Obere Absätze
Musikensemble, das vor Publikum um einen langen Tisch gruppiert ist
Stegreif Orchester  
Foto: Patrick Hürlimann

Freie Ensembles sind ein wichtiger Bestandteil des gegenwärtigen Musiklebens. Sie zeichnen sich durch innovative künstlerische Ansätze sowie flexible organisatorische Strukturen aus, die häufig auf kollektiver Verantwortung und projektbezogener Zusammenarbeit beruhen. Dabei verbinden freie Ensembles langfristige organisatorische und künstlerische Planung mit der Offenheit, neue Wege zu erproben.

Mit ihrer Arbeit tragen freie Ensembles zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Musikkultur bei. Sie pflegen und erweitern das kammermusikalische Repertoire, hinterfragen gängige Aufführungspraxen und entwickeln neue Konzertformate. In ihrer ganzen Bandbreite – von Alter Musik über Klassik und Romantik bis zu zeitgenössischer Musik, Jazz, transtraditionellen und genreübergreifenden Formationen – machen sie die Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen sichtbar und setzen wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Musiklebens. Die freien Ensembles tragen zur internationalen Strahlkraft der deutschen Musiklandschaft bei – doch die strukturellen und finanziellen Herausforderungen sind dabei groß. 

Kurze Entwicklungsgeschichte

Freie Ensembles prägten bereits seit dem 19. Jahrhundert die Entwicklung der heutigen Orchesterlandschaft, wobei sich der Begriff „Ensemble“ um 1900 von Frankreich kommend einbürgerte. Zur Jahrhundertwende fand das Konzept selbstverwalteter kollektiver Musikproduktion weite Verbreitung. Jenseits der großen Sinfonieorchester etablierte sich unter dem Begriff „Ensemblemusik“ ein breites Beschäftigungsfeld für Musiker:innen. Repertoire und Besetzungen waren vielfältig und reichten von Unterhaltungsmusik in Cafés, Restaurants und Kinos bis in die Bereiche der sogenannten Ernsten Musik. [1]

Zu dieser frühen Ensemblelandschaft gehörten auch Formationen aus der klassischen Kammermusiktradition – zum Beispiel Streichquartette, die seit dem 18. Jahrhundert sowohl als Kompositionsform als auch als Ensembletypus das Musikleben prägen. Erste professionelle Streichquartette, die in konstanter Besetzung mit regelmäßiger Konzerttätigkeit auftraten, bildeten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, darunter das berühmte Joachim-Quartett. Ensembles dieser Tradition arbeiteten über Jahrzehnte hinweg unabhängig von institutionalisierten Orchesterstrukturen und prägen das Konzertleben bis heute mit klassisch-romantischem Repertoire ebenso wie mit zeitgenössischer Musik. 

Das Beispiel des Streichquartetts zeigt, dass die Entstehung der freien Ensemblelandschaft unabhängig von Genrezugehörigkeiten oder ästhetischen Zuschreibungen betrachtet werden muss. Gleichwohl haben unterschiedliche musikalische Entwicklungen die Entstehung der Ensemblelandschaft beeinflusst und befördert. Zentrale Impulse gingen von der zeitgenössischen Musik sowie von der Auseinandersetzung mit historisch informierter Aufführungspraxis aus. Kompositionen wie Schönbergs Pierrot Lunaire (1912) oder Varèses Octandre (1923) zeichnen sich durch ungewöhnliche Instrumentationen und solistische Stimmenbesetzungen aus und verlangten nach Ensembles und Musiker:innen, die über große Flexibilität und spezifische spieltechnische Fähigkeiten verfügten. Zugleich führte das wachsende Interesse an historischer Aufführungspraxis zu spezialisierten Ensembles, die über das entsprechende Instrumentarium sowie über detailliertes Wissen zu Aufführungs- und Interpretationspraxis verfügten. 

Die Vielfalt und Durchlässigkeit zwischen Genres, Musikstilen und Aufführungskontexten, die die freie Ensemblelandschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten, gerieten ab 1933 zunehmend unter Druck. Mit der Gleichschaltung des Musiklebens durch die Reichsmusikkammer, neuen Kategorisierungen, dem Verbot privater Neugründungen sowie der Einführung der Tarifordnung Kulturorchester (TOK) wurden private bzw. freie kollektive Strukturen zunehmend verdrängt. Viele freie Ensembles und ähnliche Formationen verschwanden aus der Öffentlichkeit. [2]

In der Nachkriegszeit erfuhr das Modell „freies Ensemble“ eine rasante Wiederbelebung – zunächst punktuell und häufig in Form eher loser Zusammenschlüsse, später in deutlich verfestigten Strukturen. Die Entwicklungen knüpften dabei an Impulse der Vorkriegszeit an. Als eines der berühmtesten Streichquartette aus der direkten Nachkriegszeit gründete sich 1945 das Melos Quartett, später folgten Ensembles wie das Abegg Trio (1976), das Cherubini-Quartett (1978) oder das Kuss Quartett (1991). In den 1980er- und 1990er-Jahren gründeten sich u. a. zahlreiche Spezialensembles für zeitgenössische und Alte Musik, darunter das Ensemble Modern (1980), die Akademie für Alte Musik Berlin (1982), die Neuen Vocalsolisten (1984), die Lautten Compagney Berlin (1984), das Ensemble Recherche (1985), das Ensemble Aventure (1986), das Freiburger Barockorchester (1987), Concerto Köln (1985), Musikfabrik Köln (1990), die Schola Heidelberg (1992) und das ensemble aisthesis (1992).

