Herr Harke, wie sind Sie zum Klavierbau gekommen?
HARKE: Man kann sagen, dass ich inzwischen seit 53 Jahren tagtäglich mit der Branche zu tun habe, obwohl ich selbst erst 57 Jahre alt bin. Das ist vielleicht schon ein erster Hinweis auf ein spezielles Segment, den Klavierbau. Man bekommt es in die Wiege gelegt, oder die Musik bringt einen hin. Bei mir war es beides. Ich stamme aus einer klassischen Klavierbauerfamilie: Der Onkel meines Großvaters war bereits Klavierbauer, mein Vater lernte später bei Schimmel das Handwerk. Nach seiner Lehrzeit ging mein Vater auf Wanderschaft, wie es im Handwerk üblich ist, und landete hier in Franken. Er stieß auf die Firma Alfred Jahn, einen Zulieferer mit sehr langer Tradition, mit der Absicht, dort im kaufmännischen Bereich zu volontieren und anschließend in den Klavierbau zurückzukehren. Das Kaufmännische in Verbindung mit der Fachkenntnis hat dann aber so gut funktioniert, dass er hängenblieb. Als der Inhaber, Herr Jahn, überraschend verstarb, stand mein Vater vor der Entscheidung: zurück in den väterlichen Betrieb oder gemeinsam mit der Witwe das Unternehmen weiterführen. Er entschied sich für Letzteres.
Ich bin in diesem Unternehmen quasi aufgewachsen und habe mich dann dazu entschieden, zunächst die handwerkliche Ausbildung zum Klavierbauer zu machen, um danach Schritt für Schritt in das Unternehmen einzusteigen. Wir sind meiner Einschätzung nach weltweit führend in diesem speziellen Segment, denn wir handeln mit allen Materialien, Teilen, Zubehör und Werkzeug für den Klavierbauer, für Reparatur und Herstellung.
Wie ist der Klavierbau in Deutschland strukturiert und wie hat sich der Markt in den letzten Jahren verändert?
HARKE: Für die Antwort muss ich ein wenig ausholen, denn im Klavierbau gibt es drei starke Bereiche: den Klavierbau, den Fachhandel und die Reparatur. Das Klavier ist in seiner heutigen Form 300 Jahre alt. Die entscheidende Initialzündung war die Stoßzungenmechanik, die das Pianoforte ermöglichte. Anfangs noch eine handwerkliche Struktur, schwamm die Branche schnell auf der Welle der Industrialisierung mit und profitierte von der arbeitsteiligen Herstellung. Um 1900 gab es allein in Berlin 150 Klavierbauer, die Fertigung war also schon früh industriell geprägt.
In Europa hat sich das sehr lange gehalten, natürlich nicht mehr in dem Ausmaß wie in den Anfangszeiten. Die Branche hat zwei Weltkriege erlebt und sich immer wieder neu erfunden, mit neuen Märkten und neuen Nachfragespitzen. Die Entwicklung ging dann von der industriellen Fertigung hin zur Manufaktur im qualitativ hochpreisigen Segment. Heute gibt es in Europa noch etwa 14 bis 15 Produktionsstätten, die jeweils zwischen 20 und 300 Beschäftigte haben.
Das Klavier ist ein langlebiges Kulturprodukt, das man nicht wie ein x-beliebiges Produkt verkaufen kann. Daraus hat sich ein starker Fachhandel entwickelt, der bis heute besteht, sozusagen der verlängerte Arm der Hersteller. Die Klavierbauer vor Ort warten die Instrumente, betreiben Service und passen ein in der Manufaktur gefertigtes Instrument noch einmal auf die individuellen Bedürfnisse des Pianisten an. Und dann gibt es noch das Thema Reparatur: nach zehn Jahren eine Revision, nach 20 bis 30 Jahren eine Generalüberholung. Insgesamt ist es eine vernetzte, verzweigte und nach wie vor lebendige Branche.
„Wir sind ein kultureller, langlebiger Wirtschaftsmarkt, der in den Absatzzahlen stabil ist.“
Wie hat sich der Absatzmarkt in Deutschland zuletzt entwickelt?
