Eine alte Damen sitzt mit ihrem Akkordeon vor einem roten Notenständer.
Seniorenorchester des Frankfurter Verbandes bei den Tagen der Chor- und Orchestermusik 2018  
Foto:  Heiko Rhode
Die Zahl musikinteressierter Menschen im dritten und vierten Lebensalter steigt stetig. Viele Institutionen reagieren darauf mit spezifischen und generationenverbindenden Angeboten. Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel geben einen Überblick und skizzieren das Aufgabenfeld.

In den kommenden Jahrzehnten wird die demografische Situation in Deutschland dadurch geprägt sein, dass die Anzahl junger Menschen sinkt, während die Anzahl älterer Menschen steigt. Diese Entwicklung wird sich deutlich in der Nachfrage an Kulturangeboten widerspiegeln. [1] Im Durchschnitt sind die über 60-Jährigen schon heute wesentlich aktiver und unternehmungslustiger als früher, und an die Ausgestaltung freier Zeit und die Lebensqualität werden große Ansprüche gestellt, wie die prosperierende Reise- und Kulturindustrie belegt. Gegenüber früheren Generationen steigt auch die Zahl der Erwachsenen mit höherem Bildungsabschluss. In Zukunft ist daher mit deutlich mehr Bildungsteilnehmer*innen aus der älteren Generation zu rechnen, sodass eine neue Zielgruppe für anspruchsvolle Bildungsangebote entsteht. Dieser Trend betrifft nicht nur die jungen Alten, sondern auch die steigende Zahl hochaltriger Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen leben, denn psychische und physische Einbußen im hohen Alter müssen nicht zwangsläufig ein Ende von Bildungsinteressen bedeuten.

Bildungsrelevante Tendenzen der demografischen Entwicklung

Der Beginn des Alters kann schwerlich allgemeingültig festgelegt werden, denn die individuelle Sicht auf das Alter, das „gefühlte Alter“, steht keinesfalls in Einklang mit gesellschaftlichen Zuschreibungen, die sich an Verrentung, Entberuflichung und anderen Kriterien orientieren. Wenn überhaupt eine kalendarische Bestimmung vorgenommen wird, so wird als Beginn des Alters häufig das 65. bzw. 67. Lebensjahr angegeben, also der Übergang von der beruflichen in die nachberufliche Phase. [2] Indem die Menschen ein hohes Alter erreichen, wird ihre nachberufliche Altersspanne immer länger, sodass mittlerweile zwischen drittem (junge Alte) und viertem Lebensalter (Hochaltrige) unterschieden wird. Sind die jungen Alten eine in der Regel gesunde und mobile Konsument*innengruppe mit mehr Zeit für Muße und Freizeitaktivitäten, so rücken bei hochaltrigen Menschen Betreuungs- und Pflegethemen stärker in den Vordergrund. Mit zunehmendem Alter leben viele alte Menschen allein (Singularisierung). Als Motivation für den Beitritt zu einem Chor oder einem Ensemble spielt daher neben dem musikalischen Interesse vor allem der Wunsch nach sozialen Kontakten eine Rolle. [3]

„Das Gros der Menschen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren ist heute davon überzeugt, dass künstlerische Fertigkeiten durchaus auch noch im Alter erlernbar sind.“
Autor
Theo Hartogh, Hans Hermann Wickel