Kuss Quartett im Conservatorio di Torino  
Foto: Luigi De Palma  /  Unione Musicale

Heute ist die freie Ensemblelandschaft geprägt von einer Vielzahl unterschiedlicher Vertreter:innen, die sich in allen Genres wiederfinden lassen: von klassisch-romantischen Kammermusikensembles über Ensembles der Alten und zeitgenössischen Musik bis hin zu genreübergreifenden Formationen. Seit einigen Jahren entstehen zudem vermehrt transtraditionelle Ensembles, die die vielfältigen musikalischen Traditionen der Einwanderergesellschaft in Deutschland abbilden. Die Beschreibung oder auch nur der Versuch einer vollständigen Erfassung dieser vielfältigen Szene bringt entsprechende Herausforderungen mit sich: Die Strukturen und künstlerischen Profile unterscheiden sich teils erheblich. Und genauso regelmäßig, wie neue Ensembles entstehen, lösen sich andere wieder auf.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum möglich, eine genaue Anzahl von Vertreter:innen zu benennen. Das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) listet in der Kategorie „Klangkörper“ derzeit 251 Ensembles für Alte Musik und 187 Ensembles für zeitgenössische Musik. An der repertoiremäßig weiter gefassten Grundlagenstudie des Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e. V. (FREO) wiederum haben 450 freie Ensembles und Orchester teilgenommen. [3]

Kategorisierung der Ensemblelandschaft

Die Kategorisierung freier Ensembles ist herausfordernd, da sie in allen möglichen Größen existieren – vom Trio (z. B. Trio Catch) bis zum größer besetzten Kammerorchester (z. B. Deutsches Kammerorchester Berlin), sich häufig in verschiedenen Genres verankern oder sogar explizit genreübergreifend arbeiten. Diese fließenden Übergänge zeigen sich deutlich im Selbstverständnis freier Ensembles, die sich explizit zwischen Genres einordnen. So verortet sich das Splitter Orchestra Berlin zwischen zeitgenössischer und improvisierter Musik, das Stefan Schultze Large Ensemble kann unter anderem – aber nicht nur – im Jazz verortet werden; genau wie das Andromeda Mega Express Orchestra. Es zeigt sich: Entscheidend für das Profil sind Repertoire, ästhetische Schwerpunkte und künstlerische Ziele der Gründungsmitglieder.

Im kammermusikalischen Bereich finden sich zahlreiche Vertreter:innen, deren Besetzung sich explizit aus einem gattungstechnischen Schwerpunkt ableitet – beispielhaft hierfür sind die zahlreichen Streichquartette oder auch die Klaviertrios. Bei Ensembles, die im Bereich der historischen Aufführungspraxis arbeiten, ist eine Besetzung mit historischen Instrumenten wie Cembalo, Traversflöte, Zink oder Laute typisch. Beispiele sind die Lautten Compagney Berlin, die Akademie für Alte Musik Berlin, Capella de la Torre (Berlin), Freiburger Barockorchester, La Ninfea (Bremen) oder la festa musicale (Hannover). In der zeitgenössischen Musik gehören Elektronik, Komposition, Gesang oder Instrumente wie Akkordeon, Zither oder Gitarre regelmäßig zur Stammbesetzung, wie beispielsweise beim Ensemble LUX:NM (Akkordeon), Decoder (E-Zither) oder dem Streichquartett PULSE (Synthesizer und Elektronik). Dirigent:innen sind als feste Mitglieder eher selten in freien Ensembles zu finden.

Daneben gibt es im Schwerpunkt performativ und musiktheatral ausgerichtete freie Ensembles, etwa das Solistenensemble Kaleidoskop (Berlin). Größer besetzte Orchester wie die Berliner Symphoniker oder die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gehören ebenfalls zur Landschaft freier Ensembles. Sie unterscheiden sich von den Ensembles der Alten und zeitgenössischen Musik häufig darin, dass Instrumente – beispielsweise Streicher – mehrfach besetzt sind und die Stammbesetzung traditionelle kammermusikalische Instrumentation ohne Sonderinstrumente wie oben beschrieben aufgreift. Reine Vokalensembles sind ebenso vertreten, z. B. die Schola Heidelberg des KlangForum Heidelberg, AuditivVokal Dresden oder die Neuen Vocalsolisten (Stuttgart).

Zudem haben sich transkulturelle Ensembles etabliert, die europäische, west-, zentral- und ostasiatische Instrumente zu einer gemeinsamen, zeitgenössischen Musiksprache verbinden, etwa das Trickster Orchestra (Berlin), das Bridges Kammerorchester (Frankfurt), das AsianArt Ensemble (Berlin) oder Ensemble Asambura (Hannover). 

Ensemble mit klassischem Instrumentarium auf einer Bühne
Trickster Orchestra  
Foto: Stefan Stahnke
Musikensemble auf der Bühne mit einem Kindertheaterprogramm
La Ninfea, „Der Tag, an dem die Zikade sang“  
Foto: Elisa Germanus-Meyer
Vokalensemble, das auf seinen Dirigentin zuläuft
AuditivVokal Dresden  
Foto: Konrad Jentzsch

Repertoireentwicklung, Konzertpraxis und gesellschaftliche Verankerung 

Zahlreiche Entwicklungen und Paradigmenwechsel in der deutschen Musiklandschaft sind eng mit der Arbeit freier Ensembles verbunden. Sie entwickeln neue Interpretationen des etablierten Repertoires und erschließen bislang wenig beachtete und vergessene Werke, z. B. Kompositionen von Frauen. Zugleich eröffnen sie durch die Erprobung neuer experimenteller Präsentationsformate, ungewöhnliche Aufführungsorte und interdisziplinäre Ansätze neue Zugänge für unterschiedlichste Publika. 

Im klassisch-romantischen Repertoire leisten freie Ensembles einen wichtigen Beitrag zur Pflege, Erweiterung und Neubewertung des Kanons. Sie entwickeln neue interpretatorische Ansätze für bekannte Werke und verbinden diese zunehmend mit der gezielten Wiederentdeckung bislang wenig beachteter Kompositionen, etwa von Komponistinnen. So hat sich beispielsweise die Kammerakademie Potsdam intensiv mit dem Werk von Emilie Mayer auseinandergesetzt und damit zur stärkeren Sichtbarkeit dieser Komponistin beigetragen. Ensembles wie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen oder das Mahler Chamber Orchestra wiederum zeigen, wie sich das etablierte Repertoire durch neue programmatische Kontexte und interpretatorische Zugänge weiterentwickeln lässt.

