Collage mit zwei SchoolJam-Finalisten 2019 auf der Bühne, Pascal Metzger und die Band November.
Collage mit zwei SchoolJam-Finalisten 2019, Pascal Metzger und die Band November  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam
Wie heißt die beste Schülerband Deutschlands? Jahr für Jahr treten hunderte musikbegeisterte Teenager bei SchoolJam gegeneinander an, um diese Frage für sich zu entscheiden. Doch bei allem Ehrgeiz steht hier weniger der Gedanke des Wettbewerbs als der der Freude im Vordergrund. „Wir suchen nicht den Superstar“, bekräftigt auch Gerald Dellmann, Gründer und Organisator des Festivals.

Einmal auf der richtig großen Bühne stehen, einmal ganz oben sein: Davon hat sicher jede Schülerband schon einmal geträumt. Wie es sich anfühlt, wenn der Traum wahr wird, weiß Christian Simbürger. Er ist Gitarrist der Band Flimmer, fünf Jungs aus Regensburg, die sich bis 2019 Aber Hallo! nannten und unter diesem Namen als Sieger aus dem SchoolJam Festival 2016 hervorgingen; bereits im Jahr zuvor waren sie im Finale gelandet. „Zum Preis gehörte ein Auftritt beim Hurricane und beim Southside Festival“, erinnert er sich, zwei der größten Open-Air-Veranstaltungen ihrer Art in Deutschland. Hier hätte Aber Hallo!, umrahmt von prominenten Acts wie Rammstein oder Deichkind, vor Zehntausenden Festival-Besuchern abrocken sollen. „Leider hatten wir in dem Jahr Pech“, sagt Christian, „denn wegen Unwetterwarnungen wurde beides abgesagt.“ Glücklicherweise konnte die Band ihren Auftritt zumindest beim Hurricane Festival im darauffolgenden Jahr nachholen, und auch eine sechstägige Tour nach Shanghai, die SchoolJam organisiert hatte, sorgte für Entschädigung.

„Solche Sachen kann man sich für Geld nicht kaufen“, sagt Gerald Dellmann, der SchoolJam im Jahr 2002 ins Leben gerufen hat. Als Gründer und Chef des Musik-Media-Verlags hatte Dellmann, früher selbst ein erfolgreicher Musiker, engen Kontakt zur Band-Szene in Deutschland. Das Thema „Nachwuchspflege“ brachte ihn auf die Idee, eine Plattform zur Förderung von Schulbands zu initiieren: einen bundesweiten Schülerwettbewerb. „Auch wenn wir es lieber Festival nennen“, sagt Dellmann, „denn der Wettbewerbsgedanke hat ja auch so seine Nachteile.“ Im Grunde genommen, meint er, seien alle Gewinner, die bei SchoolJam mitmachten. „Für den Spannungsbogen aber ist es natürlich wichtig, wenn man hinterher eine ‚beste Schülerband Deutschlands‘ küren kann.“

Auswahlverfahren

Der Ablauf sieht so aus: Mitte September gibt es deutschlandweit an den Schulen – allgemeinbildende wie berufliche – einen Bewerbungsaufruf: Bis kurz vor Weihnachten können interessierte Schülerbands ihre Demos über eine Website hochladen oder einen physischen Tonträger einsenden. 120 von ihnen werden dann zu den zehn Live-Konzerten Ende Januar des darauffolgenden Jahres eingeladen. Die Konzerte finden in unterschiedlichen Regionen Deutschlands statt und bieten den Bands Gelegenheit, sich vor Publikum und einer Fachjury zu präsentieren. Zusätzlich gibt es ein Online-Voting. Am Ende bleiben acht Schülerbands übrig, die im Frühjahr bei der Frankfurter Musikmesse gegeneinander antreten. Hier berät eine weitere, mit prominenten Künstler*innen und anderen Vertreter*innen der Popmusik-Szene besetzte Jury unter Vorsitz von Gerald Dellmann, wer das Finale für sich entscheidet.

