Hinter den Kulissen bei NICA: Cellistin Elisabeth Coudoux spielt auf der Bühne und wird dabei gefilmt.
Hinter den Kulissen bei NICA  
Foto:  Niclas Weber
Mit NICA artist development hat Nordrhein-Westfalen 2019 ein neues Programm für die Exzellenzförderung aufgenommen. Das Prinzip: Langfristigkeit bei höchster Flexibilität und ein weit verzweigtes Netzwerk.

Den Funken für eine internationale Karriere anzufachen, ist das eine. Den ersten Impuls weiter zu befeuern, so dass aus der zarten Flamme ein stabiles Licht wird, etwas anderes. Beide Schritte deckt das Förderprogramm NICA artist development ab, initiiert von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und durchgeführt vom Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik im Stadtgarten Köln.

Idee und Förderansatz

Europaweit stellt das Förderprogramm eine Ausnahmeerscheinung in der kreativen Musikszene dar. Benannt wurde es nach Pannonica de Koenigswarter, genannt Nica, geborene Rotschild. Im New York der 1960er und 1970er Jahre galt Nica als wichtigste Patronin für Jazztalente: Sie half mit Geld, Unterkunft, Arbeitsaufträgen und Rat, ihr Zuhause wurde unter anderem zur letzten Heimstätte für Thelonious Monk und seine Frau. Heute führt das in Köln ansässige NICA-Programm den Fördergedanken fort und bietet herausragenden Musiker*innen aus NRW eine Plattform für Mentoring und berufliche Weiterentwicklung. Konkret wollen die Initiatoren durch eine möglichst langfristige Förderung nicht nur eine Karriere auf europäischer Ebene anschieben, sondern auch die ersten Schritte im internationalen Geschäft durch ein professionelles Netzwerk aus Veranstaltern, Journalisten usw. begleiten. „Das NICA Programm ist dazu da, Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern zu fördern und auf ein Level zu bringen, das sie aus eigener Initiative nicht schaffen würden. Das NICA-Programm greift uns unter die Arme und hebt uns, wenn man so will, eine oder mehrere Stufen nach oben“, sagt Pablo Held. Der Pianist und Komponist gehört zur ersten Generation der vier ambitionierten Profis, die an dem vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Pilotprojekt seit Herbst 2019 teilnehmen. Im Oktober 2020 ist der zweite Jahrgang des Förderprogramms gestartet: Sechs neue Künstler*innen stehen bereit, die Musikwelt zu erforschen.

Hinter den Kulissen bei NICA: Eine Video-Präsentation.
Hinter den Kulissen bei NICA  
Foto:  Niclas Weber

Ablauf und persönliche Erfahrungen

Eine Fachjury wählt einmal jährlich Begabte aus, die in ihrer künstlerischen Profilierung und Professionalisierung in der Phase nach der musikalischen Ausbildung unterstützt werden. Eine der zentralen Voraussetzungen: ein Wohnort in Nordrhein-Westfalen. Ebenso wichtig sind der erkennbare Wille, das Talent und die Fähigkeiten des Einzelnen für eine internationale Karriere, die unter anderem in einem Motivationsschreiben dargestellt werden müssen. „NICA artist development ermöglicht ambitionierten Künstler*innen, die Musikszene zu erforschen und in ihrem künstlerischen Schaffen einen bedeutenden Fortschritt zu erzielen, ihre Phantasie bei der Planung neuer Projekte zu schulen, langfristige Arbeitsbeziehungen mit anderen Kreativen sowie internationalen Produzent*innen, Veranstalter*innen sowie Kurator*innen aufzubauen und diese Arbeit in internationalen Kontexten zu präsentieren“, sagt die Projektleiterin Kornelia Vossebein. Im Rahmen der maximal dreijährigen Förderung gibt es keine festen Vorgaben. „Das Programm wurde bewusst frei und flexibel angelegt“, führt Vossebein aus, denn: „Unsere Teilnehmer*innen sind Profis; sie wissen, was sie brauchen, um in ihrem Metier kreativ weiter zu kommen“. Und doch wird ihnen zu jeder Zeit eine helfende Hand gereicht, weit über die eigentliche musikalische Arbeit hinaus: Coachings bieten Unterstützung in unternehmerischen Themen wie Marketing, Projektmanagement und Produktion, internationale Projekte sollen die Vernetzung in der europäischen Musikszene fördern. Bei Konzerten des Stadtgarten Köln oder bei Kooperationspartnern können die Musiker*innen ihre künstlerischen Ideen vor Publikum präsentieren.

NICA-Cellistin Elisabeth Coudoux auf der Bühne
NICA-Cellistin Elisabeth Coudoux auf der Bühne  
Foto:  Niclas Weber
MIZ WISSEN

NICA artist development


Trägerschaft und Fördervolumen

NICA wurde bei der ersten Durchführung 2019 mit 120.000 Euro gefördert; 2020 wurde die Fördersumme verdoppelt, für 2021 standen 300.000 Euro zur Verfügung. Gefördert werden jährlich 4-6 Musiker*innen. NICA ist Teil des STADTGARTEN – Europäisches Zentrum für Jazz und aktuelle Musik.

Fachjury

Die Entscheidung zur Vergabe treffen 5-6 Expertinnen und Experten aus dem Medien-, Veranstaltungs- und Ausbildungsbereich, darunter Redakteure des WDR und Lehrende der Kölner Musikhochschule.

Öffentliches
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sind in verschiedenen Konzertformaten zu erleben. Das Showcase-Festival entfiel pandemiebedingt 2020.
Ein Online-Magazin stellt die NICA artists im Internet vor.