Ebenso wäre die heutige Präsenz von historisch informierter Aufführungspraxis in der Alten Musik sowie die kontinuierliche Entstehung neuer Werke in der zeitgenössischen Musik ohne freie Ensembles kaum denkbar. Sie leisten in unterschiedlichen Genres wichtige Beiträge zu einer vielfältigen und spezialisierten Musikkultur und ergänzen damit die Angebote öffentlich getragener Orchester in essenzieller Weise.

Die Arbeit freier Ensembles zeichnet sich dadurch aus, unterschiedliche ästhetische Perspektiven und Stile sichtbar zu machen. Das Ensemble Resonanz betreibt mit dem resonanzraum in Hamburg beispielsweise einen Kammermusik-Club und verbindet in seiner Reihe „Urban String“ Klassik mit DJ-Kultur. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bindet mit ihrem Projekt Stadtteil-Oper einen gesamten Stadtteil in die Produktion ein und bringt Schüler:innen einer Gesamtschule auf die Bühne. Das Schwelbrandorchester realisiert durchkomponierte Konzertinstallationen mit Licht, Musik und Sound. Tempus Konnex betont den diskursiven Charakter von Musik und baut kontinuierlich Interviews, Lectures und Diskussionen in seine Konzerte, während das Mahler Chamber Orchestra mit „unboxing mozart“ die Zuhörenden zum aktiven Mitmusizieren einlädt; das Orchester im Treppenhaus bespielt im Sommer eine Insel. Konzertsäle werden zu Clubs, eine Insel zum Konzertsaal.

Schwelbrandorchester  
Foto: Arda Funda

Die Entstehung neuer Werke durch die Vergabe von Kompositionsaufträgen ist eng verknüpft mit den Spezialensembles der zeitgenössischen Musik, die jährlich zahlreiche Uraufführungen, neue Werke und Produktionen auf die Bühne bringen. Beispielhaft dafür stehen Ensembles wie das Zafraan Ensemble, das Ensemblekollektiv CO|:N:|ECT, die Musikfabrik Köln, die Neuen Vocalsolisten, Broken Frames Syndicate, El Perro Andaluz oder auch MAM – Manufaktur für aktuelle Musik. Auch die Bewegungen in der Alten Musik wären ohne freie Ensembles, die sich auf historisch informierte Aufführungspraxis spezialisiert haben, kaum denkbar. Die Akademie für Alte Musik Berlin veranstaltet seit über 35 Jahren eine eigene Aboreihe am Konzerthaus Berlin. Das Freiburger Barockorchester ist mit mehreren Aboreihen in verschiedenen Konzertsälen präsent. Kleiner besetzte Ensembles wie die Ensembles La Ninfea und la festa musicale haben sich der Wiederentdeckung von Werken verschrieben und setzen historische Literatur in neue, gegenwärtige Kontexte.

Freie Ensembles tragen dazu bei, dass mehr musikalische Vielfalt möglich und sichtbar wird. Deutlich zeigt sich dies auch in transkulturellen Ensembles, die unterschiedlichen musikalischen Traditionen und Geschichten Raum geben. Freie Ensembles wie das Trickster Orchestra, Ensemble Asambura, das Bridges Kammerorchester und AsianArt Ensemble verbinden postmigrantische Stimmen mit klassischer Musik, komponieren ihr Repertoire selbst und entwickeln eine neue Musiksprache. 

Die internationale Festival- und Konzertszene arbeitet vielfach mit freien Ensembles zusammen. Sie findet in ihnen künstlerische Partner, die aufgrund ihrer Spezialisierung und agilen Arbeitsweise sowohl künstlerisch als auch strukturell zu den Bedingungen von Festivals kompatibel sind. Gleichzeitig sind viele freie Ensembles in Form von Aboreihen oder Residenzen eng mit Veranstaltern verbunden, wie beispielsweise die Kammerphilharmonie Lübeck als Hausorchester der Eutiner Festspiele oder das Deutsche Kammerorchester Berlin und die Berliner Symphoniker mit Konzerten in der Philharmonie. 

Freie Ensembles treten auch selbst als Veranstalter in Erscheinung, indem sie eigene Musiktheaterproduktionen, Konzertreihen, Projekte oder auch Festivals entwickeln. Beispiele hierfür sind das Solistenensemble Kaleidoskop, das sich der Entwicklung neuer Formen des experimentellen Musiktheaters verschrieben hat, die Neue Philharmonie Frankfurt und die bayerische Kammerphilharmonie mit eigenen Konzertreihen oder auch die „Transtraditionale“, ein Musikfest der Globalen Gegenwart des Trickster Orchestra. 

Mit eigenen Musikvermittlungsprojekten in Schulen und Kitas sowie mit Akademien und Workshops für den professionellen Nachwuchs haben freie Ensembles Modellprojekte geschaffen, die nicht nur in ein zukünftiges Publikum, sondern auch in den Aufbau junger Künstler:innen investieren. Das Ensemble Modern gründete schon vor über 20 Jahren die Internationale Ensemble Modern Akademie. Die Kammerakademie Potsdam betreibt eine eigene Orchesterakademie, das ensemble mosaik investiert mit seinem Residenzprogramm „Progetto Positano“ in den kompositorischen Nachwuchs und der Balthasar-Neumann-Chor und -Orchester hat mit „Balthasar NOVA“ ein europäisches Akademieprogramm geschaffen. Concerto Köln hat eine Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater Köln geschlossen, um Studierenden mit Workshops und Projektphasen Einblicke in ihre Probenprozesse und Zusammenarbeit zu geben. Capella de la Torre vermittelt in einer umfassenden Mediathek in Form von Videos Spieltechniken für historische Instrumente. In der Jungen Deutschen Philharmonie kommen Studierende zusammen und arbeiten in einer demokratischen Orchesterstruktur. In all ihren Angeboten für den professionellen Nachwuchs geben die Ensembles nicht nur künstlerisch-ästhetisches Wissen weiter, sondern behandeln explizit auch unternehmerische und organisatorische Themen, die für die berufliche Praxis selbstständiger Musiker:innen von zentraler Bedeutung sind.

