhalle Stuttgart oder dem Münchner Gasteig neben dem musikalischen Angebot auch zahlreiche andere Veranstaltungen (vor allem Kongresse) statt; die Abgrenzungskriterien sind hier wie auch an anderer Stelle fließend.
Gastspielbetrieb
Konzerthäuser verfügen über einen regelmäßigen Gastspielbetrieb. Sie stehen nicht nur überwiegend regionalen Klangkörpern als Spielstätte offen, sondern bieten über das Jahr verteilt nationalen und internationalen Ensembles Auftrittsmöglichkeiten. Einige Häuser verfügen jedoch über eigene Ensembles, etwa das Gewandhausorchester und die Berliner Philharmoniker. In der Kölner Philharmonie wiederum sind mit dem Gürzenich-Orchester und dem WDR Sinfonieorchester gleich zwei Klangkörper beheimatet, und das NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg trägt die Verbindung zu seinem Hauptspielort sogar im Namen. Entscheidend für die Konzerthäuser ist jedoch, dass Hausensembles trotz vielfältiger Vor- und Hausrechte die Spielplangestaltung nicht ausschließlich vorgeben.
Künstlerisches Profil
Das künstlerische Profil eines Konzerthauses bildet das wohl wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu anderen Konzertspielstätten. Denn neben der Öffnung für einen möglichst großen und internationalen Künstlerkreis sollte idealerweise auch die gesamte Vielfalt des Repertoires berücksichtigt und entwickelt werden. Das geschieht meist im Rahmen einer intendanzgeführten Organisationsstruktur, die das Programmprofil unverwechselbar bestimmt. In der Ausrichtung eines Hauses spiegelt sich auch das Rollenverständnis als Kulturbetrieb: Von einem Konzerthaus wird erwartet, dass es künstlerische Impulse aussendet und durch eine kluge Programmzusammenstellung eine eigene Idee abbildet. Bestimmend dabei ist es, das Musikleben an einem jeweils individuellen Standort innerhalb einer Region aktiv zu gestalten. Vor diesem Hintergrund reicht es nicht aus, berühmte Musiker:innen auf der Bühne zu zeigen; benötigt wird stattdessen eine durchdachte Dramaturgie, die von sämtlichen Abteilungen des Hauses mitgetragen und selbstbewusst nach außen kommuniziert wird.
Standorte und Entwicklung
Das Deutsche Musikinformationszentrum verzeichnet 15 Institutionen in Deutschland, die über die Merkmale eines Konzerthauses verfügen. Sie sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt und in verschiedensten Regionen wie dem Rhein-Main-Gebiet (Alte Oper Frankfurt), in Süddeutschland (Gasteig in München, Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle in Stuttgart, Festspielhaus Baden-Baden), in Sachsen (Gewandhaus zu Leipzig, Kulturpalast Dresden) oder in Norddeutschland (Die Glocke in Bremen, Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg, Musik- und Kongresshalle Lübeck) angesiedelt. In Nordrhein-Westfalen herrscht dabei mit der Philharmonie Essen, dem Konzerthaus Dortmund sowie der Kölner Philharmonie und der Tonhalle Düsseldorf in einem Gesamtumkreis von nur rund 100 Kilometern eine besondere Dichte. Auch Berlin ist mit zwei Häusern vertreten (Berliner Philharmonie, Konzerthaus Berlin). Insgesamt 14 dieser Konzerthäuser, ergänzt durch fünf weitere Einrichtungen aus Österreich, Luxemburg, der Schweiz und den Niederlanden, sind derzeit in der 2001 gegründeten Deutschen Konzerthauskonferenz zusammengeschlossen. Ziel dieser Vereinigung ist es, gemeinsam für den Erhalt, den Ausbau und die Weiterentwicklung des Konzertlebens einzutreten. Über diese Konzerthäuser hinaus gibt es in Deutschland zahlreiche weitere Konzertsäle, die oft den lokal und regional beheimateten Klangkörpern als Spielstätte dienen, des Weiteren aber auch für Gastspiele und Festivals genutzt werden und nach ganz ähnlichen Prinzipien funktionieren wie die Konzerthäuser. Beispiele sind das BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen, der Nikolaisaal Potsdam oder die Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld. Auch Konzertkirchen wie die Konzerthalle Carl Philipp Emanuel Bach in Frankfurt (Oder) oder das Konzerthaus Liebfrauen in Wernigerode zählen dazu.
Neben den etablierten Konzerthäusern sind insbesondere in den letzten Jahren Aufführungsorte entstanden, an denen neue Konzertformate präsentiert werden. Spielstätten wie das Radialsystem am Berliner Ostbahnhof (das als privat gegründete Einrichtung 2018 durch das Land Berlin erworben wurde) bieten nicht zuletzt freien Ensembles ein Podium und ziehen – mit anderen Zielen als die Konzerthäuser – ein oft bunt gemischtes Publikum an.
