Fortbildung an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen
Fortbildung an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen  
Foto:  Nico Pudimat

Ob ausübend, vermittelnd oder Musik nutzend: Für viele musikalische Arbeitsfelder gibt es Fort- und Weiterbildungsangebote. Mit ihnen werden ganz unterschiedliche Zielgruppen angesprochen.

Die Motivationen und Ziele von Menschen, an musikbezogenen Fort- und Weiterbildungsangeboten teilzunehmen, fallen sehr unterschiedlich aus: Sie reichen von persönlichen Interessen, das eigene musikalische Können zu vertiefen und/oder neue Erfahrungen in bisher unbekannten Themenbereichen zu sammeln, bis hin zu dem Wunsch, durch eine Zusatzqualifizierung die eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Musikalische Fort- und Weiterbildungen werden in Deutschland von verschiedenen Institutionen durchgeführt, darunter Landes- und Bundesakademien, Hochschulen und freie Träger. Sie umfassen verschiedene Formate wie Tagungen und Symposien, (Mehr-)Tages- oder Wochenendveranstaltungen sowie umfangreiche berufsbegleitende Weiterbildungen mit Zertifikatsabschluss. 

Zielgruppen musikalischer Fort- und Weiterbildungen sind primär Multiplikator:innen sowie ausübende Musiker:innen. Mit dem Begriff „Multiplikator:in“ sind diejenigen gemeint, die in ihren beruflichen und/oder ehrenamtlichen Tätigkeitsfeldern Musik vermitteln bzw. einsetzen. Hierzu zählen sowohl Personengruppen mit einer professionellen musikalischen Ausrichtung als auch solche, bei denen Musik nur einen Teilbereich ihrer Tätigkeit einnimmt. Eine Klientel wie bspw. Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen oder Mitarbeitende in der Altenarbeit zielen durch die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen häufig darauf ab, ihre berufliche oder private Tätigkeit in musikbezogenen Aktionsfeldern zu erweitern oder sogar gänzlich zu verlegen – z. B. die musikalisch vorerfahrene Erzieherin, die aufgrund der Teilnahme an einem mehrphasigen Lehrgang zur Elementaren Musikpädagogik eine berufliche Neuorientierung an einer Musikschule sucht. Demgegenüber streben Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen und Musikschulen, Kirchenmusiker:innen, Musiktherapeut:innen oder Chor- und Orchesterleiter:innen durch Qualifizierungsmaßnahmen eher eine Spezialisierung in Form der Erweiterung bestimmter musikalischer Kompetenzen an – etwa der Kirchenmusiker, der aufgrund des hohen Altersdurchschnitts seines Chores ein Wochenendseminar zum Thema „Singen im Alter“ besucht, um aus theoretischer und praktischer Perspektive mehr über das Phänomen der Altersstimme zu erfahren. 

Bei den ausübenden Musiker:innen steht hingegen die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten auf dem Instrument oder mit der Stimme im Vordergrund. Sie besuchen bspw. einen Meisterkurs an einer Musikhochschule oder bei privaten Anbietern. Doch auch an die Weiterqualifizierung etwa von Orchestermusiker:innen für die Arbeit im Musikschulbereich ist hier zu denken.

Die Konzeption, Organisation und Durchführung musikalischer Fort- und Weiterbildung orientiert sich also an den spezifischen Bedarfen der Multiplikator:innen und Musiker:innen. Darüber hinaus reagieren die Einrichtungen, die musikbezogene Fort- und Weiterbildung anbieten, auch auf konkrete Bedarfe von Interessenvertretungen. So entstehen z. B. Bildungsangebote im Auftrag von Musikverbänden, kulturpolitischen Entscheidungsträgern oder Stiftungen, etwa im Bereich Vereinsmanagement oder Fördermittelakquise.

(Früh)Kindliche musikalische Bildung

Zielgruppen musikalischer Fort- und Weiterbildung in dem wichtigen Themenbereich Frühpädagogik sind insbesondere Erzieher:innen, Frühpädagog:innen und Personal in der Kindertagespflege, die ihre musikalischen Fähigkeiten im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit entwickeln oder ergänzen möchten. Damit begegnen sie nicht zuletzt dem häufigen Mangel an musikalischer Qualifizierung innerhalb ihrer Ausbildungsgänge. 

Hier bietet vor allem die Disziplin der Elementaren Musikpädagogik hilfreiche Methoden und Ansätze an, um die (früh)kindliche musikalische Bildung zu fördern. Dabei werden die Altersstufen der Kinder differenziert betrachtet, um auf die verschiedenen Entwicklungsstufen und Bildungsbedarfe angemessen reagieren zu können. Zertifizierte Lehrgänge zur Elementaren Musikpädagogik fokussieren sich zumeist auf die Altersgruppe von Kita-Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Das Netzwerk Edumusik, das mit Tagesfortbildungen vorwiegend in Nordrhein-Westfalen aktiv ist, aber auch an Projekten in Hamburg oder Berlin mitgewirkt hat, widmet sich mit seinem Angebot wiederum gezielt dem Bereich der frühkindlichen Bildung. 

Das Fort- und Weiterbildungsspektrum in diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren thematisch deutlich erweitert bzw. spezialisiert. Neben Kursformaten zu Themen wie „Singen mit Kindern“, „Rhythmus und Bodypercussion“, „Tanz und Bewegung“ oder „Elementares Instrumentalspiel“ werden mittlerweile auch Programme zur „Sprachförderung mit Musik“ oder „Resilienzförderung durch Musik“ angeboten. Dadurch hat sich auch die Klientel vergrößert, die entsprechende Bildungsprogramme wahrnimmt – inzwischen nehmen nicht mehr ausschließlich Erzieher:innen und Tagespflegepersonen, sondern mehr und mehr auch ausgebildete Sänger:innen, Perkussionist:innen und Tänzer:innen oder Kinderpsycholog:innen und Logopäd:innen an den Qualifizierungsmaßnahmen teil, um ihr eigenes Portfolio durch musikalische Angebote auszubauen.

