Der Kurt-Hübner-Preis der Bremer Theaterfreunde geht in diesem Jahr an die Leitende Dramaturgin im Musiktheater des Theater Bremen, Frederike Krüger. Den Michael-Börgerding-Nachwuchspreis der Bremer Theaterfreunde erhält der Tenor Ian Spinetti. Die Preisverleihung findet am Montag, dem 29. Juni im Kleinen Haus statt. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei, es gibt Zählkarten an der Theaterkasse.
In der Jurybegründung zum Kurt-Hübner-Preis heißt es: Musiktheater entsteht nicht allein auf der Bühne. Es lebt ebenso von den Ideen, Fragen und Perspektiven, die eine Produktion begleiten und ihr Profil schärfen. Frederike Krüger hat diese Arbeit am Theater Bremen in den vergangenen Jahren mit außergewöhnlichem Engagement, großer Klugheit und spürbarer Leidenschaft geprägt.
Als Dramaturgin gelingt es ihr, historische Stoffe und große Repertoirewerke in Beziehung zur Gegenwart zu setzen, ohne deren künstlerische Eigenständigkeit zu überdecken. Mit analytischer Präzision, umfassender Kenntnis des Musiktheaters und einem feinen Gespür für gesellschaftliche Zusammenhänge eröffnet sie neue Perspektiven auf bekannte Werke und schafft Räume für lebendige Auseinandersetzungen.
Ob bei „Sissy“, „Madama Butterfly“, „Die Zauberflöte“ oder bereits in früheren Produktionen wie „Doctor Atomic“ oder „Titus (La clemenza di Tito)“: Frederike Krügers Handschrift zeigt sich in der Sorgfalt, mit der Themen freigelegt, Kontexte erschlossen und künstlerische Prozesse begleitet werden. Ihre Arbeit verbindet inhaltliche Tiefe mit kommunikativer Offenheit und trägt wesentlich dazu bei, dass das Musiktheater des Theater Bremen sein Publikum immer wieder neu herausfordert, berührt und begeistert.
Viele Besucher:innen verbinden ihren Zugang zu einer Produktion inzwischen unmittelbar mit Frederike Krügers Einführungen. Mit ihrer Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich und zugleich anregend zu vermitteln, schafft sie Gesprächsräume bereits vor dem ersten Ton. Ihre Einführungen sind keine bloßen Erläuterungen, sondern eigenständige Einladungen zum Mitdenken und Mitentdecken.
Mit der Verleihung des Kurt-Hübner-Preises an Frederike Krüger zeichnet die Jury – erstmalig – eine Dramaturgin aus, die die künstlerische Entwicklung des Hauses, bereits zuletzt und auch künftig als Mitglied des Leitungsteams, nachhaltig mitgestaltet und dem Musiktheater durch ihre Expertise und ihre Vermittlungskraft bedeutende Impulse verleiht.
„Der Anruf war eine richtige Überraschung und umso größer die Freude und Dankbarkeit über diese Anerkennung meiner Arbeit als Dramaturgin“, sagt Frederike Krüger: „Für mich sind Bremen, sein Theater, seine Freundinnen und Freunde ein großes Glück. Ich kann es kaum erwarten, gemeinsam die Zukunft zu gestalten!“
Mit dem Kurt-Hübner-Preis zeichnen die Bremer Theaterfreunde e.V. seit 1996 jährlich eine besonders herausragende künstlerische Leistung am Theater Bremen aus. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wurde bereits unter anderem an die Schauspielerin Nadine Geyersbach und den Schauspieler Alexander Swoboda (2016), an die Jungen Akteure (2017), an den Chor des Theater Bremen unter Leitung von Alice Meregaglia (2018), an den Schauspieler Simon Zigah (2019), an Hausregisseurin Alize Zandwijk (2020), an die Sängerin Marysol Schalit (2022), an den Sänger Christoph Heinrich (2023), an die Musiktheater-Produktion „Doctor Atomic“ und zuletzt an die Schauspielerin Lieke Hoppe verliehen. Benannt ist der Preis nach Kurt Hübner, der von 1962 bis 1973 Generalintendant am Theater Bremen war.
Der Nachwuchspreis der Bremer Theaterfreunde wurde 2020 zum ersten Mal vergeben, und im vergangenen Jahr nach dem plötzlichen Tod des Intendanten nach ihm Michael-Börgerding-Nachwuchspreis benannt. Er ist ebenfalls mit 5.000 Euro dotiert. Mit dem Preis sollen junge Theaterkünstler:innen ausgezeichnet werden, die aufgrund ihrer Leistung und Persönlichkeit als besonders förderungswürdig erscheinen. Er wird gemeinsam mit dem bereits 1996 ins Leben gerufenen Kurt-Hübner-Preis vergeben. Der erste Preisträger war Kapellmeister Killian Farrell, 2022 bekam die Schauspielerin Shirin Eissa den Nachwuchspreis, 2023 zeichnete die Jury den Musiker und Schauspieler Matti Weber aus, im Jahr 2024 den Schauspieler Levin Hofmann und zuletzt 2025 die Sängerin Elisa Birkenheier. In diesem Jahr wird er dem Tenor Ian Spinetti verliehen.
In der Jurybegründung zum Nachwuchspreis heißt es: Ian Spinetti gehört zu den jungen Ensemblemitgliedern, die innerhalb kurzer Zeit ein unverwechselbares künstlerisches Profil entwickelt haben. Seit seinem Eintritt in das Musiktheaterensemble des Theater Bremen überzeugt er durch musikalische Qualität, stilistische Vielseitigkeit und eine bemerkenswerte Präsenz auf der Bühne.