Entwicklung der Konzerthauslandschaft in Deutschland
Die Unverwechselbarkeit der Konzerthäuser und die mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen oder kulturpolitischen Forderungen finden ihren Ausdruck oft schon im architektonischen Konzept. Bereits im 19. Jahrhundert wurde ein Konzertsaal zu einem repräsentativen Ort, der seinerzeit dem Wunsch des gebildeten Bürgertums, über einen gewählten, nicht allen zugänglichen Kulturraum zu verfügen, entgegenkam. Zentrale Maßstäbe hierfür setzte der Bau des Wiener Musikvereinssaals im Jahr 1870; und ganz allgemein lässt sich für Europa wie für die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein regelrechter Bauboom von Konzertsälen feststellen – eine erste intensive Etappe, auf die eine lange Pause folgte.
1963 eröffnete mit der Berliner Philharmonie der einflussreichste Konzerthausneubau nach dem Zweiten Weltkrieg – ein Solitär, der mit seiner „Weinberg-Architektur“ auch andere Konzerthäuser, etwa die Elbphilharmonie in Hamburg, beeinflusste. Dabei drückt der von Hans Scharoun entworfene Bau in seinem Gebäudekonzept Ansprüche und Wünsche der damaligen Zeit aus: Klassische Musik sollte nach dem Krieg wieder in einem repräsentativen Kontext aufgeführt werden und (West-)Deutschland als Wirtschafts- und Kulturstandort wiederbeleben. Das Statement war umso markanter, als Berlin (West) in den 1960er Jahren eine wenige herausgehobene Stellung als Kulturstadt besaß als etwa Köln oder München, die schon in der frühen Bundesrepublik zu den führenden Museums-, Kultur- und Theatermetropolen gehörten.
Als 1986 in Köln die Philharmonie eröffnet wurde, war dies eine Sensation. Unterirdisch angelegt, vereinte der Kulturbau den Anspruch, einerseits ein durchdachtes künstlerisches Programm anzubieten und andererseits den neuen, dem Zeitgeist ihres Eröffnungsjahrzehnts verpflichteten Ansätzen der Teilhabe für alle Menschen Rechnung zu tragen – versinnbildlicht in der architektonischen Einheit mit dem benachbarten Museum Ludwig. Mit der Entscheidung für ein intendanzgeführtes Haus und mit einem eigenständigen Programm grenzte sich die Kölner Philharmonie stark von den Häusern ab, die im Kontext des von Hilmar Hoffmann geprägten kulturpolitischen Schlagworts „Kultur für alle!“ in den 1970er Jahren mit Blick auf eine Mehrfachnutzung entstanden waren.
Die Forderung, Kultur, in diesem Fall klassische Musik, möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, fand in der Mehrfachnutzung von Kulturgebäuden ihren realpolitischen Ausdruck. So steht der 1985 fertiggestellte Münchner Gasteig mit seinem breit gefächerten Angebot und den unterschiedlichen Nutzungsarten geradezu paradigmatisch für diesen Diskurs. Weitere Beispiele für solche Gebäude sind die Stuttgarter Liederhalle (eröffnet 1956, erweitert zum Kultur- und Kongresszentrum 1991) oder die Musik- und Kongresshalle Lübeck (1994 eröffnet).
Durch ihr auch programmatisch außergewöhnliches Grundkonzept erhielt die Kölner Philharmonie weltweit positive Resonanz. Erstmals nach zwei Weltkriegen ließ der Bau die im Modell des Wiener Musikvereins verwirklichte Konzerthausidee wieder aufleben, indem hier ein Programm generiert wurde, das eine unverwechselbare „Handschrift“ erkennen ließ. Sie wurde zum Ausgangspunkt für weitere moderne Konzerthäuser.
Betriebsform, Organisation und Finanzierung
Trotz der wegweisenden Rolle, die das Intendanzmodell der Kölner Philharmonie einnahm, ergibt sich mit Blick auf die Betriebsmodelle der Konzerthäuser in Deutschland kein einheitliches Bild. Vielmehr schälten sich bereits seit 1850 drei bis heute gültige Betriebsformen heraus:
- Nach dem Vorbild des Wiener Musikvereins wird eine meist private, gemeinnützige Organisation mit dem Betrieb des Hauses und der Veranstaltung von Konzerten betraut. Beispiele hierfür sind das Festspielhaus Baden-Baden, das von einer gemeinnützigen GmbH betrieben wird, sowie die von einer privaten GmbH betriebene Kölner Philharmonie.