Neue Altersbilder und musikkulturelle Vielfalt

Längst hat sich die Altersforschung von einem defizitorientierten Altersbild verabschiedet, das den Blick nur darauf richtet, was der ältere Mensch nicht mehr zu leisten vermag und in welchem Ausmaß körperliche und geistige Beeinträchtigungen zunehmen. Die Kompetenzen und Ressourcen alter Menschen rückten in den letzten Jahrzenten immer stärker in den Blickpunkt. Vor allem im Bereich der Musik lässt sich diese kompetenz- und ressourcenorientierte Sichtweise des Alters mit zahlreichen Praxisbeispielen belegen. Verschiedene politische Akteure und Kulturverbände haben das Thema Kultur bzw. Musik im Alter in den letzten 15 Jahren auf ihrer Agenda gehabt. In einem umfangreichen Schlussbericht über die Situation der „Kultur in Deutschland“ betonte die damals eingesetzte Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages [4] 2007 ausdrücklich den Stellenwert kultureller Bildung in der Lebensperspektive und verband ihre kulturelle Bestandsaufnahme in der Bundesrepublik Deutschland mit dem eindringlichen Appell, die Bemühungen um die Integration kultureller Bildung in allen Politikfeldern zu verstärken und als gesellschaftlichen Auftrag zu verstehen. Die Leitlinien und Hinweise für Musikschulen, die 2010 vom Deutschen Städtetag, Deutschen Landkreistag und Deutschen Städte- und Gemeindebund vorgelegt wurden, forderten von den kommunalen Musikschulen, mit Blick auf die Gesamtbevölkerung auch Angebote für Senior*innen vorzuhalten und in der Zusammenarbeit mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie sozialen Institutionen auf den demografischen Wandel zu reagieren. Explizit nahm der Verband deutscher Musikschulen 2014 in seiner Potsdamer Erklärung „Erwachsene und Senioren als verschiedene Zielgruppen mit jeweils spezifischen Bedürfnissen“ in den Blick.

Obwohl das Sozialgesetzbuch XII § 71 den „Besuch von Veranstaltungen oder Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung, der Bildung oder den kulturellen Bedürfnissen alter Menschen dienen“ als Leistung der Altenhilfe definiert, beklagte der Deutsche Musikrat (2007) in seiner Wiesbadener Erklärung unzureichende Bedingungen für die musikalische Betätigung im Alter und im Besonderen in Alteneinrichtungen. Die Amateurmusikvereinigungen im weltlichen wie kirchlichen Bereich müssten demnach verstärkt Angebote für alle Altersgruppen – generationenübergreifend – bereitstellen und sollten – so der DMR weiter – Musik in der Altenpflege, der sozialen Altenarbeit, der Rehabilitation und der Therapie vermehrt einsetzen. Diese Forderungen sind später auf Fachtagungen in entsprechende Appelle an politisch Verantwortliche und Kostenträger eingeflossen; eine abschließende Einschätzung, inwieweit die Forderungen bundesweit umgesetzt wurden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. [5]

Video

 

Typologie musikalischer Lebensläufe

Die Lebensläufe älterer Amateurmusiker*innen lassen sich im Wesentlichen unter vier Typen subsumieren:

  • Die (instabilen oder stabilen) Lebenszeitmusiker*innen, die ihr Musikengagement bis ins hohe Alter hinein beibehalten, indem sie mehr oder weniger regelmäßig musizieren.
  • Die (frühen oder späten) Aussteiger*innen, die ihre Musikkarriere irgendwann im Lebenslauf endgültig abbrechen und das aktive Musizieren aufgeben.
  • Die (frühen oder späten) Wiedereinsteiger*innen, die ihre Musikkarriere über eine längere Zeit unter-brechen, dann aber – in früheren oder in späteren Lebensabschnitten – wieder mit dem Musizieren beginnen.
  • Die Neueinsteiger*innen, die erst nach dem Berufsende mit dem Singen beginnen oder ein Instrument erlernen. Motivation für diesen Neuanfang ist vor allem die Mitwirkung in einem Ensemble.

Je nach individueller Lebensgeschichte sind in den vier Kategorien unterschiedliche Ausprägungen und Formen des Musikengagements zu finden. [6] Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass auch demenziell erkrankte Menschen durchaus die Möglichkeit haben, trotz kognitiver Einschränkungen ein Instrument und neue Stücke zu erlernen – mit nachweisbar positivem Einfluss auf Lebensqualität, motorische Kompetenzen und kognitive Leistungen (vgl. z. B. www.musikunddemenz.de).

