Frau Voigt, wie würden Sie Ihren Betrieb beschreiben?
VOIGT: Unser Betrieb, die Firma Voigt Brass in Markneukirchen, beschäftigt derzeit 38 Mitarbeiter:innen sowie vier Auszubildende und ist auf die handwerkliche Fertigung von Metallblasinstrumenten spezialisiert. Auch wenn unser Schwerpunkt auf Posaune und Trompete liegt, bieten wir ein Vollsortiment an. Wir sind so aufgestellt, dass wir nahezu alle Bauteile für unsere Instrumente selbst herstellen können. Dadurch sind wir in der Lage, auch anderen, kleineren Betrieben ein großes Sortiment an Bauteilen zu liefern und speziell angefragte Komponenten zu produzieren. Da wir auch über einen eigenen Werkzeugbau verfügen, bilden wir die vollständige Lieferkette im eigenen Haus ab – von der ersten Idee des Kunden über die Werkzeugentwicklung bis hin zum fertigen Produkt.
Wie ist Ihre Teilbranche des Musikinstrumentenbaus strukturiert?
VOIGT: Ich würde die Struktur unserer Branche in drei Kategorien unterteilen. Zum einen gibt es den Handwerksbetrieb mit einem Meister und ein oder zwei Gesellen, der das nötige Portfolio an einzelnen Bauteilen nicht selbst herstellen kann. Daher gibt es eine Arbeitsteilung in der Branche – z. B. Schallstückmacher oder Zylindermaschinenmacher, die sich auf Teilbereiche spezialisiert haben und als Zulieferer für andere Handwerksunternehmen fungieren. Zum anderen haben wir mittelständische Unternehmen – in Deutschland sind das gerade einmal eine Handvoll Betriebe mit zwischen 10 und 100 Mitarbeitenden, die in weiten Teilen, so wie wir, autark fertigen können. Und dann gibt es noch ein bis zwei Manufakturbetriebe, die den Grenzbereich industrieller Fertigung erreichen und mit 200 bis 250 Mitarbeitenden arbeiten.
Wie hat sich der Absatzmarkt für Metallblasinstrumente in den vergangenen Jahren entwickelt?
VOIGT: Seit der Corona-Pandemie sehen wir in der Branche insgesamt große Umbrüche. Zunächst waren die Orchester stark eingeschränkt, Musiker:innen waren bei Neuanschaffungen zurückhaltend, schließlich konnten keine Konzerte gespielt werden. Das war der erste Einbruch mit einem deutlichen Umsatzrückgang und unterbrochenen globalen Lieferketten. Dann schöpfte man Hoffnung, denn nach der Pandemie entstand ein neuer Bedarf am Markt. Doch dann kam der Ukraine-Krieg mit seinen starken wirtschaftlichen Auswirkungen wie steigenden Energiepreisen und einer Neuordnung der Märkte. Aktuell stecken wir mitten in dem, was ich als Krise bezeichnen würde. Das Jahr 2026 wird für die gesamte Instrumentenbranche sehr herausfordernd.
Ist das für alle Unternehmen gleich?
VOIGT: Kleinere Handwerksbetriebe kommen vielleicht über ein spezielles Nischenprodukt oder Reparaturen meist besser durch die Krise, da sie auch von Investitionsbelastungen weniger betroffen sind. Mittelständische Unternehmen wie das unsere haben in dieser Situation weitaus mehr zu kämpfen, schließlich agieren wir international: In den USA machen uns derzeit der schwache Dollar sowie die hohen Zölle zu schaffen. Unsere ohnehin hochpreisigen Instrumente, die im Inland zwischen 4.000 und 15.000 Euro kosten, werden für amerikanische Konsument:innen nahezu unerschwinglich.
Im Hinblick auf den Absatzmarkt in den USA sind die deutschen Hersteller ohnehin ernüchtert, weil die Preise, die wir aufgrund unserer Kostenstruktur aufrufen müssen, von den US-Konsument:innen nicht mehr zu tragen sind. Ähnliches gilt für den japanischen Absatzmarkt: Der schwache Yen und eine hohe Inflation lassen auch dort die Nachfrage sichtlich zurückgehen.
Darüber hinaus ist auch die Binnennachfrage derzeit sehr ruhig. Konsument:innen sind beim Instrumentenkauf aktuell ungemein vorsichtig, und wir spüren einen dramatischen Umsatzrückgang. Einige mittelständische Unternehmen in der Region haben bereits Kurzarbeit angemeldet. Dazu kommt die Unplanbarkeit durch politische Unwägbarkeiten: Wenn Zölle innerhalb von Stunden von 15 auf 0 und wieder auf 20 Prozent springen, legt kein Händler Ware aufs Lager. Das dämpft die Nachfrage und stellt uns vor die Frage, wie wir unser hochspezialisiertes Fachpersonal über die Zeit halten können.
Wer sind Ihre wichtigsten Kund:innen?
VOIGT: Unsere Instrumente sind in führenden Orchestern vertreten, aber das allein reicht nicht aus, um einen Betrieb dieser Größe auszulasten, schließlich stehen auch die großen öffentlich finanzierten Orchester unter enormem finanziellem Druck. Unsere eigentliche Zielgruppe ist der ambitionierte Amateur mit einem gewissen spielerischen Fortschritt, der auch die finanziellen Mittel hat, sich ein in Handarbeit gefertigtes Instrument leisten zu können.
Sie haben das Thema Zölle angesprochen. Was sind – Stand März 2026 – die konkreten Belastungen Ihrer Branche beim Export in die USA?