In den Bundesländern sind für diese Fort- und Weiterbildungen verschiedene Programme aufgelegt worden, darunter das Netzwerk Kitamusik (Nordrhein-Westfalen), Singen – Bewegen – Sprechen (Baden-Württemberg), Wir machen die Musik (Niedersachsen) oder Singen und Musizieren in der Kindertagesstätte – SIMUCKI (Rheinland-Pfalz). Sie überschneiden sich in ihren Zielen dahingehend, möglichst vielen Kindern den Zugang zu musikalischer Bildung und kultureller Teilhabe zu ermöglichen – und das unabhängig von Herkunft, sozialen Voraussetzungen oder individuellen Fähigkeiten. Die jeweiligen Landesregierungen und privaten Träger fördern die Maßnahmen zum Teil seit vielen Jahren kontinuierlich, da diese Programme effiziente und nachweisbar erfolgreiche Wege zu einer möglichst nachhaltigen Förderung von Kindern im Vorschulalter aufzeigen.

Fortbildung Netzwerk Kitamusik NRW an der Landesmusikakademie NRW  
Foto:  Volker Beushausen

Allgemeinbildende Schule

Auch die an Schulen tätigen Musiklehrkräfte zählen zu einer bedeutenden Zielgruppe von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. Da sich der berufliche Alltag im Umgang mit Kindern und Jugendlichen beständig wandelt (Stichworte: Diversität, Inklusion, Digitalität), besteht über die Teilnahme an schulinternen oder -externen Qualifizierungen die Option, das eigene Methodenspektrum um neue Ansätze zu ergänzen. Dies betrifft vor allem die Klientel der sogenannten Seiteneinsteiger:innen, also jene Lehrkräfte, die zwar kein Studium der Schulmusik oder Musikpädagogik aufweisen, aber durch individuelle musikalisch-pädagogische Kompetenzen und Vorerfahrungen einen Einstieg in den Lehrerberuf finden. Für sie bilden Fort- und Weiterbildungen wichtige Maßnahmen, um gezielt didaktische Defizite in den Bereichen Klassenmusizieren, Bandarbeit, schulpraktisches Klavierspiel, inklusiver Musikunterricht oder digitale Medien in der Musikpädagogik zu kompensieren.

In einigen Bundesländern übernehmen zum Zwecke der Qualitätssicherung die Bezirksregierungen die Qualifizierungen ihrer Lehrkräfte. Es existieren auch Einrichtungen wie bspw. die Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg mit Sitz in Ochsenhausen, die sich mit ihren (staatlichen) Fortbildungen zu großen Anteilen explizit dieser Zielgruppe widmet. Darüber hinaus veranstalten die landeseigenen Fachverbände des Bundesverbands Musikunterricht (BMU) eine Vielzahl von Fortbildungen für Musiklehrkräfte aller Schularten sowie für Studierende und Referendar:innen.

Im Bundesland Nordrhein-Westfalen existiert mit dem Projekt Jekits (Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen) seit dem Schuljahr 2015/16 ein inzwischen etabliertes Bildungsprogramm, das durch die Qualifizierung von Multiplikator:innen (vor allem Lehrkräfte aus den Musikschulen) auf eine möglichst ganzheitliche musikalische Förderung von Kindern in Grundschulen abzielt. Unabhängig von persönlichen, kulturellen, finanziellen oder sozio-ökonomischen Voraussetzungen soll möglichst vielen Kindern in Nordrhein-Westfalen der Zugang zu musikalisch-tänzerischer Bildung eröffnet werden. Der jährliche Etat, der zur Durchführung seitens der Landesregierung an die Kommunen gezahlt wird, umfasste im Jahr 2024 über 17 Millionen Euro.

Gemeinsames Musizieren im JeKits-Orchester 2019  
Foto:  Katja Velmans  /  JeKits

Eine besondere Form der Klientelansprache sind die in den letzten Jahren vermehrt entstandenen Initiativen zur Einrichtung sogenannter Musikmentorenprogramme. Zahlreiche Bundesländer versuchen damit Schüler:innen sämtlicher Schulformen anzusprechen, die im Rahmen mehrphasiger Schulungen ihre musikalischen Fähigkeiten in verschiedensten Themenbereichen ausbauen können. Zu diesen Inhalten und Methoden zählen neben der Vermittlung von Grundlagen der Gruppen- und Ensembleleitung auch mediengestütztes Musizieren, Arrangieren, Tontechnik, Musiktheorie, Gehörbildung, Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit. Ein leitendes Ziel der Maßnahmen bildet die Förderung des Nachwuchses von Musiklehrer:innen, was derzeit umso wichtiger erscheint, weil der Fachkräftemangel in diesem Ausbildungs- und Berufsfeld deutlich zu Buche schlägt.

Außerschulische Musikpädagogik

Die Zielgruppe dieser Fort- und Weiterbildungen sind Musikpädagog:innen an den öffentlichen und privaten Musikschulen wie auch selbstständig tätige Pädagog:innen. Musikschulen wirken immer stärker in ihren jeweiligen Sozialraum hinein. Nicht zuletzt aufgrund des musikalischen Fachkräftemangels kooperieren sie mit allgemeinbildenden Schulen und arbeiten mit Kindertagesstätten zusammen. In vielen Bundesländern existieren inzwischen direkte Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Musikschulen, um Musikangebote für die Schülerschaft aufrechterhalten zu können.

