Am 11. Juni 2021 fand nach 16 Jahren erstmals wieder eine Popkomm in Köln statt – nicht mehr als große Messe der Musikbranche, aber als Parliament of Pop. Live im Stream mit hochkarätigen Politiker:innen wie Karl Lauterbach (SPD), Claudia Roth (Bündnis 90/ Die Grünen), Susanne Henning-Wellsow (Die Linke) sowie Vertreter:innen der Musik- und Kulturbranche und so relevant wie nie.
In insgesamt sechs Programmpunkten tauschten die Anwesenden Erfahrungen des letzten Jahres aus, Hoffnungen über die Zukunft und teilweise auch sehr hitzige Argumente. 

"Epidemiologisch ist das nicht sinnvoll“ – Karl Lauterbach

Dass das Comeback der Popkomm sich mal mit der Unterstützung der Musikbranche von Seiten der Politik in Zeiten einer Pandemie beschäftigt, statt mit großen Musikacts und Aftershow-Partys, hätte wohl zur Gründung niemand gedacht. Doch gerade deswegen ist die Neuauflage der Popkomm sowie das Parliament of Pop im Superwahljahr nicht nur relevant, sondern ebenso zeitgemäß. So erscheint es nur logisch, dass nach einer Anmoderation durch Isabel Roudsarabi, Chefredakteurin von Höme für Festivals, und Steve Blame, der erste Gast der Veranstaltung, die Person ist, die im letzten Jahr zu so etwas wie dem Popstar der Politik geworden ist: Karl Lauterbach. Zwar kämpfte das Streamingevent anfangs mit der Technik, wodurch Karl Lauterbach die ersten Minuten nicht hörbar war. Nachdem diese jedoch behoben wurden, konnte der Politiker und Mediziner gemeinsam mit Rembert Stiewe (Orange Blossom Special) und Holger Hübner (Wacken Open Air), doch noch eine Einschätzung zu Konzertveranstaltung geben: "Ich finde diese Obergrenze von 1000 [Besucher:innen laut CorSchuVo in NRW] sinnvoll. […] In der Kombination geimpft, genesen oder getestet 1000 Leute zusammenzubringen, ist aus meiner Sicht sehr robust möglich. Das wird keine zusätzlichen Fälle verursachen.“ Eine gemeinsame Bilanz, die sich aus dem Gespräch ziehen lässt, ist, dass – ob Pop oder Politik – zufriedenstellend sind die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidenden Maßnahmen für beide Seiten nicht, wie auch Karl Lauterbach noch einmal betont: "Epidemiologisch ist das nicht sinnvoll.“

re: Scue - "Ich bin dabei die halbe Republik zu verklagen.“ – Dany Rau

Im nächsten Programmpunkt Re:Scue berichten Dany Rau und Sandra Beckmann über die Erfolge, aber auch Niederlagen des letzten Jahres. Beide bemühen sich auf unterschiedliche Weise nicht nur eine Stimme für die Branche zu sein, sondern eben auch langfristig eine Sichtbarkeit und einen Wechsel für die Musiklandschaft in der Politik zu erreichen. Sandra Breckmann gemeinsam mit der deutschlandweiten Initiative Alarmstufe Rot und Dany Rau, indem er für sein Recht auf Entschädigung klagt.

re: New - "Wir müssen Kultur als Teil der Daseinsvorsorge begreifen“ – Jens Herrndorff

Versöhnlicher ging es bei re: New zu. Jens Herrndorff, der Manager von Fettes Brot, trat im Bühnengespräch für Bündnis 90/Die Grünen, Joe Chialo, Labelchef von Airforce 1, für die CDU und Daniel Schneider, Chef und Booker vom Deichbrand Festival, für die SPD an. Doch, statt großen Streites – den sollte es später am Abend noch geben – zeigten die Gäste der Popkomm oft eines: dass der kreativ- und kulturwissenschaftliche Politiknachwuchs sich, ungeachtet von politischen Werten, darin einig ist, dass Kultur jede Person betrifft und berührt. "Am Ende des Tages geht es um den Menschen und alles, was wir hier heute gehört haben […], hat ein Ziel, dass es sich um den Menschen dreht und dass wir die Voraussetzungen schaffen, dass es den Menschen gut geht“, fasst es Joe Chialo von der CDU abschließend zusammen.