VOIGT: Aktuell gilt für das fertige Instrument ein Einfuhrzoll von 15 Prozent als genereller Zollsatz. Hinzu kommen, je nach Lieferregion, noch weitere regionale Aufschläge sowie Transportkosten, die sich seit der Pandemie dramatisch erhöht haben. Für Bestandteile – also Parts – kommt außerdem ein Zoll von 50 Prozent auf den im Produkt enthaltenen Kupferanteil. Das ist hoch und auch logistisch sehr aufwändig: Wir haben zwischen 13.000 und 15.000 Artikel im Sortiment, und für jedes Paket in die USA muss für jeden einzelnen Artikel der enthaltene Kupferwert berechnet werden, damit die Zollbehörden ihre Abgaben darauf erheben können.
Übernehmen Sie diese Mehrkosten selbst, oder werden sie an die Kund:innen weitergegeben?
VOIGT: Momentan übernehmen wir noch vieles davon selbst, um am Markt präsent zu bleiben. Doch der bürokratische Aufwand verursacht hohe Kosten, schmälert die Marge, und man kann das nicht unendlich fortsetzen. Die Weitergabe an die Konsument:innen bedeutet aber, dass unsere Produkte preislich noch unattraktiver werden. Wir sind dankbar für jeden Auftrag und haben gerade keine anderen Optionen.
Gibt es in Ihrer Branche ein Problem mit sogenannten Billigimporten aus dem außereuropäischen Ausland?
VOIGT: Ich glaube, wir haben uns davon schon vor vielen Jahren distanziert – oder mussten es. Billigere Produkte existieren natürlich, und in Zeiten schwacher Kaufkraft greifen Käufer:innen für den Anfang natürlich eher zu einem 150- oder 250-Euro-Instrument aus Fernost als zu einem hochwertigen, in Handarbeit hergestellten Instrument für 4.000 Euro. Aber das Thema ist für unsere Branche nicht neu. Die meisten Betriebe haben sich spezialisiert, um sich ein Marktsegment zu sichern, in das die asiatischen Anbieter nicht einsteigen wollen, weil der Markt zu klein und das Produkt zu speziell ist. Wir merken zwar, dass die Qualität der asiatischen Produkte besser wird, aber die deutschen Handwerksbetriebe gefährden sie meines Erachtens nicht direkt. Die gegenwärtigen Probleme haben, wie eben dargestellt, andere Ursachen.
Sie haben 38 Mitarbeitende und vier Auszubildende. Wie ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Ihre Branche? Finden Sie genügend qualifizierte Bewerber:innen, und gibt es Nachwuchsprobleme?
VOIGT: Diese Frage hätte ich 2019 mit „Ja, es ist ein Problem“ beantwortet. Aktuell kann ich für uns sagen, dass wir wieder zunehmend besser qualifizierte junge Menschen finden, die sich bewerben. Mit vier Auszubildenden sind wir gut aufgestellt – engagierte junge Leute, die wir hoffentlich auch halten können.
Was hat sich seit 2019 geändert?
VOIGT: Zum einen gibt es eine Rückbesinnung junger Menschen auf handwerkliche Tätigkeiten. Zum anderen geht schlicht der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in unserer Branche zurück. Aufgrund der massiven wirtschaftlichen Umbrüche der letzten fünf Jahre sind viele Betriebe vorsichtiger geworden. Sie versuchen, bestehendes Personal zu halten, statt neu auszubilden. Das birgt aber ein anderes Risiko, das wir erst in einigen Jahren deutlich erkennen werden: eine zunehmende Überalterung in den Betrieben. Für unseren Betrieb kann ich konstatieren, dass wir eine gute Altersstruktur haben, aber in fünf bis zehn Jahren könnte das auch bei uns zu einem relevanten Thema werden, wenn man nicht kontinuierlich ausbildet. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bildet man einfach weniger aus, um Kosten zu sparen.
Welche Rolle spielt das Thema Reparatur bzw. Werterhalt für Instrumente in Ihrer Branche und in Ihrem Betrieb?
VOIGT: Reparaturen sind ein wichtiger Aspekt in unserer Branche, und es gibt Betriebe, die fast ausschließlich in diesem Bereich tätig sind. Bei uns ist es eine gute Mischung. Wir führen etwa 300 Reparaturen pro Jahr durch; das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäfts. Gerade in Zeiten, in denen Neuinstrumente teuer sind, legen unsere Kund:innen größeren Wert auf Werterhalt, damit ihre Instrumente möglichst langlebig sind und gut nutzbar bleiben. Das Thema Reparatur wird umso wichtiger, je teurer das Instrument war.
Gibt es für Sie weitere wichtige Themen?
VOIGT: Ein Thema, das mich umtreibt, ist, dass Kultur in gesellschaftlichen und politischen Debatten zunehmend unter finanziellen Druck gerät. Was während der Corona-Pandemie begonnen hat, ist nicht gänzlich verschwunden: Wenn die öffentlichen Kassen angespannt sind, ist die Versuchung groß, zuerst an der freiwilligen Leistung Kultur zu sparen – und das trifft zwangsläufig auch den Musikinstrumentenbau. Der Blechblasinstrumentenbau kommt im Moment vielleicht noch vergleichsweise gut durch. Aber wenn man den Klavierbau oder den Orgelbau betrachtet, sieht man aktuell immense Umbrüche – keine kurzfristige Flaute, sondern langfristige strukturelle Veränderungen.
Das Interview wurde von Prof. Dr. Martin Lücke für das miz-Themenportal „Musikwirtschaft“ geführt.