HARKE: Erfreulicherweise ist die Nachfrage nach Klavieren nach wie vor vorhanden. Ein Wachstumsmarkt sind wir freilich nicht. Aber wir sind ein kultureller, langlebiger Wirtschaftsmarkt, der in den Absatzzahlen stabil ist. Die Branche ist eng mit westlich geprägten Kulturen verbunden und hat stets in alle Welt exportiert.
Wachstumsmärkte im eigentlichen Sinne waren z. B. Japan, als es wirtschaftlich aufstieg – ein enorm wichtiger Markt, aus dem dann auch eine eigene Produktion entstand. Die USA sind nach wie vor einer der wichtigsten Märkte, dazu Südkorea und die sogenannten Tigerstaaten. Die jüngste Revolution war China: ein Wahnsinnsmarkt, der unsere Industrie in einen regelrechten Sog gezogen hat. In China wurden jährlich 400.000 bis 500.000 Einheiten produziert, vergleichbar mit dem, was ich gerne die „Berliner Zeit“ nenne. Das hat eine Käuferschicht hervorgebracht, die dann auf hochwertige europäische Instrumente umgestiegen ist. Für unsere Hersteller war das ein hervorragender Absatzmarkt. Im Gegenzug kamen günstigere Klaviere zu uns, was die Einstiegsschwelle für das akustische Instrument preislich nach unten gesenkt hat, aber das sehe ich durchaus auch positiv.
Von welchen Preisen sprechen wir? Was kostet ein chinesisches Importinstrument, was ein hochwertiges deutsches?
HARKE: Natürlich handelt es sich dabei stets um Spannweiten. Aber man kann sagen, dass chinesische Instrumente mittlerweile so bei 3.000 bis 5.000 Euro beginnen, ein hochwertiges europäisches Instrument bei 16.000 Euro. Ein deutsches Instrument startet bei 19.000 Euro und liegt damit deutlich darüber.
Was mir dabei wichtig erscheint: Vor vier, fünf Jahren war der Trend zu günstigen chinesischen Importen noch sehr ausgeprägt; die Fachhändler freuten sich über höhere Margen. Aber das war letztlich kurzfristig gedacht, denn in Nachhaltigkeit und Langlebigkeit lassen sich diese Instrumente nicht mit einem europäischen vergleichen. Sinnvoller wäre es häufig, ein gebrauchtes Instrument aus den 1970er oder -80er Jahren aufzuarbeiten, vielleicht etwas teurer, aber dauerhafter. Und tatsächlich zeigen die Zahlen mittlerweile einen deutlichen Rückgang beim Billigimport.
Sie haben eben bereits den Export angesprochen, 70 Prozent der Instrumente werden exportiert. Welche Auswirkungen haben die aktuelle Zollpolitik der USA und geopolitische Entwicklungen auf Ihre Branche?
HARKE: Das, was gerade um uns herum passiert, hat Auswirkungen, auf alles und jeden, nicht nur auf unsere Branche. Die politische Lage macht den ohnehin schwierigen Markt nicht leichter und ist nicht absatzfördernd. Trotzdem besteht die Hoffnung, dass sich das Gute im Menschen durchsetzt und wir ein Kulturgut vermarkten, das sich trotz Zöllen und allem Irrsinn weiterhin behauptet.
Zum Thema Zölle: Ich habe erst kürzlich mit einem amerikanischen Geschäftspartner gesprochen, der berichtete, dass Unternehmen dort bereits gezahlte Zölle zurückfordern. Das Thema ist volatil. Für unser Produkt bedeutet es: Wenn auf einen ohnehin schon hohen Preis noch 15 oder 30 Prozent draufkommen, hilft das niemandem. Wir verkaufen kein Gut des täglichen Bedarfs. Allerdings, und das ist die andere Seite dieser Medaille, haben wir eine Käuferschicht, für die höhere Preise kein Hindernis sind. Dennoch wünschen wir uns, dass das Klavierspielen in seiner schönen Haptik in der breiten Bevölkerung erhalten bleibt. Das ist es ja zum Glück nach wie vor. In den sozialen Medien kann man einer weltweiten Community von Tastenliebhaber:innen folgen – zollfrei.
Spielen europäische Gesetze und Vorschriften in Ihrer Branche eine zentrale Rolle?
