Herr Lobe, Sie blicken inzwischen auf 39 Jahre als selbstständiger Geigenbaumeister zurück. Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
LOBE: Das ist eine lange Geschichte. Ich habe zunächst Geigenbauer gelernt, drei Jahre war ich in Ausbildung, dann noch etwa fünf Jahre als Geselle tätig, bevor ich 1987 meine Meisterprüfung gemacht habe. Im Anschluss habe ich sofort hier in Bubenreuth den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, den ich bis heute nicht bereue. Das ist inzwischen 39 Jahre her, 2027 feiere ich mein 40-jähriges Jubiläum. Dass ich einmal so lange dabeibleiben würde, hätte ich damals nicht unbedingt gedacht, aber dieser Beruf lässt einen einfach nicht los.
Inzwischen ist auch meine Tochter mit im Betrieb, sie hat 2025 ihren Abschluss als Geigenbaumeisterin gemacht. Zudem bin ich derzeit Innungsobermeister der Streich- und Zupfinstrumentenmacherinnung Erlangen. Unsere Innung ist die größte ihrer Art in Deutschland, im Umkreis von 20 Kilometern sind uns rund 50 Betriebe angeschlossen. Die Innung vertritt unsere gemeinsamen Interessen, z. B. auf Messen, so wie das in allen Innungen üblich ist.
Plant Ihre Tochter, den Betrieb langfristig zu übernehmen?
LOBE: Sie ist aktuell mit in der Werkstatt und bei mir beschäftigt, hat aber auch ihr eigenes Gewerbe angemeldet, und wir bauen das gerade gemeinsam auf. Ich selbst werde meinen Beruf immer ausüben, ich liebe ihn und bin gerne in meiner Werkstatt. Aber natürlich werde ich irgendwann aus Altersgründen reduzieren müssen, ich werde sehen, wie lange ich das Handwerk noch so intensiv ausüben kann.
Haben Sie sich handwerklich spezialisiert?
LOBE: Der Fokus unseres kleinen Betriebs liegt auf hochwertigen Instrumenten: Geigen, Bratschen und Celli, und wir machen alles selbst, außer einigen Zubehörteilen. Wir bedienen den nationalen, aber auch den internationalen Markt, vor allem den asiatischen Raum. Die USA sind für uns mittlerweile weitgehend weggefallen.
Wie ist der Streichinstrumentenbau strukturiert? Gibt es vor allem kleine Betriebe oder auch größere?
LOBE: In den letzten Jahren hat sich die Struktur stark verändert. Früher gab es hier in Bubenreuth sehr viele große Firmen, regelrechte Manufakturen mit teilweise 50 oder mehr Beschäftigten, aber natürlich auch kleinere Ein- oder Zwei-Mann-Betriebe wie meiner. Bubenreuth hat ja eine besondere Geschichte in diesem Handwerk: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich hier viele Instrumentenbauer aus dem Sudetenland angesiedelt und den Ort geprägt. Die großen Fabriken prägten lange Zeit das Bild der Branche. Aber durch den globalen Markt und die wachsende Konkurrenz aus asiatischen Ländern sind diese großen Strukturen praktisch komplett weggebrochen.
Heute sind es fast nur noch kleine Betriebe, die das Handwerk weiterleben lassen. Es gibt noch vereinzelt etwas größere Unternehmen, aber auch da befinden sich manche gerade in Auflösung. Die meisten Betriebe haben sich spezialisiert und ihre Nische gefunden, was sich auch nicht mehr ändern wird. Die günstigere Massenproduktion von Streichinstrumenten kommt heute komplett aus dem asiatischen Raum.
Wie viele Instrumente stellen Sie pro Jahr ungefähr her?
LOBE: Für ein Instrument stecke ich ungefähr einen Monat Arbeitszeit rein, ein Cello braucht entsprechend doppelt so lang. In einem normalen Jahr komme ich auf acht bis zehn Neubauten, dazu kommen noch Reparaturen. Durch Corona und die allgemeine politische Lage ist die Produktion zuletzt insgesamt aber etwas zurückgegangen.
Was kostet ein Instrument aus Ihrer Werkstatt?
LOBE: Die Einstiegsinstrumente meiner Tochter beginnen bei rund 6.000 Euro. Meine eigenen Instrumente, sagen wir die gehobene Klasse, liegen bei etwa 15.000 Euro.
Wer sind Ihre Kund:innen, Profis oder eher Amateure?