Freie Ensembles schaffen kreative und altersgerechte Angebote für Kinder und Jugendliche – wie beispielsweise die Ensembles Aventure und minifaktur mit Konzerten für Drei- bis Sechsjährige, das Ensemble Ascolta mit einem Musiktheater für Kinder ab sechs oder das Ensemble Musikfabrik mit seinem Studio Musikfabrik, einem Jugendensemble für zeitgenössische Musik. Das Ensemble der/gelbe/klang wiederum ist Ensemble in Residence für den Workshop „Jugend komponiert“. 

ensemble minifaktur, Kinderkonzert „Der Elefantenpups“  
Foto: Jacob Sollbach

Auch die Auseinandersetzung mit politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen ist für zahlreiche Vertreter:innen der freien Ensemblelandschaft ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. So beschäftigt sich das Ensemble Reflektor in seinem Festival „UltraBACH“ mit dem Umgang mit den emotionalen Herausforderungen der Klimakrise. Das Ensemble New Babylon setzt sich künstlerisch mit Gendergerechtigkeit und dem Einfluss von Social Media auseinander und die Dresdner Sinfoniker greifen Themen aus der Erinnerungskultur auf. AuditivVokal Dresden will in einem seiner Projekte für Fragen nach europäischer Gegenwart und Zukunft sensibilisieren. Der Suche nach neuen Formen gesellschaftlicher Begegnung widmet sich das Ensemble Ruhr mit partizipativen Stadtteilprojekten, während das Ensemble Quillo noch einen Schritt weiter geht und sich dauerhaft im ländlichen Raum der Uckermark niedergelassen hat. Mit dem Hof Quillo hat das Ensemble einen Kulturort in einem 150-Seelen-Dorf geschaffen und setzt sich in seinen Projekten mit dem Thema Dorfentwicklung und der Belebung des ländlichen Raums auseinander.

Mit Orten wie dem Betriebswerk Heidelberg (KlangForum Heidelberg und Heidelberger Sinfoniker), dem Ensemblehaus Freiburg (Ensemble Recherche und Freiburger Barockorchester) und dem neu angestoßenen Projekt SoundPort (Ensemble Modern) ist es einigen freien Ensembles gelungen, eigene Orte zu schaffen und sich darüber in Stadt- bzw. Dorfgesellschaft noch stärker zu verankern.

Blick in ein modernisiertes, umgestaltetes Industriegebäude mit gläsernen, abgetrennten Überäumen für Musikgruppen
Betriebswerk Heidelberg  
Foto: Betriebswerk Heidelberg
Blick in einen kleinen Konzertsaal mit einem Spitzdach und Backsteinwänden
Konzerthaus Hof Quillo  
Foto: Tom Schweers  /  Ensemble Quillo
Zweistöckiges, halbrundes modernes Gebäude mit grauer Fassade
Ensemblehaus Freiburg  
Foto: Ensemblehaus Freiburg

Motivationen und Gründungsdynamiken 

„Eine eigene Band zu gründen ist ein irrer Schritt, immer, aufregend, verbunden mit einem Hochgefühl, Identität und Sinn stiftend fühlt sich das an. Viele Ensemblegründungen fußen außerdem auf einer persönlichen Kursentscheidung der Gründer:innen, im Abbiegen von vorgeschriebenen Karrierewegen oder in einer Unzufriedenheit mit den bestehenden Optionen. In einer Emanzipation von Ausbildungsinhalten und vorhandenen Prägungen möglicherweise, also – um es mal groß zu sagen – in einem Akt der Selbstermächtigung.“ [4] So beschreibt Tobias Rempe, Gründungsmitglied und langjähriger Geschäftsführer des Ensemble Resonanz, aktuell Intendant des Konzerthauses Berlin, die Motivation hinter der Gründung eines freien Ensembles.

Ein freies Ensemble entsteht meist aus der Initiative von Musiker:innen selbst heraus; entsprechend groß ist der Identifikationsgrad der Mitglieder mit ihrem Ensemble. Die Beweggründe für die Gründung sind vielfältig und liegen in der Regel in einem spezifischen Wunsch nach beruflicher, künstlerischer und persönlicher Entfaltung – in Formen, wie sie in staatlich getragenen Orchestern selten abbildbar sind.

Ein freies Ensemble bietet die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit, sich künstlerisch wie auch organisatorisch und strategisch einzubringen, ob in Musikvermittlung, in der Konzeption neuer Konzertformate, im Projektmanagement, in der Kommunikation oder in der Fördermittelakquise. Insbesondere die organisatorischen Aufgaben sind häufig eine besondere Herausforderung für die Musiker:innen, weil sie in ihrem Musikstudium noch immer nicht vollumfänglich auf die Berufsausübung in der Selbstständigkeit vorbereitet werden. Zwar gibt es in den Career Centern der Hochschulen mittlerweile zahlreiche Angebote, die Informationen zu wichtigen Grundlagen wie Künstlersozialkasse, Verträge oder Steuern vermitteln und spezifischere Weiterbildungen z. B. im Bereich der Fördermittelbeantragung, Selbstmarketing oder auch Ensemblemanagement anbieten. All diese Angebote sind allerdings in der Regel freiwillig und nicht in den Lehrplan eingebunden. Sie setzen voraus, dass Studierende von sich aus die Bedeutung bzw. Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den genannten Themen erkennen. Angesichts des anspruchsvollen Studiums und Konkurrenzdrucks geschieht dies noch nicht flächendeckend, und es bleibt abzuwarten, ob sich die Hochschulen entschließen, ihre Angebote im Sinne einer gezielteren Berufsfeldorientierung verpflichtend zu gestalten. Zahlreiche Netzwerke und Verbände haben in den letzten Jahren die Lücken erkannt. So bieten die Deutsche Jazzunion, FREO, die Vereinigung Alte Musik, PRO MUSIK oder auch verschiedene Musikakademien mittlerweile Professionalisierungsangebote an, die selbstständige Musiker:innen mit Workshops, Leitfäden und Handreichungen unterstützen. 