HARKE: Das Thema Gesetze wird oft heißer diskutiert, als es am Ende in der Praxis relevant ist. Natürlich gibt es Herausforderungen, die, ähnlich wie die Zölle, ein ohnehin anspruchsvolles Segment nicht einfacher machen. Nehmen wir das Thema Elfenbein: Der kommerzielle Handel mit Elfenbein ist verboten, und das haben wir innerhalb des Verbands sehr gut aufgearbeitet und kommuniziert. Das ist heute in der Branche kein großes Thema mehr. Man kann darüber philosophieren, ob ein generelles Verbot wirklich hilft, aber das Bewusstsein in der Gesellschaft ist wichtig. Wir haben mineralische Ersatzprodukte, die die hygroskopische Eigenschaft des Elfenbeins, also das Aufnehmen von Handschweiß, nachahmen. Zudem wird Elfenbein in der Klavierproduktion schon spätestens mit dem Inkrafttreten des Artenschutzabkommens Ende der 1980er Jahre – und auch davor nur in Ausnahmefällen – nicht mehr verwendet; das Thema wird gelegentlich von einigen Medien wieder aufgegriffen, ist aber im Kern gelöst.
Es drohte auch ein Bleiverbot. Dies hat uns weniger direkt betroffen, weil wir es im Klavierbau nur kalt verarbeiten. Es ist eher ein Hygieneproblem: Die Techniker müssen wissen, wie sie damit umgehen, also beim Verarbeiten nicht essen, selbstverständlich nicht rauchen. Stärker betroffen war der Orgelbau. Aber das Positive daran ist, dass die Branche dadurch enger zusammengerückt ist, sie tauscht sich intensiver aus und arbeitet gemeinsam an Lösungen. Was mich dabei allerdings stört, ist der Gießkannenansatz des Gesetzgebers. Wir sind eine der nachhaltigsten Branchen überhaupt. Wir schaffen Dinge, die Generationen überdauern. Dass ausgerechnet wir mit einem faktischen Berufsverbot konfrontiert waren, ist ein Widerspruch, der schwer nachvollziehbar ist.
Die Handwerker von damals wussten genau, warum sie bestimmte Materialien verwendeten – diese sind schlicht die besten für den jeweiligen Zweck und sind nicht mal eben zu ersetzen. Dass wir dennoch nicht altbacken sind und auch nicht hinter dem Mond leben, zeigen ja auch, wie eben schon erwähnt, unsere Innovationsoffenheit für Ersatzstoffe für Elfenbein. Um die Verwendung von Blei zu reduzieren oder zu ersetzen, gibt es im Klavierbau schon lange neue Ansätze bei der Gewichtung von Mechanikteilen. Verbote oder Einschränkungen zeigen leider nur, wie weltfremd unsere Gesetzgeber sind und uns schlichtweg überregulieren. Der bewusste Umgang mit Materialien und Ressourcen war schon immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Instrumentenbautradition. Verbote oder Einschränkungen führen aber nun dazu, gezwungenermaßen kreativ zu werden, um künstlich geschaffene Probleme zu lösen.
Welche Rolle spielt das Thema Reparatur in der Branche? Gibt es darauf spezialisierte Betriebe?
HARKE: Da sind wir wieder bei Ressourcen und Nachhaltigkeit. Die Reparatur ist Fluch und Segen zugleich. Schon wenn man alte Nummernbücher aus der „Berliner Zeit“ durchblättert und hochrechnet, wie viele Instrumente am Markt sind und repariert werden könnten, zeigt sich: Das war schon immer ein bedeutendes Thema. Es gibt zum einen die normale Verschleißreparatur. In einer Musikhochschule verschleißen Garnierfilze (in welchen z. B. Tasten gelagert sind) sowie auch Dämpfergarnituren und Hammerköpfe früher als im Privathaushalt und müssen entsprechend öfter getauscht werden. Und dann steht nach mehreren Jahrzehnten ggf. auch eine Generalüberholung an. Somit leben unsere Instrumente über 80 Jahre. Bei hochwertigen Instrumenten haben sich Firmen darauf spezialisiert, diese komplett aufzuarbeiten, denn ein überholtes Instrument namhafter Marken ist deutlich günstiger als ein neues.