Gitarrist Julian Wolf und Bassist Johannes Kellig von Funk Fragment beim Finale 2018.
Funk Fragment beim Finale 2018  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam

„Im Großen und Ganzen ist dieser Ablauf all die Jahre über gleichgeblieben“, sagt Dellmann, „nur die Organisation hat sich verändert.“ Hatte er den Wettbewerb gemeinsam mit seinen Verlags-Mitarbeitern zunächst „nebenbei“ betreut, steht heute ein gemeinnütziger Verein hinter dem Projekt. „Als wir ab 2006 auch Unterstützung vom Bundesjugendministerium erhielten, mussten wir uns einen anderen rechtlichen Rahmen schaffen“, sagt Dellmann. Nach seinem Eintritt ins Rentnerdasein hat sich die SchoolJam im Wesentlichen auf ein Zwei-Mann-Projekt reduziert: „Neben meiner Wenigkeit ist noch der Musiker und Journalist Nikolai Kaeßmann mit an Bord.“

Organisation

In dieser Minibesetzung erledigen die Ehrenamtler ein Pensum, das auch ein größeres Team ins Schwitzen bringen könnte: Sobald das Ende der Sommerferien naht, müssen Plakate und andere Werbematerialien an rund 19.000 Schulen verschickt werden. „Das sind nebenbei gesagt rund 20.000 Euro Portokosten“, wirft Gerald Dellmann ein, „die Hälfte von dem, was wir vom Ministerium bekommen und ein Viertel unseres Gesamtetats von rund 80.000 Euro. 40.000 Euro stammen von Sponsoren aus der Musikindustrie.“ Im nächsten Schritt muss eine Vorauswahl aus den eingegangenen Demos getroffen werden. Bei durchschnittlich 1.500 bis 2.000 Einsendungen die wohl zeitraubendste Aufgabe – aber auch eine der spannendsten, wie Dellmann versichert. „Parallel müssen wir schon die Clubs für die Vorausscheidungen buchen und die Jurys aussuchen.“ Hier arbeitet das SchoolJam-Team schon seit Jahren mit Stamm-Locations in größeren Städten zusammen. Da selbst ein Organisationsgenie wie Gerald Dellmann nicht überall gleichzeitig sein kann, gibt es Betreuer vor Ort, die sich um technische Angelegenheiten wie Aufbau oder Soundcheck kümmern, aber auch um die Verpflegung der Teilnehmer und die Moderation.

Zu diesen Helfern gehören auch Christian Simbürger und seine Bandkollegen. „In dem Jahr als wir mitmachten, verabschiedete sich der langjährige Hauptbetreuer Franco Parisi, um seine Aufgaben in jüngere Hände zu legen“, erzählt Christian. „Als wir dann gemeinsam mit Gerald Dellmann auf der Tour in Shanghai waren, fragte der uns, ob wir spontan daran Interesse hätten.“ Sie mussten nicht lange überlegen: „Wir wollten etwas von dem zurückgeben, was wir selbst bei SchoolJam erfahren haben.“ Das Festival war für die Band, die mit eigenen Songs angetreten war (Schwerpunkt: deutschsprachiger Pop Rock mit Sprechgesang), nicht nur wegen des erfolgreichen Finales ein Meilenstein. Von der Inspiration, die sie hier empfangen haben, zehren sie noch heute. „Vorher hatten wir nur ein paar kleinere Auftritte gehabt, bei Schulbällen und solchen Gelegenheiten“, erinnert sich Christian, „nun standen wir bei den Live-Runden auf einmal vor so vielen Leuten. Aufregend, aber wir haben uns sehr wohl gefühlt – das hatte viel auch mit der guten Atmosphäre des Festivals zu tun.“