MIZ WISSEN

Weitere Informationen

Institutionen und Studien

Titel
FREO - Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.

Text
Die 2016 gegründete Initiative „Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.“ (FREO e.V.) ist die Interessenvertretung freier Ensembles und Orchester in Deutschland und setzt sich u. a. für Anpassungen bei rechtlichen Rahmenbedingungen und Förderstrukturen mit Blick auf die spezifischen Bedarfe der Ensembles ein.

Titel
Freie Ensembles und Orchester in Deutschland

Text
Charakteristika einer vielfältigen Landschaft. Studienbericht.
Hrsg. von FREO e.V., 2024

Titel
Professionelles Musizieren in Deutschland

Text
Ergebnisse einer Repräsentativbefragung zu Erwerbstätigkeit, wirtschaftlicher Lage und Ausbildungswegen von Berufsmusizierenden
Deutsches Musikinformationszentrum, Institut für Demoskopie Allensbach, 2023

Literatur und Links

Titel
Kunst, Spiel, Arbeit

Text
Musikerleben in Deutschland, 1850 bis 1960
Martin Rempe, Göttingen 2020

Titel
Die deutsche Orchesterlandschaft

Text
Kulturförderung, Interessenorganisation und Arbeitsbedingungen seit 1900.
Martin Rempe, Berlin 2019

Titel
Ensemblelandschaft in der aktuellen Musik

Text
Internationale Ensemble Modern Akademie, Frankfurt 2020

Titel
Landschaften

Text
Freie Ensembles und Orchester als Trendsetter und Leuchttürme.
FREO e.V.,

Strukturelle Merkmale 

Trotz der künstlerischen und strukturellen Heterogenität lassen sich gemeinsame Merkmale identifizieren, die freie Ensembles charakterisieren und zur Definition des Modells „freies Ensemble“ herangezogen werden können.

Private Organisationen mit Musiker:innen als Träger
Im Unterschied zu den kommunalen und staatlichen Orchestern sind freie Ensembles privat organisierte Unternehmen, die von ihren Musiker:innen getragen werden. Während Musiker:innen in staatlich getragenen Orchestern sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, arbeiten die Mitglieder freier Ensembles in der Regel selbstständig und sind als Gesellschafter:innen in verschiedenen Konstellationen „Shareholder“ ihrer eigenen Ensembleorganisationen. Damit tragen die Musiker:innen das wirtschaftliche Risiko selbst. Je nach Rechtsform bedeutet das, dass sie im Schadensfall auch mit ihrem privaten Vermögen haften.

Übliche Rechtsformen sind die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), die GmbH bzw. gGmbH sowie der eingetragene Verein (e. V.). Am häufigsten vertreten ist mit Abstand die GbR (68,3 %), gefolgt vom gemeinnützigen e. V. (20,4 %). Deutlich seltener sind gGmbH (2,1 %), GmbH (1,6 %), gUG (1,4 %) und UG (0,7 %). [5]

Die GbR ist die am weitesten verbreitete Rechtsform, da sie mit geringerem bürokratischem Aufwand und weniger Nachweispflichten verbunden ist. Sie ermöglicht basisdemokratische Strukturen und umfassende Einflussmöglichkeiten der Gesellschafter:innen. Ein Startkapital ist nicht erforderlich. Nachteile sind ein erhöhtes Haftungsrisiko der Gesellschafter:innen mit ihrem Privatvermögen sowie die fehlende Gemeinnützigkeit. Letzteres erschwert insbesondere die Einwerbung privater Fördermittel, die häufig Gemeinnützigkeit voraussetzen.

Da es in Deutschland derzeit keine Rechtsform gibt, die alle Bedarfe freier Ensembles (Gemeinnützigkeit, Basisdemokratie, geringes Haftungsrisiko) vereint, arbeiten viele mit kombinierten Trägerstrukturen. So gibt es beispielsweise Ensembles, die zu ihrer GbR eine Dachstruktur in Form eines e. V. aufbauen oder GmbHs, deren einzige Gesellschafterin eine GbR aus den Ensemblemitgliedern ist. Andere Ensembles bauen Fördervereine oder Freundeskreise auf. Je weiter sich ein freies Ensemble etabliert, desto komplexer werden auch die Anforderungen an Rechtsform und Trägerstruktur.

Langfristigkeit und Stammbesetzung
Die Arbeit freier Ensembles ist auf Langfristigkeit in gleichbleibenden Strukturen ausgelegt. Dies zeigt sich u. a. in Form einer Stammbesetzung an Musiker:innen und anderen Künstler:innen, die den künstlerischen Kern bildet und je nach Projekt durch Gäste erweitert wird. Damit unterscheiden sich freie Ensembles von sogenannten Projekt‑ oder Telefonorchestern mit wechselnden Besetzungen, die nur für einzelne Vorhaben zusammenkommen. Auffällig ist, dass bei vielen freien Ensembles (nahezu) alle Mitglieder der Stammbesetzung auch Gesellschafter:innen bzw. Träger der Organisation sind. [6]

