Preisträger des 27. Wettbewerbs des Deutschen Musikinstrumentenfonds 2019 mit Irene Schulte-Hillen.
Preisträger*innen des 27. Wettbewerbs des DMIF 2019 mit Irene Schulte-Hillen  
Foto:  David Ausserhofer
Mit dem Begriff Begabtenauslese ist der Zweck der Deutschen Stiftung Musikleben kurz umrissen, gleichwohl ist es mehr als das. Die Stiftung gehört seit ihrer Gründung 1962 zu den wichtigsten, engagiertesten und effizientesten Fördereinrichtungen, die bundesweit tätig sind. Zuschuss vom Staat gibt es nicht.

Kreativität, Leidenschaft und harte Arbeit sind Grundvoraussetzungen für jede Musikerin und jeden Musiker. Um von der eigenen Kunst dauerhaft leben zu können, bedarf es jedoch letztlich auch einer großen Portion Glück. Eine der schönsten glücklichen Fügungen für junge Musiktalente dürfte eine Förderung durch die Deutsche Stiftung Musikleben sein. Die in Hamburg ansässige Stiftung gehört zu den wichtigsten Fördereinrichtungen in Deutschland. Sie wurde 1962 von dem Musikverleger Hans Sikorski und dem Bankier Wolfgang Essen gegründet und arbeitet bis heute gänzlich ohne staatliche Zuschüsse.

Zielgruppe und Stiftungsanliegen

Tatsächlich liest sich das Stipendiaten-Verzeichnis wie das Who’s who der Klassikwelt. Zu den ehemaligen Geförderten gehören die Weltklassemusikerinnen und -musiker Frank Peter Zimmermann, Julia Fischer, Veronika Eberle und Nicolas Altstaedt. Aktuell betreut die Stiftung rund 300 Stipendiatinnen und Stipendiaten, alle zwischen 12 und 30 Jahre alt. „Es ist beglückend zu sehen, wie viele unserer Hoffnungsträger es auf die großen Bühnen schaffen und als Vertreter einer neuen Solistengeneration international für Furore sorgen“, sagt Irene Schulte-Hillen, seit knapp 30 Jahren Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben und das eigentliche Kraftwerk im Hintergrund. Gemeinsam mit ihrem Team vermittelt sie mit der ihr inne liegenden Leidenschaft, Zuverlässigkeit und Entschlossenheit Konzerte, lanciert Begegnungen, glättet Wogen und sorgt für die notwendigen finanziellen Mittel. Tatsächlich dürfte das zuletzt Genannte die umfangreichste Aufgabe von Irene Schulte-Hillen sein: Jährlich wirbt sie rund eine Million Euro für die Stiftung ein, einzig durch Zuwendungen von Freunden und Förderern aus ganz Deutschland, vor allem aus Hamburg. Irene Schulte-Hillen weiß sich auf dem heiklen Parkett sicher zu bewegen, doch gibt sie zu, dass das Einwerben der notwendigen Ressourcen gerade in Pandemie-Zeiten nicht immer einfach ist: „Wir pflegen die Kontakte zwischen Musikern und Spendern intensiv und zeigen, wie sehr wir ihre Hilfe schätzen“, betont Schulte-Hillen. „Unsere Stipendiaten haben ganz verschiedene Hintergründe und Bedürfnisse – auch finanziell. Es ist uns ein Anliegen, den Talenten die bestmöglichen Ausgangschancen zu bieten, gerade in unsicheren Zeiten.“

Konzert von drei Stipendiatinnen 2020 (Klavier und Cello).
Konzert von Stipendiatinnen 2020  
Foto:  Jann Wilken  /  DSM

Deutscher Musikinstrumentenfonds

Das Herzstück der Stiftung und ein nationales Unikum stellt der vor knapp 30 Jahren ins Leben gerufene Deutsche Musikinstrumentenfonds dar. Es ist ein bundesweites Förderprogramm innerhalb der Stiftung für den hochbegabten Streichernachwuchs, bei dem in Kooperation mit privaten Treugebern und der Bundesregierung hochwertige Instrumente an ausgesuchte Talente vergeben werden. Aktuell betreut die Stiftung in diesem Fonds über 225 alte, klangschöne Streichinstrumente, die über einen jährlich ausgetragenen Wettbewerb leihweise an herausragende junge Instrumentalisten vergeben werden. „Es ist kein Luxus, wenn junge Musikerinnen und Musiker Stradivaris spielen“, stellt Irene Schulte-Hillen klar. „Sie alle sind hochbegabt und brauchen jedwede Unterstützung, die sie sonst nicht bekämen. Und ab einem gewissen Grad an Talent gehört es eben dazu, mehr noch: ist es entscheidend, auch das richtige Rüstzeug für eine internationale Karriere zu haben“. Ausgestattet mit hochwertigen Instrumenten reifen die jungen Talente in den Händen der Stiftung zu einer neuen Solistengeneration heran. Als „Stars von Morgen“ sind sie bei den Musikfesten auf dem Lande des Schleswig-Holstein Musik Festivals präsent, sie sammeln Bühnenerfahrung bei intimem Lunchkonzerten oder Festkonzerten im Hause des Bundespräsidenten, bei Gastspielen in der Elbphilharmonie oder mehrtägigen Konzertreisen im In- und Ausland.