Zudem berücksichtigen die Musikschulen die stärker gewordene Nachfrage gerade auch älterer Erwachsener, bieten Unterricht auf Instrumenten anderer Kulturen an, gründen Ensembles unterschiedlichster Genres und streben danach, inklusiv zu arbeiten. Diese Entwicklungen bedingen zusätzliche Kompetenzen der dort beschäftigten Lehrkräfte, die durch entsprechende Fort- und Weiterbildungen vermittelt werden.

Zu nennen wäre beispielhaft ein umfassendes Landesprogramm in Hessen, das eine auf Dauer angelegte Qualitäts- und Strukturinitiative zur Zukunftssicherung der musikalischen Bildung in dem Bundesland bieten möchte. Im Rahmen dieses Musikbildungspakts sollen bis 2031 jährlich 600.000 Euro zusätzliche Landesmittel in die Haushalte der Musikschulen fließen. Bestandteil des Programms ist eine qualitative Weiterentwicklung der kommunal getragenen Musikschulen, zu der explizit auch Fort- und Weiterbildungsangebote für die Lehrkräfte in diversen musikpädagogischen Themenbereichen zählen.

Gerade in der Elementaren Musikpädagogik herrscht ein großer Mangel an qualifiziertem Personal. Gleiches gilt auch für den Bereich der Musikgeragogik. Hier besteht ein erhöhter Ausbildungsbedarf, denn die didaktischen und methodischen Aspekte im Umgang mit den Zielgruppen halten für die Anleitenden besondere Herausforderungen bereit. Nicht zuletzt setzen die diversen musikalischen Aktionsfelder im sozio- und interkulturellen Tätigkeitsbereich große Sensibilität wie fachliche Kompetenz auf Seiten jener voraus, die entsprechende Angebote formulieren. 

Kurse und Workshops im Kontext Interkulturalität bietet bspw. das in Kassel ansässige „Zentrum für interkulturelle Musik“ an, das Interessierten Chancen aufzeigt, Musik aus verschiedenen Kulturen der Welt nicht nur kennenzulernen, sondern auch in ihren jeweiligen Sozial- und Lebensräumen weiterzutragen. Das Angebot steht prinzipiell allen Interessierten offen, wobei sich ein Teil der Veranstaltungen dezidiert an Multiplikator:innen außerschulischer Bildungsorte wie etwa Kitas, Musikschulen oder auch Volkshochschulen richtet.

Neben kleineren Anbietern wie dem „Zentrum für Interkulturelle Musik“ wird das Gros der Fort- und Weiterbildungsangebote in der außerschulischen Musikpädagogik durch die Bundes- und Landesmusikakademien sowie von verschiedenen Fachverbänden getragen. Hierzu zählen insbesondere der Verband deutscher Musikschulen (VdM) und der Bundesverband der freien Musikschulen (bdfm) in Verbindung mit den jeweiligen Landesverbänden sowie der Deutsche Tonkünstlerverband (DTKV). Weitere Anbieter aus der Musikwirtschaft halten ein zielgruppenspezifisches Angebot für ihr Mitgliederspektrum bereit.

Weiterbildung an der BAK Trossingen  
Foto:  Nico Pudimat

Amateurmusik

In Deutschland existieren zahlreiche Szenen der Amateurmusik, die vielfach in Vereinen und Verbänden organisiert sind. Insgesamt beläuft sich die Anzahl jener, die in ihrer Freizeit Musik machen, auf 16,3 Millionen Menschen – das sind aktuell 21 Prozent der Bevölkerung ab 6 Jahren. Allein diese Quantität macht deutlich, wie wichtig das Amateurmusizieren als Kulturträger für die Zivilgesellschaft in Deutschland ist. 

Dementsprechend nimmt die Amateurmusik auch in der Fort- und Weiterbildung eine zentrale Rolle ein. Zum größten Teil übernehmen die Bundes-, Landes- und Verbandsakademien gemeinsam mit den Musikverbänden die Weiterqualifizierung in diesem breiten Feld. In zahlreichen Akademien ist die Förderung des Amateurmusizierens fester Satzungsbestandteil der eigenen Aufgabenstellung.

Im Vordergrund der Fort- und Weiterbildung stehen dabei die für die Mitglieder der Musikvereine und -verbände konzipierten mehrphasigen Lehrgänge zu Themenbereichen wie Orchesterführung, Chorleitung, Registerführung oder Ausbildungsleitung im Musikverein/Chor. Basis der Qualifizierung ist zumeist eine Lehrgangs- und Prüfungsordnung, die ab den 1980er-Jahren von den großen Amateurmusikverbänden mit der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen entwickelt wurde und die beständig aktualisiert und an die Bedarfe angepasst wird.

Die Ausbildung ist in D-, C- und B-Lehrgänge strukturiert und begleitet die Musiker:innen von den ersten musikalischen Grundlagen über Aufgaben als Stimmführer:in bis hin zur Qualifikation als Multiplikator:in im eigenen Verein. Die höchste Stufe stellt die sogenannte B-Prüfung für Dirigent:innen in der jeweiligen Sparte dar. Die Ausbildung vermittelt umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten, die über den schulischen Musikunterricht hinausgehen und auch auf ein mögliches Musikstudium vorbereiten. Besonders die an Musikakademien angesiedelten Lehrgänge greifen neben der fachlichen Ausbildung auch aktuelle und bildungspolitisch relevante Fragestellungen auf. Ziel der Lehrgänge ist es, dass die qualifizierten Multiplikator:innen die erworbenen Fähigkeiten und die Begeisterung für die Musik in den Regionen ihres Landes an die jüngeren Generationen weitergeben und damit die musikalische Basisarbeit sowie den Nachwuchs im ehrenamtlichen Engagement stärken.

Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele für Amateurmusizierende, die – im wahrsten Sinne des Wortes – klein angefangen haben und sich im Laufe mehrerer Lehrgangsjahre und Qualifizierungsstufen vom Nachwuchs im heimischen Chor oder Orchester über die zertifizierte Registerführung und Ausbildungsfunktion bis zur musikalischen Leitung emporgearbeitet haben. Nicht selten schloss sich dann auch ein musikbezogenes Studium und der Weg in die Professionalisierung an. Diese Lebensläufe bilden im Qualifizierungsbetrieb keine Ausnahme, sondern repräsentieren gerade im Amateurbereich realistische Chancen und Möglichkeiten, die eigene Biographie als Musiker:in durch Engagement und Freude an der Sache beständig fortzuschreiben. Diejenigen, die entsprechende Fort- und Weiterbildungen erfolgreich durchlaufen haben, fungieren idealerweise wiederum als Vorbilder für neue Generationen der eigenen Musikvereinigung, was dazu beiträgt, dass der enorme Reichtum in den deutschen Amateurmusikszenen bewahrt wird.

Fortbildung Amateurmusik an der Landesmusikakademie NRW  
Foto:  Landesmusikakademie NRW

Musikvermittlung

In den letzten 20 Jahren hat sich die Musikvermittlung in Deutschland zu einem eigenständigen und bedeutenden Bereich innerhalb der (vornehmlich „klassischen“) Musikkultur entwickelt. Musikvermittler:innen und Konzertpädagog:innen erweitern mit kreativen Ansätzen das traditionelle Konzertangebot und eröffnen neue Wege der Interaktion zwischen Publikum und Institutionen wie Konzert- und Opernhäusern. Ihr Ziel ist es, den Zugang zur Musik durch kommunikative und partizipative Formate zu erleichtern. Dabei richtet sich das Angebot längst nicht mehr ausschließlich an Kinder und Jugendliche. Menschen aller Altersgruppen werden heute mit vielfältigen Formaten angesprochen, die Begeisterung für Musik wecken, zum aktiven Musizieren anregen und neue Hörerfahrungen ermöglichen. Die Fachkräfte in diesem Bereich – meist selbst Musiker:innen oder musikpädagogisch ausgebildet – können sich über berufsbegleitende Studiengänge, Fortbildungen und Fachkongresse kontinuierlich weiterqualifizieren.

Auf musikalischem Gebiet können Interessierte aus einem breit gefächerten Fort und Weiterbildungsangebot wählen und finden bundesweit Veranstalter mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Beitrag gibt Auskunft über die Fort- und Weiterbildungslandschaft und neue Vermittlungsformen.

Eine zentrale Rolle in der Weiterentwicklung der Musikvermittlung spielt das Netzwerk Junge Ohren (NJO). Als deutschlandweit größter Verbund für Musikvermittlung versteht sich das NJO als Impulsgeber und Innovationsplattform. Leitender Gedanke des Netzwerks ist die Zusammenführung von Akteur:innen aus unterschiedlichsten Bereichen, die sich gemeinsam für Offenheit, Vielfalt und Inklusion im Kulturbetrieb engagieren. Durch unterschiedliche Formate wie Regionalkonferenzen, Arbeitskreise, Fachtage, Denkwerkstätten oder Online-Angebote fördert das NJO den Austausch in Bezug auf diverse Anwendungsbereiche musikalischer Vermittlung – auch auf dem Feld der Fort- und Weiterbildung.

Neben der zunehmenden Etablierung des Fachs Musikvermittlung an Hochschulen und Universitäten, ist darüber hinaus in den letzten Jahren eine kontinuierliche Steigerung nicht-universitärer Veranstaltungen für Profi- und Amateurmusiker:innen zu verzeichnen, die sich für nebenberufliche Qualifizierungen zu diesem Thema interessieren. Als ein Knotenpunkt der inhaltlich-methodischen Weiterentwicklung entsprechender Formate und Konzepte hat sich das Referat für Musikvermittlung des Musiklands Niedersachsen herauskristallisiert. Den Kerngedanken dieses Arbeitskreises bildet der Anspruch, unterschiedlichen Zielgruppen innovative Zugänge zu verschiedenen Musikgenres zu ermöglichen. In enger Kooperation mit musikaffinen Multiplikator:innen werden traditionelle Konzertformate fortentwickelt, an aktuelle Bedarfe diverser Klientele angepasst und neuartige Veranstaltungskonzepte generiert. Zu nennen wäre hier bspw. das „Tandemprogramm“ zur Entwicklung zukunftsfähiger Musikformate: Expert:innen auf dem Gebiet musikalischer Bildung und Vermittlung behandeln in Zweierteams grundlegende Fragen und transferieren sie in konkrete Praxisprojekte, etwa Musikprogramme für heterogene Zielgruppen.

Ein weiteres Projektbeispiel bildet das „Netzwerk Neue Musik Baden-Würtemberg e. V.“, welches Musiklehrkräften an allgemeinbildenden Schulen, aber auch professionell und ehrenamtlich Tätigen an Musikschulen sowie im Bereich der Amateurmusik Methoden an die Hand gibt, vornehmlich Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu moderner bis zeitgenössischer Musik zu offerieren.