Basisdemokratische Entscheidungswege
Basisdemokratische Strukturen gehören zum Kern vieler freier Ensembles. [7] Sowohl künstlerische als auch geschäftsführende Entscheidungen werden in Modellen getroffen, die größtmögliche Mitsprache ermöglichen. Vollumfassende Basisdemokratie – in der alle Mitglieder wirklich alle Entscheidungen gemeinsam treffen – ist allerdings selten der Fall, da diese Struktur nicht den Anforderungen eines schnelllebigen Musikbetriebs entspricht. Stattdessen legt jedes freie Ensemble je nach Größe, Etablierungsgrad und Zielen eigene, partizipative Strukturen fest: Regelmäßige Treffen aller Mitglieder (monatlich bis halbjährlich), interne Gremien und Arbeitsgruppen, zeitlich befristete Mandate, gewählte künstlerische Leitungen oder Geschäftsführungen (intern oder extern) – teils in Zusammenarbeit mit Agenturen – sind vielfach erprobte Formate. Dass ein Management oder eine Geschäftsführung vollumfassend allein Entscheidungen trifft, über die die Ensemblemitglieder lediglich informiert werden, ist vergleichsweise selten. 
Die Etablierung von Modellen, in denen basisdemokratischer Anspruch, personenbezogene Entscheidungskompetenzen sowie die Anforderungen eines dynamischen Musikbetriebs zufriedenstellend miteinander verbunden werden können, ist eine beständige Herausforderung für freie Ensembles. Deshalb stellen sie ihre internen Strukturen auch regelmäßig auf den Prüfstand, erproben neue Formate, verwerfen diese wieder und entwickeln ihre Strukturen kontinuierlich weiter.

Freiburger Barockorchester  
Foto: Valentin Behringer

Künstlerische Arbeit und organisatorische Verantwortung

Die Trägerstruktur freier Ensembles erfordert von den Musiker:innen eine große Verantwortung für die eigene wirtschaftliche Existenz, das Ensemble‑Unternehmen und seine Beschäftigten. Nicht nur in den Anfangsjahren fehlen oft die Mittel, Personal für organisatorische, administrative oder kommunikative Aufgaben einzustellen.

Die Musiker:innen müssen selbst tätig werden: Für den Aufbau der Unternehmensstrukturen mit ihren organisatorischen und administrativen Abläufen müssen sie sich mit zahlreichen Fragen auseinandersetzen, die entscheidend für die erfolgreiche Etablierung des Ensembles sind: Wer bringt welche Qualifikationen mit? Wer kann und möchte welche Aufgaben übernehmen? Wie können Entscheidungsprozesse gestaltet werden, die nicht nur kooperative und partizipative Prinzipien leben, sondern gleichzeitig schnelles und effektives Handeln ermöglichen? Wer übernimmt in welcher Situation die Leitung? Was soll gemeinsam entschieden werden und wie viel soll und muss in die Hände einzelner Musiker:innen oder Mitarbeitender gelegt werden?  Die wenigsten Musiker:innen sind auf diese Fragestellungen und strukturellen Herangehensweisen ausreichend vorbereitet. Wie weiter oben bereits beschrieben, ist das Musikstudium noch immer stark künstlerisch fokussiert und weitere Qualifikationen wie Selbstorganisation oder Projektmanagement kommen zu kurz.  

So entsteht in jedem freien Ensemble eine individuelle Organisationsstruktur. Basisdemokratische Strukturen spielen hierbei immer eine entscheidende Rolle - wobei die Herausforderung darin besteht, Mitsprache, Mitgestaltung und Partizipation so zu ermöglichen, dass gleichzeitig ein schnelles und effektives Handeln und Agieren möglich ist. Mit wachsender Größe und Etablierung bilden sich häufig klarere Zuständigkeiten (künstlerische Leitung, Management, Geschäftsführung). 

Typisch ist, dass Musiker:innen neben ihrer künstlerischen Arbeit im Ensemble auch Akquise, Förderanträge, Presse‑ und Öffentlichkeitsarbeit, Projektmanagement, Veranstaltungsorganisation oder Buchhaltung übernehmen. Das kann bereichernd sein – etwa, um individuelle Kompetenzen einzubringen oder aufzubauen – bleibt aber häufig eine Belastung. Denn viele dieser Tätigkeiten werden unbezahlt verrichtet, weil die finanziellen Spielräume freier Ensembles eng sind. 

Langfristig ist für ein freies Ensemble existenzentscheidend, ob es gelingt, eine Finanzierung aufzubauen, die die Übergabe von Verwaltungs‑ und Kommunikationsaufgaben an eigenes Personal, freie Mitarbeitende oder externe Partner (z. B. Agenturen) ermöglicht. Andernfalls droht Stagnation, weil das eigene künstlerische Personal – also die Musiker:innen – zu stark in die Verwaltung eingebunden sind.

Einige Ensembles aus dem Gründungsboom der 1980er- und 1990er-Jahre konnten sich so weit etablieren, dass sie Mitarbeitende (Öffentlichkeitsarbeit, Geschäftsführung, kaufmännische Leitung, Projektkoordination, Buchhaltung, Reiseplanung u. a.) beschäftigen. Große Teams sind jedoch die Ausnahme. Wenn überhaupt, verfügen die meisten freien Ensembles lediglich über eine einzige Person für diese Aufgaben; zeitlich befristete und projektbezogene Zusammenarbeit (Produktions‑, Stage‑ und  Tontechnik, PR) auf Honorarbasis ist verbreitet, da die Finanzierung hierfür über Projektförderungen möglich ist. [8]

Emanuel Gat Dance und Ensemble Modern, „Story Water“  
Foto: Julia Gat

Finanzierungsstrukturen und wirtschaftliche Herausforderungen

Freie Ensembles finanzieren sich aus einem Mix aus öffentlicher und privater Förderung sowie aus Engagement‑ und Ticketeinnahmen; Förderungen und Gagen sind dabei die häufigsten Einnahmequellen. Öffentliche Mittel von Kommunen, Ländern und teilweise des Bundes spielen eine zentrale Rolle. Im Unterschied zu öffentlich getragenen Orchestern dominiert jedoch die zeitlich befristete und auf ein einzelnes künstlerisches Vorhaben bezogene Projektförderung. Institutionelle Förderungen sind die Ausnahme – und machen selbst dort, wo es sie gibt, meist nur einen Bruchteil des Jahresbudgets aus. Das Vorhandensein einer institutionellen Förderung bedeutet dabei nicht, dass es sich hierbei nicht mehr um ein freies Ensemble handelt. Ausschlaggebend bei der Abgrenzung von freien Ensembles zu anderen Strukturen ist die Frage der Trägerschaft: Auch ein institutionell gefördertes freies Ensemble bleibt in privater Trägerschaft seiner Musiker:innen – während im Vergleich ein staatlich getragenes und institutionell gefördertes Orchester in Trägerschaft der öffentlichen Hand steht.