- Eine weitere Gruppe von Konzerthäusern ist eng mit einem Ensemble verbunden. In diesen Fällen wurde ein Haus speziell für ein Orchester errichtet bzw. entstand in derselben Zeit, in der das Orchester gegründet wurde, häufig zu sehen in der Kongruenz der Namen. Beispiele sind das Gewandhaus zu Leipzig, die Philharmonie Berlin sowie die Tonhalle Düsseldorf und – um ein vergleichbares Beispiel aus dem Ausland heranzuziehen – das Concertgebouw in Amsterdam. Ob nun Haus und Orchester unter einer gemeinsamen Verwaltung stehen (wie in Leipzig und Berlin) oder sich die Wege (wie in Amsterdam) bald trennten: Die Orchester der jeweiligen Häuser sind programmbestimmend geblieben. So wird ein Großteil der Konzertveranstaltungen in Leipzig vom Gewandhausorchester bestritten, und die Berliner Philharmoniker sind gewissermaßen „Aushängeschild“ der Philharmonie in der Bundeshauptstadt.
- Schließlich entstanden neue Konzertsäle, die durch die öffentliche Hand errichtet und durch private Spenden finanziert wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Laeiszhalle Hamburg, die im Wesentlichen allen Hamburger Orchestern, Chören, Kammermusikvereinigungen und Veranstaltern zur eigenen Nutzung offensteht und heute unter der gemeinsamen Generalintendanz der Elbphilharmonie geführt wird. Weitere Beispiele für solche Mietbetriebe sind das Münchner Kulturzentrum Gasteig sowie Die Glocke in Bremen.
Allerdings gibt es Variationen dieser drei Betriebsformen; nicht alle Konzerthäuser in Deutschland lassen sich eindeutig einem Modell zuordnen, stattdessen führen hauseigene Unterschiede letztlich zu hybriden Formen dieser Typen.
Die unterschiedlichen Betriebsformen (vgl. Abbildung 1) haben erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung des Programms sowie auf die gesamte Organisation. Es ist entscheidend, ob einem Haus eine Geschäftsführung vorsteht, die in der Regel wenig Auswirkung auf die künstlerische Ausrichtung hat, ob ein Orchester als oberste Instanz Entscheidungen für das gesamte Haus trifft, oder ob die künstlerische und betriebswirtschaftliche Leitung von einer Intendanz ausgeübt wird, die – wie beispielsweise in der Kölner Philharmonie – gleichzeitig als Geschäftsführung der GmbH fungiert. Der Münchner Gasteig wiederum wird von einer Geschäftsführung betrieben, die auf das aufgeführte musikalische Repertoire wenig Einfluss hat, dagegen aber die wirtschaftlichen Faktoren im Auge behalten muss, für diese verantwortlich ist und mit Blick auf die Kosten der Konzerte eng mit der Generalmusikdirektion zusammenarbeitet.
Binnenorganisation und Personal
Die enge Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen eines Konzerthauses ist nicht nur für dessen Leitungsebene von immenser Bedeutung. Angestellte mit unterschiedlichen Berufsbiografien aus Management, Marketing, kaufmännischer oder betriebswirtschaftlicher Ausbildung sowie Verwaltung und Technik arbeiten gemeinsam für das erfolgreiche Gelingen einer Konzertveranstaltung. So steht beispielsweise das Künstlerische Betriebsbüro, das die Disposition und Organisation von Künstlertransport und -aufenthalt koordiniert, in ständigem Austausch mit der technischen Abteilung, um die Probenpläne erstellen zu können. Die Presseabteilung möchte mit dem Künstler noch ein Interview für die hauseigene Publikationsreihe führen und spricht daher ebenfalls mit beiden Abteilungen; der Intendant oder die Intendantin begrüßt die Künstler:innen und muss dafür deren Ankunftszeit kennen. Während die technische Abteilung die Saal- und Haustechnik überwacht und für den problemlosen technischen Ablauf der Konzerte sorgt, kümmert sich das Gebäudemanagement um die Koordination der Foyerkräfte und um all jene Dinge, für die vor und nach dem Konzert gesorgt sein muss. Dazu gehört auch das Einweisen des Publikums, mit dem wiederum das Ticketing intensiv in Kontakt steht.
Der Kontakt zum Publikum wird in Zeiten sozialer Netzwerke und der damit verbundenen sekundenschnellen Weitergabe positiver wie negativer Erlebnisse immer wichtiger. Gelingende Kommunikation nach innen wie nach außen ist unerlässlich für ein zeitgemäß geführtes Konzerthaus, das erfolgreich wirtschaften möchte, unabhängig von den internen Abteilungs- und Betriebsstrukturen.