Musik als generationenverbindendes Medium

Musikschulen und Amateurmusikverbände decken ein vielfältiges Spektrum musikalischer Angebote ab, in denen sich verschiedene Generationen begegnen. So werben z. B. Musikschulen mit Musizierangeboten für Großeltern und Enkel. Dabei gibt es bei älteren Musikaktiven im Chor- und Instrumentalbereich durch-aus eine Offenheit gegenüber Musikstilen der Jugendkultur, sodass musikalische Begegnungen in verschiedensten musikalischen Genres möglich sind. Ältere Menschen sind nicht nur passive Nutzer*innen intergenerativer Angebote, sondern sie werden auch selbst im Kultur- und Bildungsbereich aktiv, um dort ihr Erfahrungswissen z. B. im Rahmen von Singpatenschaften in Kindertagesstätten einzubringen.

Bei dem Projekt "Generation Rock" von der LAG Rock in niedersachsen e.V. musizieren Dozentinnen und Dozenten sowie Musikstudierende gemeinsam mit Menschen in Seniorenheimen.
Foto:  Vera Lüdeck  /  Landesarbeitsgemeinschaft Rock in Niedersachsen e.V.
Bei dem Projekt "Generation Rock" von der LAG Rock in niedersachsen e.V. musizieren Dozentinnen und Dozenten sowie Musikstudierende gemeinsam mit Menschen in Seniorenheimen.
Das Projekt „Generation Rock“ von der LAG Rock  
Foto:  Vera Lüdeck  /  Landesarbeitsgemeinschaft Rock in Niedersachsen e.V.
Bei dem Projekt "Generation Rock" von der LAG Rock in niedersachsen e.V. musizieren Dozentinnen und Dozenten sowie Musikstudierende gemeinsam mit Menschen in Seniorenheimen.
Foto:  Vera Lüdeck  /  Landesarbeitsgemeinschaft Rock in Niedersachsen e.V.
Bei dem Projekt "Generation Rock" von der LAG Rock in niedersachsen e.V. musizieren Dozentinnen und Dozenten sowie Musikstudierende gemeinsam mit Menschen in Seniorenheimen.
Foto:  Vera Lüdeck  /  Landesarbeitsgemeinschaft Rock in Niedersachsen e.V.

Institutionen und musikalische Angebote für Ältere

Längst stellen sich Bildungseinrichtungen wie Musikschulen, (Senioren-)Akademien, Volkshochschulen und auch Alteneinrichtungen auf eine wachsende Klientel musikalisch Interessierter ein. Und selbstverständlich geht es hier in erster Linie nicht um das gemeinsame Musizieren mit Gleichaltrigen, sondern mit Gleichgesinnten, die durchaus jüngeren Alters sein können. Als Motive, künstlerisch-kulturell selbst tätig zu sein, werden von älteren Menschen soziale Kontakte und das persönlichkeitsbildende Potential künstlerischen Handelns herausgestellt. Das Gros der Menschen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren ist heute davon überzeugt, dass künstlerische Fertigkeiten – wie ein Instrument spielen oder ein Bild malen zu können – durchaus auch noch im Alter erlernbar sind. [7] Neurophysiologische Studien belegen, dass aufgrund der Plastizität des Gehirns auch im Erwachsenenalter neue Musikstücke und Lieder einstudiert werden können; selbst im fortgeschrittenen Alter kann ein Instrument erlernt werden, wie viele Praxisbeispiele zeigen. Bezüglich der musikalischen Leistungsfähigkeit existieren jedoch große individuelle Unterschiede, die stark vom Gesundheitszustand, der genetischen Grundausstattung und den sozialen Lebensbedingungen abhängig sind.