Freie Ensembles in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen und Niedersachsen haben die Möglichkeit, eine mehrjährige Strukturförderung zu beantragen. Diese wird zwar vergeben wie eine Projektförderung und muss immer wieder neu beantragt werden, im Gegensatz zur künstlerischen Projektförderung haben diese Fördermaßnahmen allerdings den Fokus auf die Finanzierung von laufenden strukturellen und organisatorischen Ausgaben – in der Regel unabhängig von einzelnen Projekten.

Wichtige Fördereinrichtungen des Bundes sind die Kulturstiftung des Bundes und der Musikfonds. In der Vergangenheit gab es mit „Exzellente Orchesterlandschaft“ und – im Kontext der Corona-Pandemie – dem NEUSTART KULTUR‑Sonderprogramm „Freie Musikensembles“ spezifische Bundesförderungen; diese sind inzwischen ausgelaufen, eine Fortsetzung ist derzeit nicht absehbar.

Ensemble Musikfabrik  
Foto: Janet Sinica

Finanzierung, Kostenentwicklung und personelle Kontinuität

Die wirtschaftliche Situation freier Ensembles ist häufig herausfordernd. Organisationsform, Arbeitsweise und überwiegend kurzfristige Finanzierung führen zu erhöhter Unsicherheit. Ausfallende Honorare beispielsweise durch die Absage eines Konzerts können schnell zu finanziellen Engpässen führen. [9]

Besonders deutlich zeigte sich dies in der Corona-Pandemie, als Engagements wegfielen und geförderte Eigenproduktionen nicht realisiert werden konnten. Da freie Ensembles meist auf keine Rücklagen zurückgreifen können, war die Pandemie für die Szene existenzbedrohend. In dieser Zeit erwies sich das NEUSTART KULTUR-Programm für freie Musikensembles als bedeutende Unterstützung. Denn die Förderung war explizit kein reines Krisenprogramm. Ergänzend zur Sicherung der freien Ensembles unter den Bedingungen der Pandemie setzte das Programm einen Schwerpunkt auf Weiterentwicklung, Professionalisierung und Vorbereitungen auf die Zeit nach der Pandemie. Die Förderung ermöglichte es, organisatorische Strukturen zu stärken, Musiker:innen für die Übernahme administrativer Aufgaben fair zu vergüten und strategisch-strukturell in die Professionalisierung und künstlerische Profilierung zu investieren. Dadurch wurden Musiker:innen spürbar entlastet und interne Arbeitsprozesse professionalisiert. Gleichzeitig schuf das Programm Freiräume für künstlerische Entwicklung: Ensembles konnten intensiver proben, neue Formate entwickeln und ihr Profil weiter schärfen. Viele berichteten von einer verbesserten Probenqualität, größerer Gestaltungssicherheit und einer neuen Wertschätzung für die vielfältigen, auch organisatorischen Tätigkeiten innerhalb des Ensembles. Insgesamt trug die Förderung wesentlich dazu bei, die Arbeitsfähigkeit und künstlerische Weiterentwicklung freier Ensembles in einer existenziellen Krisensituation zu sichern. [10]

Zentrale Herausforderung ist die mittel‑ und langfristige Finanzierung – besonders für strukturelle Ausgaben wie Personal, Mieten oder kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit. [11] Die bestehende Förderlandschaft berücksichtigt die spezifischen Anforderungen freier Ensembles bislang nur eingeschränkt, da sie sich primär in zeitlich und auf einzelne künstlerische Vorhaben begrenzte Projektförderung auf der einen und institutionelle Förderung auf der anderen Seite unterteilt. Es fehlt an Förderungen, die die Finanzierung von Strukturen und Prozessen in den Mittelpunkt rücken und den freien Ensembles Planungssicherheit und Entwicklungsperspektive bieten. Die aktuell stark angegriffenen Kulturhaushalte, verbunden mit rasant steigenden Produktions- sowie Lebenshaltungskosten verschärfen die Herausforderung erheblich.

Die Musiker:innen eines freien Ensembles nehmen – wie Trägerstrukturen, Verantwortung und Aufgabenverteilung zeigen – eine besondere Rolle ein. Ohne sie gibt es kein Ensemble. Gleichwohl können viele Stammmitglieder ihren Lebensunterhalt nicht allein über die Ensemblearbeit bestreiten. [12] 

Viele arbeiten daher parallel in weiteren Ensembles, wirken projektweise als Gäste oder spielen als Aushilfen in öffentlich getragenen Orchestern. Lehrtätigkeiten – Unterricht an Musikschulen oder Lehraufträge an Musikhochschulen – gehören häufig zum Berufsbild. Daraus ergeben sich auch Fragen der Altersvorsorge, der sozialen Vorsorge und Absicherung in einer überwiegend freien Struktur, mit der sich die freien Ensembles kontinuierlich auseinandersetzen.

Sichtbarkeit und institutionelle Wahrnehmung 

Freie Ensembles sehen sich regelmäßig mit der Herausforderung konfrontiert, dass sie teilweise nicht als professionelle Akteure des Musiklebens wahrgenommen und stattdessen in den Bereich der Amateurmusik eingeordnet werden. Zudem fehlt an vielen relevanten Stellen – beispielsweise in der Verwaltung oder bei Fördereinrichtungen – Wissen über ihre spezifischen Strukturen und Arbeitsweisen. Dadurch kommt es wiederholt vor, dass beispielsweise Förderprogramme nicht an den Bedarfen der Szene ausgerichtet und entsprechend formuliert werden oder freie Ensembles vollständig von Förderprogrammen ausgeschlossen werden.