Neben diesen konkreten Angeboten einer Zusatzqualifizierung für Multiplikator:innen bieten inzwischen mehr und mehr Konzert- und Opernhäuser Möglichkeiten an, ihre jeweiligen Abteilungen und Projekte zur Musikvermittlung im Rahmen öffentlicher Informationsveranstaltungen näher kennenzulernen. Entsprechende Kontakte zu professionellen und in der Szene gut vernetzten Musikvermittler:innen eröffnen häufig konzeptuelle wie kommunikative Synergien, um individuelle Fort- und Weiterbildungsoptionen auszuloten.

Künstlerischer Nachwuchs

Für junge Musiker:innen auf dem Weg zur Professionalisierung bieten Meisterkurse wertvolle Möglichkeiten, sich auf interpretatorisch hohem Niveau Anregungen für das eigene Musizieren einzuholen. Diese Formate zählen mit zum Portfolio musikalischer Fort- und Weiterbildung, wenngleich es sich hierbei vorrangig um die Entwicklung individueller Kompetenzen im Vokal- oder Instrumentalbereich handelt. In Zusammenarbeit mit renommierten Solist:innen oder Ensembles mit Konzerterfahrung erhalten Teilnehmende gezielte Impulse zur künstlerischen Professionalisierung. Zugleich ermöglichen diese intensiven wie individuellen Lernformate einen praxisnahen Einblick in den Berufsalltag und eröffnen wertvolle Kontakte innerhalb der Musikszene. Veranstaltet werden Meisterkurse etwa von Musikakademien, Musikschulen oder Musikhochschulen, die bereits über ein großes Netzwerk entsprechender Expert:innen verfügen. Die Musikhochschulen nutzen Meisterkurse nicht nur zur künstlerischen Profilbildung, sondern auch als Plattform zur Präsentation ihres Lehrpersonals und zur Gewinnung potenzieller Studierender. Auch immer mehr private Anbieter veranstalten Meisterkurse oder vergleichbare Werkstätten. Hier hat sich inzwischen ein lukrativer Fortbildungssektor herausgebildet. Durch diese Entwicklung hat sich auch die Zusammensetzung der Klientel verschoben: Nahmen bis dato überwiegend musikalische Nachwuchskräfte an entsprechenden Formaten teil, so strömen nun zunehmend auch professionelle Instrumentalist:innen und Sänger:innen in die Meisterkurse, die sich hierdurch individuelle Förderungen ihrer interpretatorischen Fähigkeiten versprechen.

Musik und Alter

Vor etwa 20 Jahren wurden im Schulterschluss verschiedener Fachhochschulen und Akademien die ersten Fort- und Weiterbildungsangebote für Menschen konzipiert, die mit Senior:innen in unterschiedlichsten Zusammenhängen musikalisch arbeiten. Das in der bundesdeutschen Gesellschaft stetig zunehmende Lebensalter führte u. a. zur Etablierung der Musikgeragogik als Disziplin an der Schnittstelle von Musikpädagogik und Geragogik. Musikgeragogik beschäftigt sich mit musikalischer Bildung im Alter sowie mit musikbezogenen Vermittlungs- und Aneignungsprozessen. Aus dieser verhältnismäßig neuen Disziplin entstanden für die Multiplikator:innen in diesem Tätigkeitsfeld spezifische Bedarfe nach Fort- und Weiterbildung. Die Kursformate drehen sich um elementarmusikalische Themen, die Musizieren ad hoc ohne Vorbildung ermöglichen, um die Veeh-Harfe und die damit möglichen Ensembles, um einen auf die Bedürfnisse Älterer ausgerichteten Instrumentalunterricht, chorisches Singen oder auch Musik und Bewegung. Besonders im Umgang mit von Demenz Betroffenen kann Musik andere Zugänge und eine höhere Lebensqualität bedeuten.

Musizieren mit Seniorinnen und Senioren  
Foto:  Veronika Mayr

Von besonderer disziplinärer Reichweite war und ist in diesem Zusammenhang der Hochschulzertifikatskurs „Musikgeragogik – Musik mit älteren Menschen“, der von der Fachhochschule Münster koordiniert und inzwischen an verschiedenen Standorten in Deutschland angeboten wird. Die mehrstufige berufsbegleitende Weiterbildung qualifiziert Teilnehmende, musikalische Angebote für ältere Menschen fachkundig, barrierefrei und bedarfsgerecht zu gestalten. Ziel ist es, vielfältige Wege musikalischer Teilhabe im Alter zu eröffnen und zu fördern.

Der Verein der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik, der sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Informationsnetzwerk zum Thema „Musik im Alter“ entwickelt hat, bietet eine Reihe von Arbeitskreisen an, um seine Mitglieder in Themenbereichen wie Streichergeragogik, musikalische Biografieorientierung, Musik und Pflegebedürftigkeit oder Musik und demenzielle Veränderung intern fortzubilden.

Auch der Verband deutscher Musikschulen stellt das Thema älterer Schüler:innen mehr und mehr in den Vordergrund seines Kursangebots, um Musikschullehrkräfte weiter- bzw. fortzubilden. Damit reagiert der Verband auf die stetige Zunahme der Zielgruppe älterer Schüler:innen in den Musikschulen, die mit einer leichten, wenngleich kontinuierlichen Abnahme der Klientel im Kindes- und Jugendalter korreliert.