Finanzierung
Unterschiede lassen sich auch bei der Finanzierung der einzelnen Häuser feststellen. Während einige Häuser durch städtische Träger finanziell gestützt werden, sind andere besonders auf Förderer verschiedener Art sowie auf ein intensives Sponsoring und Marketing angewiesen. Doch auch die (z. T.) öffentlich finanzierten Häuser beschäftigt die Aufgabe, sich nicht nur auf die öffentlichen Mittel als einzige Förderung zu verlassen, sondern einen Teil der Kosten für Konzerte selbst zu erwirtschaften.
Mögliche nicht öffentliche Finanzierungsmodelle sind Fundraising und Sponsoring – das Anliegen also, mit potenziellen Förderern ins Gespräch zu kommen und eine für beide Seiten fruchtbare Geschäftsbeziehung aufzubauen. Engagiertes Networking sowie die Einnahme von Sponsorengeldern, die Kooperation mit lokalen oder regionalen Unternehmen und die Akquise im direkten Gespräch gehören zum unerlässlichen Handwerk der Fundraising-Abteilungen eines Konzerthauses. So erhält das Festspielhaus Baden-Baden keine von einem öffentlichen Träger geleisteten Gelder; das Gebäude gehört zwar der Stadt und dem Land, allerdings hat eine private Stiftung eine Betriebsgesellschaft gegründet, die das Festspielhaus durch Kartenverkauf und Spenden finanziert. Die Glocke in Bremen wiederum verdient einen erheblichen Anteil des Etats mit der Fremdvermietung der Räumlichkeiten. Dabei werden die rund 300 Veranstaltungen, die das Bremer Konzerthaus pro Jahr anbietet, vom Betreiber und Vermieter, der Glocke Veranstaltungs-GmbH, koordiniert. Am Leipziger Gewandhaus wiederum werden die städtischen Zuschüsse ergänzt durch die Gesellschaft der Freunde des Gewandhauses und den Sponsors Club, der durch seine Mitglieder zusätzliche Einnahmen erwirtschaftet. 2023 wurde zudem mit der Gründung der Stiftung Zukunft Gewandhaus zu Leipzig eine weitere Säule zur langfristigen Förderung besonderer Projekte errichtet. [2]
Programm
Unabhängig von der Art und Struktur des Hauses, nimmt das Programm einen zentralen Stellenwert ein. Dabei unterscheidet sich die Ausgestaltung der Veranstaltungen ebenso, wie sich die jeweiligen Häuser in ihrem „Stil-Mix“ der Musiksparten voneinander abgrenzen. Entscheidender Einflussfaktor für das Programm ist der Anteil der Gastspielveranstaltungen, je nach Haus zwischen 40 und mehr als 80 Prozent, wobei auch die Internationalisierung der Musik eine große Rolle spielt. Orchester und Solist:innen sind in der Regel Jahre im Voraus ausgebucht und wissen, wo sie in drei oder sogar fünf Jahren auf der Bühne stehen werden, mit welchem Programm und unter wessen Dirigat. Das macht die Programmgestaltung zu einem Balanceakt zwischen thematischer Schwerpunktsetzung und Verfügbarkeit. In enger Abstimmung mit Agenturen und Künstlerischen Betriebsbüros erarbeitet die Intendanz das Saisonprogramm, wobei nicht nur unter den Veranstaltern auf nationaler Ebene Konkurrenz entsteht, sondern auch unter verschiedensten Häusern weltweit. Dabei werden der Einfluss und die besondere Bedeutung eines Intendanzbetriebs auch in diesem Kontext offenbar: Denn die Bündelung aller Veranstaltungen, ob nun von einem Fremdveranstalter konzipiert oder Ideenkind der eigenen Programmgestaltung, muss in das Gesamtkonzept eines Hauses passen und auch als solches kommuniziert werden. Das Publikum sollte die Handschrift eines Hauses erkennen und als eigenständig wahrnehmen können.
Das Angebotsspektrum der Konzerthäuser reicht von Alter Musik über das klassische und romantische Repertoire bis hin zu zeitgenössischen und weniger bekannten Werken. Dabei werden sowohl sinfonische Stücke neben Kammermusik gestellt als auch Soloabende mit verschiedenen Instrumenten und Liederabende veranstaltet. Hinzu kommen ergänzende Veranstaltungen aus den Bereichen Jazz, (Live-)Filmmusik, Kabarett, Show und Event. Insgesamt überwiegt in den meisten Häusern der Anteil klassischer Konzerte.