Stationäre und teilstationäre Einrichtungen
In Alteneinrichtungen und Pflegeheimen stellen musikalische Angebote eine wertvolle Bereicherung des Alltags dar. Verantwortlich für die Etablierung solcher Angebote ist in der Regel der Soziale Dienst der Häuser. Häufig sind die hauptamtlich angestellten Sozialarbeiter*innen, Pflegekräfte und das therapeutische Personal jedoch nicht qualifiziert oder aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage, entsprechende Angebote persönlich durchzuführen, sodass auf externe Fach- und Honorarkräfte oder ehrenamtliche Mitarbeiter*innen zurückgegriffen wird. Seit den 2000er Jahren entstehen Alteneinrichtungen mit musikalischen Profilen, in denen Fachkräfte kulturelle Teilhabe ermöglichen und den positiven Einfluss von Musik auf die Lebensqualität der Bewohner*innen nutzbar machen. Die musikalische Qualifizierung des Pflege- und Betreuungspersonals gehört daher zu musikgeragogischen Aufgaben, die vom Deutschen Musikrat [8] gefordert werden. Da auch immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund die Einrichtungen der stationären Altenhilfe in Anspruch nehmen, müssen sich Kulturangebote vor Ort schon jetzt auf eine kulturell breiter gefächerte Klientel einstellen.

Mobile Angebote, Stadtteiltreffs und Kirchengemeinden
Mobile Kulturangebote sind ein prosperierender Bereich in der Altenbildung, in dem bereits interessante Modellprojekte initiiert wurden. Mobile Musikangebote wie "Willkommen zur Musik" haben sich auf den Besuch alternder Menschen mit Beeinträchtigungen spezialisiert, denen der Besuch von Bildungsinstitutionen erschwert ist. In Stadtteiltreffs und Kirchengemeinden werden Altennachmittage angeboten, in denen vor allem das gemeinsame Singen im Mittelpunkt steht. Mancherorts gibt es auch andere musikalische Aktivitäten wie Instrumentalkreise und Bewegungsangebote zur Musik. Zielgruppe sind hier vor allem mobile Senior*innen. Viele Projekte stadtteilorientierter Kulturarbeit sind intergenerativ angelegt. Es zeichnet sich ab, dass muttersprachliche Musiker*innen wie auch Musikpädagog*innen eine entscheidende Rolle bei der Integration von Senior*innen mit Migrationshintergrund spielen, denn diese sind eine stark wachsende Bevölkerungsgruppe.

Zwei ältere Damen singen gemeinsam aus einem Notenheft beim Deutschen Chorfest
Singalong auf dem Deutschen Chorfest  
Foto:  Roberto Bulgrin  /  Deutscher Chorverband e.V.

Seniorenorchester und -bands

In einer bundesweiten Bestandsaufnahme konnte Stefan Bischoff [9] insgesamt mehr als 1.300 vereinsgebundene Seniorenorchester ausmachen, die als Blasmusikvereine und Spielleutezüge, Akkordeon-Vereine, Sinfonie- bzw. Streichorchester-Vereine oder Zupfmusik-Vereine existieren. Das Deutsche Musiktreffen 60+ in Bad Kissingen ist eine Veranstaltung für Seniorenchöre und -orchester mit Fortbildungsmöglichkeiten und Konzerten an verschiedenen Spielorten (www.bundesmusikverband.de). Der Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester e. V. veranstaltet jährlich eine offene Bundesmusikwoche für Musikfreunde über 50 Jahre in der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf (www.bdlo.de). In der Regel studieren auf solchen Treffen professionelle Musiker*innen die anspruchsvolle Literatur mit den Teilnehmenden ein und leiten die Aufführungen. Da die heutigen Musikinteressierten im dritten Lebensalter in ihrer Jugend mit Pop- und Rockmusik sozialisiert wurden, ist es nicht verwunderlich, dass sich seit Jahren immer mehr Bands mit älteren Mitgliedern gründen und auch erfolgreich auftreten.