Musik und Migration

Deutschland besitzt als Einwanderungsland einen enormen Reichtum an musikalischen Musikszenen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern. Immer mehr Generationen von Menschen mit Migrationsgeschichte leben in Deutschland, sodass die interkulturelle Perspektive im Bereich der musikalischen Fort- und Weiterbildung in den vergangenen Jahren zunehmend größer und diverser geworden ist. Spätestens seit der Migrationsdynamik im Jahr 2015 wurde deutlich, dass der Bereich der musikalischen Qualifizierung auch für Migrant:innen Angebote benötigt, damit die Integration dieser Klientel auf dem Arbeitsmarkt gelingen kann.

In den letzten Jahren sind verschiedene Projekte und Programme entwickelt worden, die auf die musikalische Expertise bzw. Professionalität von Menschen aus anderen Herkunftsländern eingehen, um sie nicht zuletzt in die Institutionsstrukturen musikalischer Bildung einzubinden. Ein besonderes Beispiel bildet das Projekt „IN.DI.E Musik“ der Landesmusikakademie NRW, das für „Interkultur, Diversität und Empowerment“ steht. Es bietet musikpädagogische Multiplikatorenschulungen sowie Beratungen und Netzwerkarbeit für Musiker:innen mit diversen Hintergründen und Menschen aus diesem Arbeitsumfeld. Die sozial-integrative Kraft von Musik wird dabei in verschiedenen Gruppenzusammenhängen eingesetzt, z. B. in Flüchtlingsheimen oder im Rahmen sozialpädagogischer Aktivitäten. Ziel des Projekts ist die Verbesserung der kulturellen Teilhabe von Musiker:innen mit Zuwanderungsgeschichte durch Empowerment, sodass sie vermehrt künstlerische und pädagogische Aufträge erhalten und eine verstärkte berufliche Einbindung als Musiker:innen erfahren. Dies soll zugleich zu einer Sichtbarmachung der kulturellen und musikpädagogischen Bereicherung beitragen, die zugewanderte Musiker:innen mitbringen. 

Eng mit dem Projekt verknüpft ist der einjährige Zertifikatslehrgang „Musikpädagogik für Musiker:innen verschiedener Kulturen“, der zu einem Abschluss führt, mit dem man an einer Musikschule, einer Volkshochschule, in einem soziokulturellen Zentrum oder in ähnlichen Institutionen unterrichten kann.

Transkulturelles Ensemblespiel an der Landesmusikakademie NRW  
Foto:  Edin Mujkanovic

Musik in religiösen Kontexten

Eine weitere zentrale Zielgruppe umfasst Musiker:innen, die sich – sei es hauptberuflich oder ehrenamtlich – in religiösen Tätigkeitsbereichen engagieren. In vielen Glaubensrichtungen spielt Musik eine bedeutende Rolle. In den christlichen Kirchen erwerben professionelle Kirchenmusiker:innen ihre Qualifikation in der Regel durch ein spezielles Kirchenmusikstudium. Daneben engagieren sich auch viele neben- oder ehrenamtliche D- und C-Kirchenmusiker:innen, die in kircheneigenen Ausbildungsgängen geschult werden. Diese Ausbildung wird häufig durch zusätzliche Qualifikationen ergänzt, etwa durch Angebote von Musikakademien. Hier wären bspw. spezielle Weiterbildungsformate anzuführen, die die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen regelmäßig durchführt. Dieses Angebot differenziert sich nach verschiedenen kirchenmusikalischen Tätigkeitsbereichen etwa in der Chor- und Ensemblearbeit, Vokal- und Instrumentalpädagogik oder auch der Musikvermittlung.

Aufgrund des zunehmenden Mangels an Musiker:innen, die bereit sind, im kirchenlichen Kontext (Gottesdienst, Beerdigung, etc.) mitzuwirken, sind die Kirchen in hohem Maße auf Freiwillige und Ehrenamtliche aus ihren Gemeinden angewiesen. Von einem massiven Schwund ist dabei vor allem der ländliche Raum betroffen. Hier für Qualifizierungsmöglichkeiten auch auf niederschwelligem Niveau zu sorgen, haben sich die Landeskirchen zur Aufgabe gemacht und ihre Kooperationen speziell mit den Bundes- und Landesmusikakademien intensiviert. Als Qualifizierungsbeispiel wäre etwa der „Rheinsberger Orgelkurs“ in der Musikakademie Rheinsberg zu nennen, der in Kooperation mit Kreiskantor:innen der Landeskirche Brandenburg durchgeführt wird und interessierten Einsteiger:innen jeden Alters eine fundierte, praxisnahe Orgelausbildung vermittelt.

Musik und Digitalität

Die Corona-Pandemie hat nicht zuletzt dem Fort- und Weiterbildungssektor viel Ausdauer, Flexibilität, Erfindungsreichtum und Optimismus abverlangt. Eine – letztlich positive – Folge dieser Entwicklungen bildet ein bis dato ungeahnter Digitalisierungsschub, der sich vor allem auf die thematische Neuausrichtung und Zielgruppenerschließung im Bereich der Digitalität bezieht. Die Erfahrungen aus der Pandemie einerseits und die ungeheure Schnelllebigkeit digitaler Arbeitsfelder und -methoden (Stichwort: Künstliche Intelligenz) zeigen deutlich auf, dass sich auch die musikbezogene Weiterqualifizierung an diesen Entwicklungen orientieren muss, um mit ihren Angeboten in Zukunft anschlussfähig zu bleiben.