Neben dem Gastspielbetrieb, den alle Konzerthäuser in unterschiedlicher Ausprägung und unterschiedlichem Anteil gemeinsam haben, ist der ganzjährige Spielbetrieb ein weiterer wesentlicher Aspekt, der ein Konzerthaus ausmacht. Über das gesamte Jahr hinweg werden Veranstaltungen angeboten, sodass die Vorbereitung der Konzerttermine einer Saison niemals abgeschlossen ist. In diesem Zusammenhang ist auch ein Trend zur Qualitätssteigerung und Profilbildung der einzelnen Häuser zu erwähnen. Selbst kleinere Häuser bemühen sich darum, Weltklasseinterpret:innen einzuladen und damit ihr künstlerisches Profil national und international zu schärfen. Ein hohes künstlerisches Niveau der auftretenden Musiker:innen und die damit einhergehende hohe Qualität der dargebotenen Werke sind nicht länger Merkmale nur der großen Traditionshäuser. Vor allem während der letzten Dekaden hat sich zudem eine immer größere Spezialisierung auf eigene Programmfelder wie zeitgenössische oder Alte Musik bzw. historisch informierte Aufführungspraxis entwickelt. Dabei orientieren sich die Konzerthäuser nicht zuletzt an Festivals, die gewöhnlich außerhalb von Konzertinstitutionen stattfinden und in einem zeitlich (enger) definierten Rahmen einen regen Publikumszustrom genießen. Seit einiger Zeit geht daher der Trend zu eigenen Konzerthaus-Festivals, die ein weites Spektrum aus den unterschiedlichsten Inhalten abbilden. Vorgestellt werden z. B. ungewöhnliche, bisweilen spartenübergreifende und experimentelle Formate wie beim Festival Fratopia, das zum jeweiligen Saisonauftakt an der Alten Oper Frankfurt stattfindet. Andere Festivals widmen sich bestimmten Musikrichtungen, etwa das Festival NOW! der Essener Philharmonie, das einmal im Jahr der Neuen Musik eine große Bühne bereitet. Neben der Fokussierung auf prominente Künstler:innen und eine möglichst vielgestaltige Programmgestaltung kann auch das Werk bestimmter Komponist:innen Thema eines Festivals sein, sowohl in wiederkehrenden Formaten wie dem 1981 ins Leben gerufenen Schumannfest an der Tonhalle Düsseldorf als auch in jubiläumsbezogenen, wie beispielsweise dem Schostakowitsch-Festival des Leipziger Gewandhauses aus Anlass des 50. Komponisten-Todestages im Jahr 2025.
Auch Wahlabonnements, die Interessierten die Möglichkeit geben, aus dem Saisonprogramm des jeweiligen Hauses ihre persönliche Auswahl zu treffen, sind zum Erfolgskonzept geworden. Hiermit ergibt sich für die Konzerthäuser die Möglichkeit, Trends im Publikumsgeschmack abzulesen: Welche Konzerte werden häufig in die Abonnements gewählt? Welche Programmkonzepte gehen auf, welche werden weniger wahrgenommen? Die Erkenntnisse können anschließend in die Programmgestaltung eingebunden werden. Rein programmatische Schwerpunkte loten in jüngerer Zeit ebenfalls immer wieder die Grenzen des etablierten Konzerthausprogramms aus und schaffen so neue, ansprechende Formate. Hierzu zählen konzertante Operndarbietungen, Uraufführungen eigens in Auftrag gegebener Werke, Residenzen berühmter Interpret:innen und Porträtkonzerte. Die Bindung besonderer Künstler:innen schließlich kann einem Konzerthaus darüber hinaus auch einen Wiedererkennungswert verleihen. Mit Einstands- oder Abschiedskonzerten wird dieser Gedanke eines „Ensembles“, einer relativ fest installierten Gruppe von Künstler:innen, verfestigt. So soll dem Publikum die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst als „Kenner“ des Hauses zu verstehen, sich mit dem Haus zu identifizieren und den Künstler idealerweise als Wahrzeichen einer Stadt oder einer Region zu erleben.
In diesem Kontext sind auch die Außenpräsentation und die Vermarktung der verschiedenen Konzertangebote von Bedeutung, darunter die zielgruppengerechte und zeitgemäße Ansprache des Publikums. Dies betrifft nicht nur die sozialen Medien, sondern auch tradierte Formen wie Programmhefte und Anzeigen in (über-) regionalen Publikationen, Mailings zu Programmschwerpunkten, Künstlerresidenzen sowie die Kundennähe und -pflege, die beispielsweise durch überlegtes und nachhaltiges Datenmanagement umgesetzt werden kann. Onlineangebote wie die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker oder das Online-Fernsehen Kölner Philharmonie.tv können die Marketing-Bemühungen eines Hauses ebenso sinnvoll ergänzen wie Medienpartnerschaften, die hauseigene Ensembles mit Rundfunkanstalten pflegen, etwa das NDR Elbphilharmonie Orchester mit dem Norddeutschen Rundfunk oder die Berliner Philharmoniker, deren Europakonzerte regelmäßig von Arte und dem ZDF übertragen werden. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch die Mediatheken, in denen Häuser wie die Hamburger Elbphilharmonie oder das Gewandhaus zu Leipzig neben Streams ihrer Konzertveranstaltungen auch journalistische Beiträge, Videos und Podcasts präsentieren. Gerade auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie in den Jahren 2021/22, als Veranstaltungen mit Live-Publikum nur eingeschränkt, teilweise gar nicht möglich waren, erlangten Angebote wie diese elementare Bedeutung für die Außenwahrnehmung der Konzerthäuser in Deutschland.