(Senioren-)Chöre
Entsprechend der demografischen Entwicklung findet sich kaum eine größere Stadt in Deutschland, in der nicht mindestens ein Seniorenchor zu Hause ist. Im Internet und in Pressemitteilungen häufen sich Aufrufe von Seniorenchören, die sangesfreudige Mitwirkende suchen. Da diese ihre weltlichen und geistlichen Konzertprogramme auf die Bedürfnisse und musikalische Leistungsfähigkeit der älteren Mitglieder zuschneiden, können sie auch für viele Sänger*innen, die in anderen Chören aus Altersgründen ausscheiden, zu einer attraktiven musikalischen Heimat werden. Die zunehmende Pluralisierung von Lebensstilen und Lebensformen in allen Generationen schlägt sich auch in der Vielfalt von Chorformen nieder, die sich in den zurückliegenden Dekaden herausgebildet haben. Kai Koch [10] unterscheidet Senioren-Kirchenchöre und -Kantoreien, Intergenerationelle Chöre und Chorprojekte, (Senioren-)Chöre für Menschen mit demenziellen Veränderungen, projektorientierte Seniorenchorangebote sowie weitere Chorangebote; hervorzuheben ist die wachsende Zahl von Rock- und Popchören, die häufig mit ausgefeilten Choreografien performen. Hier macht sich die Tendenz der Verjüngung darin bemerkbar, dass mittlerweile viele Chöre Bewegungs- und Showelemente in ihre Auftritte einbauen. Ein Verzeichnis deutscher Seniorenchöre findet sich auf www.singen-im-alter.de.

Musikschulen
Die Schüler*innenzahlen 60+ an den Musikschulen des VdM sind in den letzten 20 Jahren stetig angestiegen. [11] Über die Vielfalt der Einzel- und Gruppenangebote informieren die Internetauftritte der Musikschulen und die 2008 vom VdM herausgegebene Schrift „Musik – ein Leben lang! Grundlagen und Praxisbeispiele“. Durch die Kooperation mit Alteneinrichtungen wenden sich viele Musikschulen einer neuen Klientel zu, die die Angebote auch am Vormittag wahrnehmen kann. Die Auswertung einer Blitzumfrage der Bundesgeschäftsstelle des VdM im Dezember 2020 [12] unter 119 Mitgliedsschulen, die mit einer Alteneinrichtung kooperieren, ergab, dass mehr als die Hälfte vertragliche Vereinbarungen trifft und die Zusammenarbeit ansonsten auf mündlichen Absprachen basiert. Das Singen und Musizieren findet überwiegend in Gruppen wie Singkreis, Musizierkreis, Tanzrunde oder Chorangebot statt. Ein kleiner Teil dieser Angebote ist generationsübergreifend, z. B. mit Kindern der Musikalischen Früherziehung oder Grundschulkindern. Gelegentlich nutzen die Musikschulen auch die Einrichtungen als Aufführungsorte für Konzerte ihrer Schüler*innen, Lehrkräfte oder Musikschulensembles.

Aus- und Weiterbildung

Für eine professionelle Arbeit sollten die Musiklehrkräfte neben den musikalischen Kompetenzen auch über ein Grundwissen zur Arbeit mit der Zielgruppe verfügen. In etlichen Studiengängen der Elementaren Musikpädagogik sind musikgeragogische Inhalte fester Bestandteil der Lehre. Die Fachhochschule Münster hat 2004 in Kooperation mit Partnern wie Landesmusikakademien und Landesverbänden der Musikschulen eine hochschulzertifizierte Weiterbildung „Musikgeragogik” ins Leben gerufen, in der ein multidisziplinäres Team an verschiedenen Standorten in Deutschland musikgeragogische Inhalte in Theorie und Praxis lehrt. Musikalische Ausbildungen und die fachliche Weiterentwicklung der Musikgeragogik im Bildungswesen, im Sozialwesen, im Gesundheitswesen und in der Pflege fördert die Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik. Ein Blick in die Jahresprogramme der Bundes- und Landesmusikakademien zeigt, dass ältere Menschen auch hier eine Zielgruppe sind, die Berücksichtigung findet. Die Themenpalette der Landesmusikakademien ist vielfältig und reicht vom „Zitherseminar für Senioren“ über „Singende Senioren“ bis zur Seminarreihe für erwachsene Rock- und Popmusiker*innen oder Samba für Senior*innen u. v. m.