SchoolJam-Gewinnerband Aber Hallo aus Regensburg 2016 auf der Bühne mit erhobenen Händen in Siegerpose.
SchoolJam-Gewinnerband Aber Hallo 2016  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam
Die Siegerband Highheel Sneakers aus Schwerin auf der Bühne beim SchoolJam 2019.
Die Siegerband Highheel Sneakers aus Schwerin beim SchoolJam 2019  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam
Die Band Kellerproduktion aus Schneverdingen beim SchoolJam-Finale 2019
Die Band Kellerproduktion beim SchoolJam 2019  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam
Die Gewinner-Band Mikroschrei aus Köln auf der Bühne beim SchoolJam 2017, die bisher jüngste Siegerband.
Mikroschrei beim SchoolJam 2017, die bisher jüngste Siegerband  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam
Die Siegerband Funk Fragment aus Dresden auf der Bühne beim SchoolJam 2018.
Die Siegerband Funk Fragment beim SchoolJam 2018  
Foto:  Nikolai Kaeßmann  /  SchoolJam

Vielfältige Szene

Von Anfang an war es Gerald Dellmann wichtig, den Jugendlichen einen sicheren Raum zu geben, in dem sie sich wohlfühlen. „Wenn ich sage, dass wir alle Schülerbands ansprechen wollen, dann meine ich das auch so, und es gelten für alle die gleichen Regeln“, sagt Dellmann. Ob es sich um Gymnasiastinnen handelt oder um Berufsschüler, ob sich die Bands privat zusammengefunden haben oder Teil eines Schulprojekts sind, ist egal. „Wichtig sind eigentlich nur das Höchstalter von 21 Jahren und die Begrenzung auf zehn Personen“, stellt Dellmann fest. Das eine aus Fairness-, das andere aus logistischen Gründen. Eine Ausnahme gibt es bei Bewerbungen von Förderschulen: Hier dürfen auch Lehrkräfte oder Betreuende mit auf der Bühne stehen. „Inklusion liegt mir ganz besonders am Herzen. Deshalb ist in der Regel auch immer eine Band von einer Förderschule mit im Finale“, sagt Gerald Dellmann. „Das läuft dann nicht über das Online-Voting, sondern über eine Wild Card.“ Auf allen Ebenen wird dabei sehr auf Barrierefreiheit geachtet: „Wenn etwa eine Rollstuhlrampe für die Bühne benötigt wird, bauen wir die vorher auf.“

MIZ WISSEN

Daten zum Wettbewerb


Gründungsjahr: 2001
Erstmalige Durchführung: 2003
Budget: 80.000 Euro pro Ausgabe
Träger: SchoolJam e. V.
Hauptförderer: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Hauptpreis: Auftritte beim Southside- und beim Hurricane-Festival sowie eine professionell betreute Aufnahme im Frankfurter Studio des Abbey Road Institute 

Wie sieht die Durchschnitts-Band aus, die sich bei SchoolJam bewirbt? „Drei bis vier Leute“, sagt Gerald Dellmann, „die klassische Rock-Pop-Band kann man sagen.“ Möglich sind alle Besetzungen, auch Solo-Acts, reine A-cappella- oder Instrumental-Gruppen. Auch die stilistische Bandbreite ist – von Pop bis Metal, von Jazz bis Techno – unbegrenzt; selbst Cover-Versionen sind, mit Einschränkungen, bei SchoolJam erlaubt. „Wen wir bisher noch nicht erreicht haben, sind die Hip-Hopper“, meint Dellmann. Den Grund dafür kennt er nicht, grundsätzlich aber habe die Vielfalt über die vergangenen Jahre immer weiter zugenommen.

Wie viele Schülerbands derzeit in Deutschland aktiv sind, kann Dellmann nicht sagen. Aber was für ein gewaltiges kreatives Potenzial in dieser Szene schlummert, weiß er ganz genau – und auch, wie stark es selbst in Krisenzeiten ist: Da die SchoolJam-Ausgabe 2020/21 wegen der Corona-Pandemie nicht in der üblichen Weise stattfinden konnte, hat das Festival einen Recording-Wettbewerb ins Leben gerufen, bei dem statt der Live-Performances die eingereichten Songs bewertet werden. Mit der Zahl der Einsendungen hat SchoolJam dabei einen neuen Rekord gebrochen. Wie es scheint, muss sich Gerald Dellmann also auch in Zukunft keine Sorgen um die Resonanz auf „seinen“ Wettbewerb machen.

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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