Während der Pandemie haben u. a. zahlreiche Landesmusikakademien kurzfristig ihren Lehr-/Lernbetrieb von Präsenz- auf Onlineveranstaltungen umgestellt, um eine Vielzahl von Kursinteressierten zu erreichen. Es wurden zahlreiche Themen in digitale Kursformate überführt, die ansonsten wahrscheinlich nicht für den Online-Unterricht in Betracht gekommen wären. Dabei standen nicht die defizitären Aspekte, die mit der Durchführung von Online-Formaten einhergehen, im Vordergrund, sondern der Blick auf ihre methodisch-didaktischen Potenziale. Kursangebote wie bspw. „Instrumentalunterricht im Online-Format“ erfreuten sich im gesamten Bundesgebiet großer Nachfrage, da sie der Zielgruppe insbesondere aus dem Bereich der Musikpädagogik (z. B. in Schule und Musikschule) kurzfristig digitale Handlungsoptionen im Umgang mit ihren Schüler:innen offerierten.

Auch heute spielen Online-Fortbildungen in der musikalischen Fort- und Weiterbildung eine große Rolle im Kursportfolio. Ca. 30 bis 35 Prozent der Angebote etwa an den Bundes- und Landesmusikakademien sind Online-Formate. Hybride Veranstaltungen bilden dabei eher die Ausnahme, da diese mit einem größeren technischen Organisationsaufwand verbunden sind. Neben Netzwerk-/Communitytreffen und Informations-/Beratungsveranstaltungen konzentriert sich ein Großteil der reinen Online-Angebote auf Themen in Bereichen der Musiklehre/-theorie, Tutorials zu digitalen Musikprogrammen/-plattformen/-tools (z. B. Notationssoftware, Musikapps, Aufnahmetechnik) oder auch Vorträge zu musikspezifischen Fragestellungen und/oder Tätigkeitsfeldern. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Kurse, die weniger auf einer musikalisch-praktischen Interaktion zwischen Teilnehmenden als vielmehr auf einer reinen Vermittlung von theoretischem Wissen und/oder organisatorischem Knowhow basieren. Zwar finden sich in den Veranstaltungen auch Kurse, die sich bspw. auf das Erlernen bzw. Intensivieren des eigenen Instrumentalspiels oder des Vokalcoachings im Onlineformat beziehen, doch sind diese Angebote in der Regel methodisch so konzipiert und angelegt, dass den Teilnehmenden die Möglichkeit geboten wird, den Kursstoff auch passiv nachzuvollziehen.

Häufig konzentriert sich der Umfang dieser Online-Formate auf 60 bis 120 Minuten. Sie werden bevorzugt abends, weniger am Wochenende angeboten. Für die Teilnehmenden ergeben sich aus Online-Kursen nicht nur Vorteile für das eigene Zeitmanagement oder die (ökologisch nicht unerhebliche) Einsparung von Fahrtkosten – auch aus methodisch-didaktischer Sicht ermöglichen digitale Formate, die sich aus Zeitgründen häufig auf zentrale Aspekte fokussieren, eine effiziente Vermittlung von Lehr- und Lerninhalten. Durch eine Teilnahme etwa am heimischen Rechner fühlen sich nicht zuletzt neue Zielgruppen angesprochen, die die Beteiligung an einem Präsenzkurs sonst vielleicht nicht gesucht hätten. Umgekehrt fordern Online-Veranstaltungen von den Teilnehmenden deutlich mehr Eigenverantwortung und Engagement, da sie sich ihren Lernerfolg selbst erarbeiten und von potenziellen Ablenkungen etwa im privaten Kontext freimachen müssen. Für die Lehrpersonen ist es in diesem Zusammenhang nicht immer ganz leicht festzustellen, ob die präsentierten Inhalte und Methoden ausreichen und/oder verständlich vermittelt wurden.

Ungeachtet dessen ermöglichen digitale Formate eine räumlich möglichst weitgreifende Begegnung und Vernetzung, die auch internationale Kontakte erlaubt. Auch immobilen Menschen werden hierdurch bessere Partizipationschancen geboten. Nicht zuletzt ergeben sich für den Bildungsanbieter Vorteile, da Online-Kurse kurzfristiger und kostengünstiger geplant werden können. Das heißt, es können bestimmte Themen zeitnah bedient und auf die Erreichung bisher unberücksichtigter Klientelgruppen hin überprüft werden. Mittels digitaler Veranstaltungen können kurzgesagt neue Formate verlustfreier erprobt und als Initiale zum Aufbau neuer Communitys genutzt werden.

Digi-Camp an der Landesmusikakademie NRW  
Foto:  Steffi Herrmann

In der konkreten Durchführung von digitalen Kursangeboten ergeben sich weitere Vorteile, etwa dahingehend, dass bspw. bei asynchron verlaufenden Online-Einheiten die Möglichkeit einer Aufzeichnung bzw. Dokumentation der Sitzung besteht. Dadurch können die Teilnehmenden selbst entscheiden, wann sie die Inhalte des Kurses anschauen und die geforderten Aufgaben zur Vor- und Nachbereitung erledigen. Die Lehrenden erhalten durch Videomitschnitte die Chance, ihre eigene pädagogische Rolle besser zu reflektieren.