Susanne Henning-Wellsow stellt sich im Interview der Frage wie Politik und Pop vereinbar sind und Zuschauer:innen erleben, wie wichtig Musik für die Linkenpolitikerin ist. Spätestens bei der Frage von Steve Blame, ob sie denn glaube, dass Popmusiker:innen wollen, dass sie von Politiker:innen gehört werden und Susanne Henning-Wellslow erwidert: "Du nimmst hier etwas für dich in Anspruch, dass alle Politiker:innen gleich sind zum einen und dass sie keine Menschen sind, sondern Maschinen, die nur funktionieren […], um Stimmen zu bekommen. Das ist aber nicht das Leben. […] Das, was ich jeden Tag tue, tue ich aus voller Überzeugung. Wenn ich dann Musik dafür finde, dann finde ich das geil. Dann will ich die hören und dann will ich das mitnehmen.“ Greifbarer wird es noch am Beispiel der Musik von Sleaford Mods, aus der Susanne Henning-Wellsow vor allem die Klarheit mitnimmt, die es aus ihrer Sicht in der Musik gibt und es in der Politik bräuchte.

"Es braucht in unserer Demokratie, die verdammt noch mal nicht immun ist, viele Künstler:innen, die Haltung beweisen!" - Claudia Roth

Wie emotional diese Themen sind, wie emotional Politik und Pop am Ende verknüpft sind und wie schnell sich Gespräche über diese Themen aufheizen können, wird spätestens in der abschließenden Talkshow re: Mind um 22 Uhr klar, als Ole Plogstedt die TOUR D`AMOUR anspricht. Die TOUR D`AMOUR ist Initiative, die gemeinsam mit über 100 Künstler*innen Sach- und Geldspenden für die Geflüchtetenlager an den EU-Außengrenzen sammelt, um darüber Druck auf die Politik auszuüben, den Menschen dort zu helfen. Was daraufhin auf der Bühne zu beobachten ist, sind auf der einen Seite pure Gefühle, die sich über Parteigrenzen hinweg vereinen können. Auf der anderen Seite aber auch wie aufgeladen die Meinungen aneinander prallen können - wie im aufflammenden Streit zwischen Joe Chialo und Susanne Henning-Wellsow sowie Erhard Grundl (Bündnis 90 / Die Grünen) klar wird. Was auf einer zweiten Ebene ebenso klar wird, ist aber, dass Pop und Politik Themen sind, die jeden berühren. Ungeachtet der Generation, des Geschlechts und der persönlichen Lebenssituation.

Etwas früher am Abend fasst die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth in ihrer Videobotschaft im Zuge des Programmpunkts re: Member wie folgt zusammen:
"Gerade unsere Zeit braucht Musikerinnen und Musiker, braucht Konzerte, braucht Liveacts in Anbetracht der großen Herausforderungen. Musik, Songs und Stimmen sind Grundnahrungsmittel unserer Demokratie. Das heißt, es braucht in unserer Demokratie – die verdammt nochmal nicht immun ist – […] viel Künstler*innen, die Haltung beweisen, die Stellung beziehen, die Solidarität bezeugen und die Stimme erheben. Und wer kann besser die Stimme erheben als Musiker und Musikerinnen. Natürlich, Kunst und Kultur sind frei. Das heißt, sie muss nicht politisch sein, wenn sie nicht will – aber sie kann es.“

Die gesamte Veranstaltung mit weiteren interessanten Gesprächen und emotionalen Momenten ist auf Facebook und YouTube verfügbar. Alle weiteren Infos finden sich auf der offiziellen Homepage.

Das nächste Veranstaltungsformat der Popkomm – Parliament of Pop gibt es am 24. September im Zuge des Reeperbahnfestival.

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