Auch eine fehlende gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit wird von freien Ensembles immer wieder betont. Die herausfordernde finanzielle Situation bringt mit sich, dass es häufig an kommunikativen Ressourcen fehlt, die notwendig wären, um kontinuierlich an der Sichtbarkeit zu arbeiten. Daraus entsteht eine paradoxe Situation: Während freie Ensembles wichtige Impulse für ästhetische Entwicklungen, innovative Konzertformate, neue Formen der Zusammenarbeit geben, sowohl regional als auch international mit zahlreichen Aktivitäten das Musikleben mitgestalten und darüber ein großes und vielfältiges Publikum erreichen, spiegelt sich diese Arbeit nur eingeschränkt in medialer Aufmerksamkeit oder kulturpolitischer Wahrnehmung wider.

Fazit

Freie Ensembles sind ein wichtiger Bestandteil der musikalischen Vielfalt. Sie entwickeln neue Ansätze bei Repertoireentwicklung und -pflege, Interpretation, Aufführungspraxis und der Entwicklung neuer Konzertformate. Ihr besonderes Kennzeichen liegt in ihrer künstlerischen und organisatorischen Beweglichkeit und in ihren eigenverantwortlichen Strukturen. Als Modellorganisationen stehen freie Ensembles für neue Formen der Zusammenarbeit – geprägt von Agilität, Basisdemokratie und geteilter Führung, in denen Musiker:innen gemeinsam die künstlerische, unternehmerische und strategische Verantwortung übernehmen.

Mit ihrem Streben nach Innovation, ihrer Offenheit für Paradigmenwechsel sowie kontinuierlicher Bezugnahme auf gesellschaftliche und politische Prozesse nehmen sie an gesellschaftlichen und kulturellen Transformationsprozessen teil. Eine nachhaltige Weiterentwicklung der freien Ensembles setzt Förderstrukturen voraus, die langfristige Perspektiven eröffnen, Vertrauen in die eigenverantwortlichen Arbeitsweisen stärken und den gewachsenen organisatorischen und künstlerischen Realitäten der freien Szene Rechnung tragen.

Über die Autorin

Lena Krause ist Geschäftsführerin von FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.

Zitationsvorschlag

Krause, Lena (2026): Freie Ensembles. Deutsches Musikinformationszentrum. Online unter: https://miz.org/de/beitraege/version/2026-freie-ensembles (Zugriff: TT.MM.JJJJ).

Fußnoten

  1. Vgl. Martin Rempe: Die Deutsche Orchesterlandschaft. Kulturförderung, Interessenorganisation und Arbeitsbedingungen seit 1900, Berlin 2019, 11-13.

  2. Vgl. Martin Rempe: Die Deutsche Orchesterlandschaft. Kulturförderung, Interessenorganisation und Arbeitsbedingungen seit 1900, Berlin 2019, 11-13.

  3. Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Studienbericht. Freie Ensembles und Orchester in Deutschland. Charakteristika einer vielfältigen Landschaft, Berlin 2024, 12.

  4. Internationale Ensemble Modern Akademie: Ensemblelandschaft in der aktuellen Musik, Frankfurt 2020, S. 11.

  5. Vgl. Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Freie Ensembles und Orchester in Deutschland. In Bildern und Diagrammen. Kurzfassung der Grundlagenstudie, Berlin 2024, S. 21.

  6. Vgl. Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Freie Ensembles und Orchester in Deutschland. In Bildern und Diagrammen. Kurzfassung der Grundlagenstudie, Berlin 2024, 22-23.

  7. So beschreibt etwa Daniela Lieb, Flötistin im Freiburger Barockorchester, die gemeinsame Arbeit: „Bei uns wird eigentlich immer demokratisch entschieden, wie etwas klingen darf. Und es gibt viele Vorschläge, viele Ideen, da wird viel probiert, und es wird auch jeder ernst genommen.“ Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Landschaften. Freie Ensembles und Orchester als Trendsetter und Leuchttürme. Online unter: https://www.freo-landschaften.de (Zugriff: 15. Januar 2026).

  8. Vgl. Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Freie Ensembles und Orchester in Deutschland. In Bildern und Diagrammen. Kurzfassung der Grundlagenstudie, Berlin 2024, 28-31.

  9. Dies beschreibt beispielsweise Christa Kittel, Geigerin und Gründungsmitglied des Freiburger Barockorchesters: „Irgendwo hängt immer das Damoklesschwert über uns. Wenn es mal eine blöde Situation gibt, ein Konzert abgesagt wird, aus welchen Gründen auch immer das Honorar nicht fließt, dann kann es bei uns schnell ans Eingemachte gehen.“ Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Landschaften. Freie Ensembles und Orchester als Trendsetter und Leuchttürme. Online unter: https://www.freo-landschaften.de (Zugriff: 12. Januar 2026).

  10. Vgl. Neustart Kultur. Erhalt und Stärkung der Infrastruktur für Kultur in Deutschland – Freie Musikensembles. Kurzbericht der Evaluation. Online unter: https://freo-netzwerk.de/projekte/neustart-kultur (Zugriff: 19. Mai 2026).

  11. Die Herausforderung bei Fragen der Finanzierung betrifft nicht nur junge Ensembles, sondern auch etablierte. So betont Christian Fausch vom Ensemble Modern: „Die Frage der strukturellen Förderung – wie kann ein Betrieb auch längerfristig existieren? – ist ganz entscheidend. Für junge Ensembles ist diese Herausforderung gigantisch, aber auch für Alteingesessene wie uns nicht zu unterschätzen.“ Internationale Ensemble Modern Akademie: Ensemblelandschaft in der aktuellen Musik, Frankfurt 2020, S. 17.

  12. So beschreibt beispielsweise Zoé Cartier, Cellistin bei LUX:NM, die Situation: „Auch wenn wir bei LUX:NM versuchen, wirklich gute Bedingungen zu schaffen, sind die Löhne trotzdem im Vergleich mit anderen in der Branche nicht ausreichend. Man kann nicht nur davon leben.“ Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.: Landschaften. Freie Ensembles und Orchester als Trendsetter und Leuchttürme. Online unter: https://www.freo-landschaften.de (Zugriff: 12. Januar 2026).