Publikum
Die Musik ändert sich nicht, aber das Publikum, das sie hört. Diese Kernaussage beinhaltet die Schwierigkeit, das heutige Publikum anzusprechen, denn ein großer Teil der Bevölkerung gehört zu den „Nichthörern“. Daten aus verschiedenen Umfragen legen nahe, dass der Anteil der Konzertbesucher:innen an der Gesamtbevölkerung bei rund 28 Prozent liegt. Rund 44 Prozent der Bürger:innen besuchen im Lauf eines Jahres ein- oder mehrmals eine Veranstaltung mit (primär) klassischer Musik (Oper, klassisches Konzert, Orgel- oder Chorkonzert, Musical, Tanz/Ballettaufführung). [3] Altersstruktur, Bildung und Milieuzugehörigkeit der Menschen, die in (klassische) Konzerte gehen, werden regelmäßig untersucht. Die erhobenen Daten können Aufschluss über Publikumsentwicklung und Erwartungen eines Kulturbesuchs, wie z. B. eines klassischen Konzerts, geben – trotzdem bleibt es eine komplexe und aufwändige Arbeit, das Publikum zu erreichen und für ein Haus und dessen Programm zu interessieren. Statistisch gesehen häufen sich mit zunehmendem Alter die Besuche klassischer Konzerte. Individuell hängt dies auch davon ab, in welchem Ausmaß in der früheren familiären Sozialisation Kontakte mit klassischer Musik stattgefunden haben. Nachrückende Generationen kommen also nicht mit zunehmendem Alter ganz automatisch in die Konzerthäuser. Eine altersgemäße Ansprache des Publikums müssen die Konzerthäuser demnach für ältere Konzertbesucher:innen ebenso finden wie für die Elterngeneration der 30- bis 49-Jährigen und die der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Einen gravierenden Einschnitt bei der Publikumsentwicklung erlebten die Konzerthäuser in den Jahren der Corona-Pandemie nach 2020. Aufgrund der Kontaktbeschränkungsmaßnahmen inklusive lockdownbedingter Schließungen und drastischer Reduzierung der Sitzplätze lassen sich die Auslastungszahlen dieses Zeitraums mit entsprechenden Perioden der Vergangenheit nicht vergleichen. Wie erfolgreich sich die Konzerthäuser in Deutschland ihr Publikum „zurückgeholt“ haben, dürfte schwer auf einen allgemeinen Nenner zu bringen sein. Zu beobachten ist, dass Häuser, die zuvor schon über einen soliden Publikumsstamm und eine gut ausgebaute Abonnement-Struktur verfügt haben, z. T. schon nach kurzer Zeit auf ähnliche Auslastungszahlen verweisen konnten wie vor der Pandemie. Allgemein lässt sich derzeit (Stand: Januar 2026) eine positive Tendenz bei der Publikumsentwicklung beobachten, vereinzelt sogar mit besonderen Ausreißern nach oben. So etwa konnte das Konzerthaus Dortmund seine Spielzeit 2023/24 mit einem neuen Allzeitrekord bei den Verkaufszahlen abschließen. [4] Gleichwohl konnten und können sich Konzerthausintendant:innen nicht darauf verlassen, dass ihr Publikum „von allein“ den Weg in ihre Häuser zurückfinden würde. Eine auffällige Entwicklung besteht darin, dass die Kosten für Marketing und Zielgruppenansprache seit der Pandemie generell und teilweise deutlich gestiegen sind.
Bei der Frage nach dem Zielgruppenpublikum ist zugleich das Einzugsgebiet der verschiedenen Konzerthäuser von Bedeutung: In Regionen mit hoher Dichte von Konzerthäusern wie Nordrhein-Westfalen besteht aufgrund einer möglicherweise größeren Konkurrenz der Häuser untereinander die Notwendigkeit, das Publikum auch in Bezug auf die Reichweite der Informationen zu kennen und anzusprechen. So muss die Tonhalle Düsseldorf, die sich in direkter Nachbarschaft zu Essen, Dortmund und Köln befindet, eine andere Form der Ansprache und Publikumsbindung finden als beispielsweise die Alte Oper in Frankfurt, die in ihrer Region mit weniger Wettbewerb umgehen muss. Die Elbphilharmonie Hamburg wiederum hat ebenso wie die Berliner Philharmonie mit ihrem großen Anteil an Kulturtouristen, die die Metropolen besuchen, eine größere Reichweite. Sie entscheidet sich damit vielleicht für eine offener gehaltene Kommunikation.