Den zahlreichen Vorteilen an reinen Online-Veranstaltung kann sich demgegenüber als nachteilig bzw. problematisch herausstellen, dass aufgrund des geringeren Kontakts zwischen den Teilnehmenden und Lehrenden der Lernerfolg schwerer messbar ist. Zudem ist die Abbrecherquote aufseiten der Teilnehmer:innen häufig höher als in Präsenzveranstaltungen. Vor diesem Hintergrund birgt die Möglichkeit einer passiven Teilnahme Gefahren, einen Kurs aufgrund der eigenen Anonymität tendenziell schneller zu beenden, da der Support seitens der Lehrkräfte und Teilnehmenden geringer ist. Auch der Aspekt, dass Online-Veranstaltungen weniger informelles Lehren und Lernen begünstigen, kann qualitativ mit Schwierigkeiten einhergehen. Eine Qualitätssicherung, bei der für die Teilnehmenden von vornherein transpatent ist, welcher Bildungsanbieter konkret hinter einer Maßnahme steckt, kann hier nicht immer gewährleistet werden.

Insgesamt werden Online-Settings allgemein eher im Sinne der Ergänzung von Präsenzveranstaltungen betrachtet. Die inzwischen gewonnenen Erfahrungen mit digitalen Angeboten hat seriösen Fort- und Weiterbildungsanbietern aufgezeigt, wann und in welchen thematischen Kontexten Online-Veranstaltungen sinnvoll sind, das heißt konstruktiv zum Gelingen eines musikbezogenen Lehr- und Lernprozesses beitragen.

Die im Zuge der Corona-Pandemie gesammelten Erkenntnisse, was etwa die spezifischen Klientelbedarfe an digitalen Fort- und Weiterbildungsinhalten sind und wie diese methodisch vermittelt werden können, haben maßgeblich zu einem Umdenken der Themenfelder und Zielgruppenansprachen geführt. Ein konkretes Resultat ist die Einbeziehung des immer wichtiger werdenden Themas Künstliche Intelligenz – dabei stand und steht derzeit die Frage im Vordergrund, wie und auf welche Weise KI-Systeme den Sektor musikalischer Fort- und Weiterbildung positiv beeinflussen können und welche Konsequenzen daraus für die praktischen Interaktionsformen mit alten und neuen Zielgruppen resultieren. Dieser Vorgang ist ein beständiger Aushandlungsprozess, da die Komplexität und Flexibilität des Themas große Ansprüche vor allem an jene Akteur:innen stellt, die musikalische Fort- und Weiterbildungsangebote entwickeln und möglichst passgenau für ihre diversen Zielgruppen zur Verfügung stellen.

Dieser Work-in-Progress-Zustand ist so reizvoll wie herausfordernd. Bis dato ist kaum absehbar, ob – und wenn ja, wann oder in welcher Richtung – hier ein Paradigmenwechsel in der musikalischen Fort- und Weiterbildung vollzogen wird. Entsprechend konzentrieren sich die Angebote auf einer Metaebene derzeit noch auf Formate der Beobachtung und Reflexion von Entwicklungstendenzen, etwa im Rahmen von Fachtagungen oder Workshops.

Fazit

Das Portfolio musikalischer Fort- und Weiterbildung in Deutschland spiegelt ein facettenreiches Bildungsangebot wider, das sich beständig in Dynamik bzw. Wandlung befindet. Wenn der Bereich auch in Zukunft zielgruppenorientierte Angebote formulieren möchte, so müssen sich die Verantwortlichen, die für die Planung, Organisation und Durchführung derartiger Veranstaltungen zuständig sind, immer wieder in die Rolle von ,Bildungsdetektiven‘ begeben, um die thematischen Bedarfe und Notwendigkeiten aus den musikalischen Szenen zu erfassen. Dies setzt wiederum voraus, dass die Akteur:innen möglichst intensive Kontakte mit den betreffenden Musikverbänden, -vereinen und -arbeitsgruppen sowie zu den Communitys selbst pflegen, um auf aktuelle wie künftige Bildungswünsche zielgruppenspezifisch reagieren zu können. Anspruch und Zielsetzung müssen hier sein, dass Menschen die Möglichkeit erhalten, durch musikalische Fort- und Weiterqualifizierungen ihre individuellen Bildungsbiografien möglichst barrierefrei weiter zu gestalten. Der große Vorteil von Fort- und Weiterbildung besteht darin, dass die Anbieter entsprechender Veranstaltungen zeitnah auf aktuelle Bedarfe aus den diversen Musikszenen reagieren können. Im Gegensatz zu den Musikhochschulen und Universitäten, deren Curricula und Studienpläne keine kurzfristigen Anpassungen erlauben, können Institutionen wie die Bundes- und Landesmusikakademien mit neuen Kursformaten schnell und gezielt auf konkrete Anfragen seitens der Musikverbände, -vereine oder anderweitiger Interessensvertretungen Bezug nehmen.

Gegenwärtig wie zukünftig stellen insbesondere Themen wie Inklusion, Partizipation, Diversität oder Digitalität aufgrund ihrer allgemeinen gesellschaftlichen Relevanz große Herausforderungen für die Anbieter musikbezogener Fort- und Weiterbildungen dar. Hier immer passgenau und zielführend mit Veranstaltungen auf die spezifischen Bedarfe entsprechender Klientele einzugehen, bildet eine so komplexe wie umfängliche Aufgabe. Zugleich bergen die Themenfelder ungeheures Potenzial im Sinne einer innovativen und konstruktiven Fortentwicklung dieses innerhalb des gesamten Bildungssystems so wichtigen Zweigs. Musikalische Fort- und Weiterbildung ist letztlich ein Spiegelbild aktueller Debatten und Diskurse der pluralen Musiklandschaft in Deutschland, das sich in einem möglichst breiten praxisnahen Angebot für eine ebenso breite Zielgruppe konkretisiert.

Über den Autor

Dr. Kai Marius Schabram ist Musikwissenschaftler und seit 2017 hauptamtlicher Bildungsreferent der Landesmusikakademie NRW.