Die Teilnahme an NICA artist development beginnt mit einer viermonatigen Kennenlernphase. In dieser Zeit erarbeiten die NICA Artists ein für diesen Zeitraum selbstgewähltes Projekt mit Zielvorhaben. Im Anschluss entscheiden beide Seiten, Künstler und Jury, ob eine weitere Zusammenarbeit im Rahmen von NICA artist development sinnvoll ist. Für die Stipendiatin Tamara Lukasheva war die Anfangszeit nicht immer einfach: „Natürlich muss man selber erstmal schauen: Was ist für mich das Beste? Wo will ich hin? Ein festes Handbuch gibt es bei NICA ja nicht – das verunsichert im ersten Moment. Andererseits: Was gibt es Tolleres, als frei zu planen und sich entwickeln zu können. Zum ersten Mal waren bzw. sind wir als Künstler in der Lage, sagen zu können: Ich würde gerne dieses oder jenes tun, ich hätte gerne bei der Person XY ein Coaching oder würde gerne mal ein Album machen mit diesem oder jenem. Solche Möglichkeiten hat man nicht oft“, sagt die Sängerin, Komponistin und Musikerin. Lukasheva wurde 1988 in Odessa, Ukraine, geboren, studierte am Konservatorium in Odessa und an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, wo sie heute lebt. Das größte und wichtigste Thema für sie liegt allerdings eher am Rande der eigentlichen musikalischen Arbeit: „In meinem Studium ging es fast ausschließlich darum, in der Musik besser zu werden. Aber um in der Szene zu bestehen, musst du dich selber auch vermarkten können. Ich selber bin eher scheu, mir fällt es schwer, zum Beispiel auf Veranstalter zuzugehen und ihnen meine Musik anzubieten“, sagt sie. In den Coachings, die Tamara sich ausgesucht hat, geht es daher um Bühnenpräsenz, äußere Präsentation und Publikumsforschung. „Die Coachings sind extrem interessant und helfen mir. Wenn ich jetzt zu Fotosessions gehe, dann weiß ich ungefähr, was ich möchte und kann es mit dem Fotografen konkret erarbeiten. Früher ging ich einfach hin, ohne Plan oder mit großer Scheu. Inzwischen weiß ich: Ich kann keine andere Person werden, aber ich kann meinen Weg finden, wie ich mit Menschen kommuniziere, sodass es zu einem Ergebnis kommt, mit dem ich auch zufrieden bin.“

Viele Arten von Unterstützung

Horizonterweiternde Seitenblicke und spontane Wendungen gehören im Jazz wie auch im NICA-Programm dazu. Diese Erfahrung hat auch Pablo Held gemacht: Seine inzwischen mehrfach ausgezeichneten Erfolge als Komponist und Pianist – solo, im Trio oder größeren Bandformaten – sind für Held nach wie vor zentraler Bestandteil seines künstlerischen Lebens. An Bedeutung gewonnen hat aber auch die Arbeit als Musik-Hinterfragender. Schon vor seiner Teilnahme am NICA-Programm initiierte Pablo Held die Interviewreihe Pablo Held Investigates, die er auf einer gleichnamigen Homepage veröffentlicht. Darin spricht er mit Musiker*innen, die er bewundert oder verehrt, über ihre musikalische Arbeit. „Diese Reihe ist zu einem wichtigen Standbein für mich geworden, sie wird meine Musik aber niemals übersteigen. Jedes Gespräch erwächst aus persönlichem Interesse, ich stelle quasi als Künstler Fragen an andere Künstler. Ich lerne aus jedem Gespräch für meine eigene Musik, jedes Projekt führt dazu, dass meine Klangwelt weiter wächst“, sagt Held. Gleichwohl habe NICA ihm dabei geholfen, dieses Interviewprojekt weiterzuentwickeln; durch finanzielle Unterstützung, Coachings und Kommunikations-Beratungen. „Es macht Spaß, Ideen zu verwirklichen oder zu intensivieren, von denen man immer dachte: Es wäre cool, aber ich kann es mir nicht leisten“, sagt der Musiker. Auch an der Umsetzung eines neuen Traums arbeitet Held intensiv: Schon lange schwebte ihm vor, seine eigenen Kompositionen online mit Audiokommentaren zu unterlegen. Inzwischen stehen erste Beiträge im Netz, in denen im Hintergrund Musik erklingt, im Vordergrund der Komponist und Musiker Pablo Held das Geschehen erklärt. Auch dieses Vermittlungsprojekt war, so sagt er, nur möglich mit der Unterstützung des NICA-Programms. „Ich habe das Gefühl, dass immer, wenn ich im Laufe meiner Karriere eine Unterstützung bekomme, sich meine Kreativität steigert. Das ist vermutlich normal: Wenn man sich finanziell oder emotional in die Enge gedrängt fühlt, kann Kreativität kaum entstehen. Daher ist die Förderung der Künste, das Mäzenatentum ein so wichtiger Baustein, um den Einzelnen in seinem Schaffen zu unterstützen. Als Künstler kann ich neu anfangen zu denken, wenn ich weiß, dass da jemand ist, der hinter mir steht. Man kommt ins Träumen und aus den Träumen wird Wirklichkeit. Das bringt fast spielerisch die eigene Karriere auf ein anderes Niveau.“ Für die Macher von NICA ist dies der schönste Beweis für den Erfolg ihres Programms.

Über die Autorin

Anke Steinbeck ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Musikrat. Sie war ebenfalls u. a. für das Bundesjugendorchester und das Jazzfest Bonn tätig. Ihre Dissertation "Jenseits vom Mythos Maestro – Dirigentinnen für das 21. Jahrhundert" erschien im Jahr 2010.
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