Für die Gewinnung neuer Konzertpublika muss nicht nur wegen der altersmäßig unterschiedlichen Zielgruppen differenziert kommuniziert werden. Ebenso changieren Milieu, Bildung oder Vorlieben innerhalb der Altersgruppen und machen eine Vielzahl von Angeboten notwendig. Um Menschen für sich zu gewinnen und in die Häuser zu bekommen, sind in den letzten Jahren Angebote der Musikvermittlung bzw. Education immer wichtiger geworden. Nahezu jedes Konzerthaus und Orchester ist darum bemüht, einen Zugang zu den Werken klassischer Musik zu ermöglichen. Dazu werden neue Wege der Begegnung gesucht und verschiedene, alternative Konzertformate erprobt. [5]
Ausblick
Konzerthäuser sind relevante Akteure in musikpolitischen und kulturell-wirtschaftlichen Zusammenhängen. Ihre Expertise ist gerade in der pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit ihren vielen gleichwertig nebeneinander bestehenden Normen und Werten ein wertvolles Gut. Beispielsweise ist es gegenwärtig besonders wichtig geworden, gesellschaftliche Diversität nicht nur zu registrieren, sondern aktiv mitzugestalten sowie Menschen und Musik aus anderen Kulturkreisen mit Neugier und Respekt zu begegnen. Hier erweist sich die Beständigkeit der Konzerthäuser als besonders hilfreich: Als Kulturinstitutionen verfügen sie über eine mehr als 150-jährige Erfahrung, mit komplexen Sachverhalten umzugehen und gesellschaftliche Gegebenheiten, die sich in ständigem Wandel befinden, zu verhandeln.
In diesem Zusammenhang ist die Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Konzertbesucher:innen eine dauerhafte Aufgabe, zu deren Erfüllung es durchdachter Strategien der Musikvermittlung sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene bedarf. Gleichzeitig geht diese Aufgabe mit Fragen der Außenwahrnehmung innerhalb der Stadt und (damit verbunden) der architektonischen Aspekte eines Konzerthauses Hand in Hand. Welche Chancen gerade ein neues Gebäude in diesem Zusammenhang bietet, hat – wie eingangs erwähnt – Hamburgs Elbphilharmonie deutlich gezeigt: Drohte die Stadt noch Anfang des Jahrtausends den Anschluss an das internationale Musikleben zu verlieren, hat der architektonisch so unverwechselbare Bau mit seiner städtebaulichen und künstlerischen Vision für einen neuen Aufbruch gesorgt und wirkt dabei nicht nur kulturell stimulierend, sondern auch identitätsstiftend. Ähnlich das Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum, das seit seiner Eröffnung 2016 für eine neue Anziehungskraft des gesamten Stadtviertels gesorgt hat – und zwar, indem die neugotische Marienkirche in den Bau integriert wurde, unter Berücksichtigung der Bochumer Stadtgeschichte und damit eines Stücks lokaler Identität. Typisch für die Ausrichtung der neuen Spielstätten ist zudem ein Anliegen, das die Planer für das Bochumer Haus so formulierten: den Menschen „ein musikalisches Zuhause“ zu geben, „ungeachtet ihrer sozialen Herkunft, ihrer formalen Bildungsabschlüsse, offen für alle Musikrichtungen mit einem breiten Spektrum von der kulturellen Basisarbeit bis hin zur künstlerischen Spitzenleistung.“ [6]
Diese Intention liegt auch der derzeit durchgeführten Sanierung des Bremer Konzerthauses „Glocke“ zugrunde, deren Konzept weitere Nutzungsbausteine wie einen modernen Musikerlebnisraum und Workshopräume miteinbezieht und so den Gedanken der Zugänglichkeit und Vermittlung bereits auf architektonischer Ebene mitdenkt. Auch der Münchner Gasteig HP8 setzt während der Sanierung des Standorts in der Rosenheimer Straße an seinem neuen Hauptstandort beim Heizkraftwerk Süd auf Diversität und bietet neben der Isarphilharmonie auch Raum für verschiedene kulturelle Institutionen sowie Gastronomie für ein breites Publikum.