MIZ WISSEN

Deutsche Stiftung Musikleben


Gründung, Rechtsform, Struktur

  • 1962 als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet, seit 1992 operativ mit einer Geschäftsstelle in Hamburg tätig
  •  ehrenamtlich tätiges Präsidium (Vorsitz: Irene Schulte-Hillen) und Kuratorium
  •  Schirmherrschaft: Bundespräsident

Tätigkeitsschwerpunkte

  • Leihgabe von Instrumenten aus dem Deutschen Musikinstrumentenfonds (gegr. 1993 mit der Bundesregierung)
  • Schaffung von Auftrittsmöglichkeiten
  • Stipendien- und Patenschaftsprogramm

Aktuelle Informationen

Stipendiat*innen der Stiftung beim Sommerkonzert 2021 in einer Kirche auf Sylt.
Stipendiat*innen der Stiftung beim Sommerkonzert 2021 auf Sylt  
Foto:  Claudia Ernestine Clasen

Breites Förderspektrum

Aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus weiß Irene Schulte-Hillen, dass eine Förderung immer nur so gut sein kann, wie sie zu den Bedürfnissen der Geförderten passt. Aus diesem Grund hat sich die Stiftungsarbeit im Laufe der Zeit  immer weiter verfeinert. In den letzten Jahren lag ein Schwerpunkt auf dem Ausbau des Stipendien- und Patenschaftsprogramms und der Durchführung größerer Kammermusikprojekte. In diesem Programm treffen sich von der Stiftung ausgewählte Stipendiaten, um unter der Leitung einer weit fortgeschrittenen Alumna oder eines weit fortgeschrittenen Stipendiaten  Werke der Kammermusik einzustudieren. Präsentiert werden die Stücke unter anderem in dem seit 2017 jährlich veranstalteten Kammermusikfest im Großen Saal der Elbphilharmonie. Hier führte schon die Pianistin Olga Scheps mit Nachwuchstalenten das Schumann Klavierquintett auf, 2019 spielte die Geigerin Viviane Hagner mit einem elfköpfigen Kammerorchester der Stiftung Mendelssohns Violinkonzert d-Moll. Auch der international für Furore sorgende Pianist Igor Levit wirkte bereits an Kammermusikprojekten mit, etwa 2013 in den Deichtorhallen Hamburg oder 2017 beim Festkonzert im Pierre Boulez Saal Berlin. Irene Schulte Hillen erklärt: „Der Hauptteil der an diesen Projekten mitwirkenden Musikerinnen und Musiker besteht aus Preisträgern des Deutschen Musikinstrumentenfonds. Sie profitieren in vielfältiger Weise von den Kammermusikprojekten, unter anderem durch die Weiterentwicklung der künstlerischen und pädagogischen Fähigkeiten, das Sammeln wichtiger kammermusikalischer Erfahrungen, den Ausbau des Repertoires, die Erweiterung des musikalischen Netzwerks, den Zusammenschluss zu neuen, oftmals langjährigen Kammermusikpartnerschaften sowie die Erweiterung des musikalischen Horizonts durch wichtige Konzerterfahrungen.“

„Wenn man nicht aufgibt, kann man Großes auf die Beine stellen."
Autor
Irene Schulte-Hillen

Für die individuelle Förderung stellt die Stiftung darüber hinaus Sonderpreise und Stipendien zur Verfügung: Es gibt Auszeichnungen beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ für die Jüngeren und Jahresstipendien beim Deutschen Musikwettbewerb – beides Projekte des Deutschen Musikrats. In Kooperation mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius gehen Auslands-Stipendien an angehende Solist*innen. Darüber hinaus ermöglicht das Carl-Heinz Illies-Förderstipendium jungen Pianist*innen den Besuch internationaler Klavierwettbewerbe oder Meisterkurse. Über den im Frühjahr 2020 eingerichteten Corona-Hilfsfonds konnten bis einschließlich Juli 2020 knapp 50 Stipendiatinnen und Stipendiaten in ihrer zum Teil existenziell bedrohlichen Lebenssituation unterstützt werden; zum Jahresende 2020 ist eine dritte Vergaberunde angesetzt.

Leihverlängerer Deutscher Musikinstrumentenfond 2020.
Leihverlängerer DMIF 2020  
Foto:  Jann Wilken
Streichensemble beim Kammermusikfest der DSM 2019.
Streichensemble beim Kammermusikfest der DSM 2019  
Foto:  Jann Wilken
zwei junge Musiker (Klavier und Querflöte) beim Krönungsmahl 2019 auf der Bühne.
Krönungsmahl 2019  
Foto:  Andreas Herrmann  /  Stadt Aachen

Allen Schwierigkeiten, mancher Kritik und neidvollen Unkenrufen zum Trotz: Für Irene Schulte-Hillen ist die Stiftungsarbeit eine Herzensangelegenheit, mit der sie auch in Zukunft noch viel bewegen möchte. „Der Erfolg gibt uns die Energie, auch in diesen für die Kunst so schwierigen Zeiten weiterzumachen. Für die kommenden Jahre wünsche ich mir noch viele musikalische Neuentdeckungen und die Unterstützung unserer Arbeit durch Freunde und Förderer, um mit gesicherten finanziellen Mitteln diese jungen Menschen auf ihrem Weg begleiten und fördern zu können.“ Denn: „Wenn man nicht aufgibt, kann man Großes auf die Beine stellen, etwas, das Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Hintergründe durch die Musik verbindet. Das ist es, worum es geht.“

Über die Autorin

Anke Steinbeck ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Musikrat. Sie war ebenfalls u. a. für das Bundesjugendorchester und das Jazzfest Bonn tätig. Ihre Dissertation "Jenseits vom Mythos Maestro – Dirigentinnen für das 21. Jahrhundert" erschien im Jahr 2010.
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