In den unterschiedlichsten Partien beweist er die Fähigkeit, Rollen nicht nur stimmlich souverän zu gestalten, sondern ihnen auch eine eigene dramatische Kontur zu verleihen. Dabei verbindet sich die Leuchtkraft seines Tenors mit einer natürlichen Bühnenausstrahlung und einer hohen Sensibilität für die jeweilige Figur. Seine Darstellungen zeichnen sich durch große Spielfreude, Musikalität und eine unmittelbare emotionale Glaubwürdigkeit aus, die das Publikum erreicht und mitnimmt.
In den Produktionen dieser Spielzeit, zuletzt als Tamino in „Die Zauberflöte“, davor als Aeneas in „Dido and Aeneas“ sowie als Pinkerton in „Madama Butterfly“, zeigt sich die Reife seines künstlerischen Ausdrucks in besonderer Weise. Zugleich hat Ian Spinetti bereits in den vergangenen Spielzeiten immer wieder seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt – in großen Partien ebenso wie in kleineren Rollen, die er mit schlauem Humor und großer Sorgfalt gestaltet. In Erinnerung geblieben sind hier nicht zuletzt die Auftritte in „La Bohème“ und „Die Liebe zu den drei Orangen“.
Mit der Auszeichnung würdigt die Jury einen Sänger, der sich zu einer prägenden jungen Stimme des Bremer Musiktheaters entwickelt hat. Sein Weg steht beispielhaft für die Stärke eines lebendigen Ensembletheaters, und seine weitere künstlerische Entwicklung darf mit großer Erwartung und Freude verfolgt werden.
„Ich habe überhaupt nicht erwartet, dass ich diesen Preis bekomme!“, so Ian Spinetti: „Er ist eine absolut tolle Anerkennung für die ganze Zeit, Anstrengung, Tränen und Liebe, die ich hinter und auf der Bühne für meine Rollen gegeben habe und auch ein tolles Geschenk für meinen weiteren Weg.“
Die diesjährige Jury setzte sich wie folgt zusammen: Martin Wiebcke (Künstlerischer Betriebsdirektor und Teil des Leitungsteams des Theater Bremen), Ursula van den Busch (Vorsitzende der Theaterfreunde), Malte Hinrichsen (Theaterfreunde), Daniel de Olano (Theaterfreunde), Eva Quante-Brandt (Theaterfreunde), Sophia Fischer (Radio Bremen), Jens Fischer (Journalist), Christine Gorny (Radio Bremen) und Andreas Schnell (Journalist).
Mehr zu den Preisträgerinnen
Frederike Krüger studierte in Bayreuth den B.A. Musiktheaterwissenschaft, ehe sie ihren Master in Dramaturgie (Schwerpunkt Musiktheater) an der Hochschule für Musiktheater Hamburg absolvierte. 2017 ging sie als Dramaturgin für Musiktheater und Konzert ans Saarländische Staatstheater. Darüber hinaus arbeitet sie als freie Dramaturgin, Autorin und Moderatorin unter anderem für das Festspielhaus Baden-Baden, die Hamburgische Staatsoper und die Hamburger Symphoniker, die Elbphilharmonie, die Semperoper Dresden und die Herrenchiemsee Festspiele. Als Dozentin war sie bisher unter anderem an der Universität des Saarlandes und an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg tätig. Im Oktober 2022 kam sie als Dramaturgin für Musiktheater ans Theater Bremen. Seit der Spielzeit 2025/26 ist sie Leitende Dramaturgin im Musiktheater und Mitglied des Künstlerischen Leitungsteams am Theater Bremen.
Der 1995 geborene brasilianische Tenor Ian Spinetti begann sein Gesangsstudium an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Brasilia bei Francisco Frias und kam über ein Auswahlsingen der Internationalen Chorakademie Lübeck für erste Gesangsprojekte nach Europa. 2015 wurde er als Solist bei der First International Residency an der Lyrical Opera of Chicago aufgenommen und belegte dort Kurse bei Craig Terry und Julia Faulkner. Weitere künstlerische Impulse erhielt er in Meisterkursen bei Marcel Boone und Margreet Honig. 2016 bis 2019 studierte Spinetti am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg, ab 2019 an der Folkwang Universität der Künste in Essen bei Prof. Rachel Robins. Sein Operndebüt gab Ian Spinetti 2019 als Jaquino in Beethovens „Fidelio“ bei der Oper Burg Gars, wohin er 2021 als Pedrillo in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ und 2022 als Remendado in Bizets „Carmen“ zurückkehrte. 2021 debütierte er am Theater Kiel in Elena Kats-Chernins Familienoper „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und am Aalto Musiktheater Essen als 1. Matrose in „Dido und Aeneas“. Seit der Spielzeit 2022/23 gehört Ian Spinetti zum Musiktheaterensemble des Theater Bremen und war hier seitdem u.a. in „Hello, Dolly!“, in „Ariadne auf Naxos“, „Angels in Amerikca“, „Orpheus in der Unterwelt“, „Macbeth“, „Die Liebe zu den drei Orangen“, der Uraufführung des Musicals „Der 35. Mai“, in „La Bohème“, „Madama Butterfly“, „Der feurige Engel“, dem Doppelabend „Dido and Aeneas/Erwartung“ und „Die Zauberflöte“ zu erleben.