Ein weiterer Aspekt, den Konzerthäuser vermehrt in den Blick nehmen müssen, ist neben dem Bestreben, zugänglicher, einladender und offener zu werden, auch das Thema Nachhaltigkeit. Häufig noch aus Zeiten stammend, in denen Umwelt- bzw. Klimaschutz kaum oder gar keine Rolle spielte, weisen sie wie viele Kulturgebäude einen großen Energiebedarf und damit hohe Emissionswerte auf. Gerade eine nach heutigen technischen und gesetzlichen Standards durchgeführte Sanierung wie derzeit beim Münchner Gasteig oder der Bremer „Glocke“ bieten die Chance, energieeffizienter und, falls möglich, sogar klimaneutral zu werden. Die Gewinnung von Solarenergie für den eigenen Gebrauch mithilfe von Solarmodulen, wie sie etwa 2024 der Dresdner Kulturpalast auf dem Gebäudedach installiert hat, gehört zu den gebäudetechnischen Maßnahmen, die sich einfach umsetzen lassen. Auf Basis einer zuvor ermittelten CO2-Bilanz und der Beratung durch spezialisierte Anbieter nutzen Konzerthäuser heute zahlreiche Module, um die nicht nur durch das Gebäude, sondern auch durch den Betrieb anfallenden Emissionen zu reduzieren, sei es durch verbessertes Kreislaufmanagement, die Vermeidung von Abfällen, die Optimierung von Arbeitsprozessen oder – etwa durch attraktive Kooperationen mit dem öffentlichen Nahverkehr vor Ort – die klimafreundlichere Gestaltung der eigenen Mobilität und der der Besucher:innen.
Im Kontext einer zeitgemäßen Ansprache verschiedener Publika sind schließlich auch die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nennen, die für die klassische Musik und den Stellenwert der Konzerthäuser große Chancen bieten. Onlineangebote geben den Konzerthäusern viele Möglichkeiten zu mehr öffentlicher Aufmerksamkeit und internationaler Sichtbarkeit, die zunehmend gezielt genutzt werden. Auf praktischer Ebene zählen dazu – neben einem ansprechenden und übersichtlichen Internet-Auftritt, der alle nötigen Informationen zum Programm und zum Haus leicht zugänglich macht –, auch nutzerfreundliche Tools für den Ticketverkauf sowie die Bedienung verschiedener Social-Media-Formate. Auch als hauseigenes künstlerisches Angebot können dauerhaft abrufbare Streams das Programm eines Konzerthauses sinnvoll ergänzen, auch wenn man ihre Möglichkeiten nicht überschätzen sollte. Abgesehen von Verwertungs- und sonstigen rechtlichen Fragen stehen hier Kosten sowie technischer Aufwand oft in einem auffälligen Missverhältnis zum Nutzen. Aus diesem Grund haben viele Konzerthäuser Online-Angebote, die während der Corona-Pandemie als Alternative zur Live-Aufführung entwickelt wurden, auch später nicht weiter fortgeführt. Das Privileg der Konzerthäuser bleibt bei aller medialen Reproduktion somit erhalten: Sie machen es möglich, sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zusammen mit anderen Menschen ganz auf ein musikalisches Werk zu konzentrieren. Nur hier wird Musik in hochwertiger Besetzung, bester Akustik und auf einem hohen künstlerischen Niveau als unmittelbares Liveerlebnis angeboten.
In der nicht wiederholbaren und einzigartigen Erfahrung eines Konzertbesuchs liegt die Stärke der Konzerthäuser, und ihre Relevanz ist ungebrochen. Die Veränderungen, denen der Konzertbetrieb unterworfen sein wird, lassen sich zwar nicht voraussagen; mit der Singularität seines Angebots kann sich das Konzerthaus als wandlungsfähige Kulturform jedoch auch weiterhin behaupten.
Zitationsvorschlag
Stampa, Benedikt (2026): Konzerthäuser. Deutsches Musikinformationszentrum. Online unter: https://miz.org/de/beitraege/version/2026-konzerthaeuser (Zugriff: TT.MM.JJJJ).
Fußnoten
Vgl. dazu auch Julia Regine Rusch: Konzerthäuser in Deutschland nach 1945. Vergleichende Untersuchung zu Planung, Architektur, Akustik und Nutzung von Aufführungsstätten konzertanter Musik, Köln 2016, S. 16 f.
Vgl. Gewandhaus Orchester: Engagement. Online unter: https://www.gewandhausorchester.de/haus/partner/ (Zugriff: 23. April 2026).
Vgl. dazu den Beitrag „Musikpräferenzen“ von Karl-Heinz Reuband.
Vgl. Konzerthaus Dortmund: Rekordsaison am Konzerthaus Dortmund, 3.4.2024. Online unter: https://www.konzerthaus-dortmund.de/de/presse/rekordsaison-am-konzerthaus-dortmund/ (Zugriff: 01. Dezember 2025).
Vgl. dazu auch den Beitrag „Musikvermittlung“ von Johannes Voit.
Vgl. Benedikt Stampa: Musik für alle?, in: Musikforum 3/2017, S. 14 – 18, hier S. 16.




