MIZ WISSEN

Weiterführende Literatur


Theo Hartogh, Hans Hermann Wickel: Musizieren im Alter. Arbeitsfelder und Methoden. Mainz 2008

Hans Hermann Wickel, Theo Hartogh (Hrsg.): Musikgeragogik in der Praxis. Musikinstitutionen und freie Szene. Münster 2019

Hans Hermann Wickel, Theo Hartogh (Hrsg.): Musikgeragogik in der Praxis. Alteneinrichtungen und Pflegeheime. Münster 2020

Ausblick und Fazit

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels steigt die Zahl Musikinteressierter im dritten und vierten Lebensalter stetig. Institutionen wie Musikschulen reagieren auf diesen Trend mit zielgruppenspezifischen und generationenverbindenden Musizierangeboten. Im Bereich der Chöre und Instrumentalensembles ist eine große Vielzahl altershomogener und -heterogener Praxisgemeinschaften zu verzeichnen, bei denen die Freude an der Musik und der soziale Austausch im Vordergrund stehen. Die aktuellen Entwicklungen belegen, dass sich das Singen und Musizieren mit älteren Menschen in Musikinstitutionen, der freien Szene sowie in Alteneinrichtungen und Pflegeheimen für Musiker*innen und Lehrende der Gesangs- und Instrumentalpädagogik als ein interessantes und bereicherndes Aufgabenfeld mit innovativen Potenzialen darstellt.

Theo Hartogh ist seit 2005 Professor für Musikpädagogik und historische Musikwissenschaft an der Universität Vechta. Seine Forschungsschwerpunkte sind Musikgeragogik, Musik in der Sozialen Arbeit und Musiktherapie.

Hans Hermann Wickel war 1995–2020 Professor für Musik in der Sozialen Arbeit an der FH Münster. Er leitet dort weiterhin die hochschulzertifizierten Weiterbildungen Musik- und Kulturgeragogik und ist 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik e. V.

Fußnoten

  1. Vg. Statistisches Bundesamt (2021). Bevölkerung. Demografischer Wandel. Online unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html  (Zugriff: 8. März 2021).
  2. Vgl. Weltgesundheitsorganisation (WHO). Regionalbüro für Europa. Strategie und Aktionsplan für gesundes Altern in der Europäischen Region (2012–2020). Online unter: http://www.euro.who.int/_ _data/assets/pdf_file/0006/176118/RC62wd10Rev1-Ger.pdf?ua=1  (Zugriff: 8. März 2021).
  3. Vgl. Kai Koch: Seniorenchorleitung. Empirische Studien zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen, Berlin 2017, S. 76–81; vgl. auch Deutsches Musikinformationszentrum: Amateurmusizieren in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in der Bevölkerung ab 6 Jahre. Bonn 2021.
  4. Deutscher Bundestag 2007: Schlussbericht der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“, S. 400. Online unter dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/070/1607000.pdf  (Zugriff: 11. März 2021).
  5. Vgl. z. B. https://www.lmr-hh.de/wp-content/uploads/2020/04/Appell_Fachtagung-Musik_und_Demenz_2019.pdf  (Zugriff: 7. April 2021).
  6. S. Theo Hartogh: Musikgeragogik – ein bildungstheoretischer Entwurf. Musikalische Altenbildung im Schnittfeld von Musikpädagogik und Geragogik, Augsburg 2005, S. 171–174.
  7. Susanne Keuchel, Andreas J. Wiesand: Kulturbarometer 50+. „Zwischen Bach und Blues ...“, Bonn 2008, S. 96.
  8. Vgl. Deutscher Musikrat, Wiesbadener Erklärung, S. 1.
  9. Stefan Bischoff: Musikvereine im demografischen Wandel – Zwischen Tradition und Moderne, in: Hans Hermann Wickel, Theo Hartogh (Hrsg.): Praxishandbuch Musizieren im Alter, Schott 2011, S. 177–193.
  10. Koch, Seniorenchorleitung, S. 36–58.
  11. Vgl. die Statistik Schülerzahlen und Altersverteilung an Musikschulen im VdM.
  12. Theo Hartogh, Hans Hermann Wickel: Chancen und Perspektiven der Musikschularbeit in Koope-ration mit Alteneinrichtungen. Erfahrungen, Projekte und Gelingensbedingungen, in: Üben & Musizieren 3/2021, 32-34.

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