Ende der 1990er Jahre war es Trend, den Reparatur- und Aufarbeitungsbereich nach Osteuropa auszulagern, um dem Preisdruck zu begegnen. Das war kurzfristig gedacht, denn dadurch ist hierzulande Fachwissen verloren gegangen und heute kämpfen wir mit Fachkräftemangel. Die Reparatur ist wichtig für den Erhalt der Instrumente, aber auch für den Erhalt des Know-hows. Hinzu kommt: Ein großer Teil der Arbeit der Klavierbauer:in vor Ort ist das Intonieren und Regulieren, das Anpassen eines ab Fabrik gefertigten Instruments an die individuellen Bedürfnisse der Kund:innen. Kinder brauchen eine andere Spielart als ältere Menschen, Profis wieder andere Anforderungen. Das ist ein hoher Qualitätsstandard, den unser Verband durch gezielte Seminare aktiv fördert.
Wie ist der Arbeitsmarkt aufgestellt? Finden Sie Auszubildende?
HARKE: Die Lage ist erfreulicherweise genau umgekehrt, als man es erwarten würde. Das ganze „Jugendbashing“ über Work-Life-Balance und mangelnde Arbeitsmoral kann ich nicht bestätigen, im Gegenteil. Ich glaube, das war eine Antwort auf die Bürokratisierung der Arbeit, auf das reine Ausführen von Prozessen. Sehr viele junge Menschen wollen ins Handwerk, wollen etwas mit ihren Händen tun. Wer eine Affinität zur Musik hat, brennt förmlich darauf, diesen Beruf zu erlernen.
Das eigentliche Problem liegt woanders: In den vergangenen Jahren gab es eine weitere Delle in der Ausbildung, begründet durch den Wegfall der Meisterpflicht. Das hat dazu geführt, dass der Trend von den klassischen Händlerbetrieben mit fünf bis 20 Mitarbeitenden sich zu „Ein-Mann“-Betrieben entwickelt hat. Diese tun sich naturgemäß schwer damit, auszubilden. Die Berufsfachschule ist in Ludwigsburg angesiedelt und arbeitet im Blockunterricht, das ist eine anspruchsvolle Ausbildung, die Struktur im Betrieb erfordert. Wir hatten früher 50 bis 60 Auszubildende pro Jahr, liegen derzeit bei unter 30. Das kann auch nur ein Ausrutscher sein, denn die Weltwirtschaft spielt gerade verrückt, das spiegelt sich auch hier wider. Aber wir arbeiten gemeinsam mit der Schule, Innung und dem BDK aktiv daran, auch kleineren Betrieben die Ausbildung zu ermöglichen und das System zu modernisieren.
Wie blicken Sie auf die Zukunft Ihrer Branche?
HARKE: Sie wird es immer geben. Solange wir Menschen leben und uns nicht gegenseitig auslöschen, wird es das Klavier geben. Die klassische Musik ist Ausdruck menschlichen Schaffens, des physikalischen und klanglichen Ausdrucks, es gibt nichts Vollkommeneres und Schöneres, was wir in dieser Entwicklungsperiode hervorgebracht haben. Diese Art des Musizierens, diese Instrumente, wird es immer geben, natürlich nicht in der alten Masse, das Hörempfinden verändert sich, die elektronische Musik spielt eine andere Rolle. Aber wir sind ein wichtiger kultureller Meilenstein, der sich als Erbe erhalten wird.
Ich bin übrigens auch deswegen optimistisch, weil wir weltweit vernetzt sind. Selbst in den Ländern, aus denen die aktuellen Zoll-Turbulenzen kommen, gibt es Menschen mit denselben Interessen, die das Schöpferische lieben und pflegen wollen. Und die Jugend geht uns nicht aus, das habe ich ja schon gesagt. Die ansonsten eher scrollenden Tastenliebhaber werden sich früher oder später danach sehnen, ab und an ihr Handy beiseitezulegen, um echte Tasten zu spüren.
Das Interview wurde von Prof. Dr. Martin Lücke für das miz-Themenportal „Musikwirtschaft“ geführt.