LOBE: Unser Kundenstamm ist eine bunte Mischung. Es sind sehr viele Amateurmusiker:innen dabei, die sich, weil sie es sich leisten können und wollen, ein gutes Instrument gönnen. Auch weil sie merken, dass es sich leichter spielen lässt als eine einfache Schülergeige. Wir sind hier aber auch gut vernetzt mit Profimusiker:innen, etwa bei den Bamberger Symphonikern oder den Nürnberger Symphonikern. Der Geigenbau allgemein ist nicht ortsgebunden. Viele Kund:innen kommen von weiter weg, aus dem Norden Deutschlands oder auch aus dem Ausland, um ein Instrument anzuschauen, anzuspielen und, wenn es passt, zu kaufen. Wir sind da wirklich breit aufgestellt. Das persönliche Gespräch spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein Instrument kauft man nicht wie ein Alltagsprodukt, die meisten Kund:innen kommen mehrfach vorbei und spielen verschiedene Instrumente durch, bevor sie sich entscheiden.
Wie hat sich der Absatzmarkt für Streichinstrumente in den letzten Jahren verändert?
LOBE: In Bezug auf den Absatz hat sich in den letzten Jahren schon einiges verändert. Die Corona-Jahre waren ein deutlicher Einschnitt: Viele Kund:innen sind zunächst ausgeblieben, die Leute waren verunsichert und haben ihre alten Instrumente lieber reparieren lassen, als etwas Neues zu kaufen. Nach dem Ende der Corona-Maßnahmen hat der Markt kurzfristig angezogen, denn viele hatten in den Jahren davor Geld gespart, das sie dann in neue hochwertige Instrumente investieren konnten. Aber danach ist es wieder etwas schwieriger geworden. Ein zentraler Faktor ist die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage, die auch uns trifft. Steigende Energiepreise, die Diskussion um das Heizungsgesetz, all das führt zu einer allgemeinen Verunsicherung, und die Leute überlegen sich zweimal, ob sie 15.000 Euro für eine Geige ausgeben, wenn sie nicht wissen, wie es auch bei ihnen wirtschaftlich weitergeht. Ein Instrument ist nichts Lebensnotwendiges, da fängt man dann schnell an zu sparen. Hinzu kommt, dass sich die Kund:innen heute über das Internet weltweit informieren und vergleichen können, was legitim und bei einem Instrument in dieser Preisklasse auch wichtig ist. Der amerikanische Markt ist für uns im Streichinstrumentensektor praktisch komplett eingebrochen, aber der asiatische Markt funktioniert nach wie vor gut, allerdings orientieren sich auch dort die Käufer:innen zunehmend an Mittelklasseinstrumenten statt an den ganz hochwertigen.
„Wer ein günstiges Instrument spielt, wird irgendwann besser und will dann vielleicht auch ein hochwertigeres haben. Die Konkurrenz aus Fernost sehe ich deshalb nicht als existenzielle Bedrohung, denn Konkurrenz belebt das Geschäft.“
Wie wirkt sich die Konkurrenz durch günstige Importe aus dem Ausland auf Ihre Branche aus?
LOBE: Für die Betriebe, die im günstigen Segment zu Hause waren, waren die billigen Instrumente aus Asien fatal, da ist ein ganzes Marktsegment komplett weggebrochen, und viele Betriebe konnten sich nicht mehr halten. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite kann man den günstigen Instrumenten durchaus auch etwas Positives abgewinnen: Wer ein günstiges Instrument spielt, wird irgendwann besser und will dann vielleicht auch ein hochwertigeres haben. Wir können in Deutschland zu diesen günstigen Preisen nicht produzieren, aber wenn es jemand anderes macht, ist das in gewisser Weise sogar förderlich. Die Konkurrenz aus Fernost sehe ich deshalb nicht als existenzielle Bedrohung, denn Konkurrenz belebt das Geschäft.
Wie wirken sich Zollpolitik und geopolitische Spannungen auf Ihre Branche aus?
LOBE: Der US-amerikanische Markt ist schon seit einigen Jahren sehr schwierig, ich glaube, nicht nur wegen der jetzigen Zollpolitik, sondern weil er schlicht mit chinesischen Instrumenten überflutet worden ist. Chinesische Händler haben sich dort inzwischen direkt etabliert, ohne amerikanische Zwischenhändler. Die beliefern den Markt hauptsächlich mit sehr günstigen Instrumenten. Im hochwertigen Segment, also dort, wo wir tätig sind, findet man trotzdem noch Abnehmer:innen. Ich habe das große Glück, dass ich keine 50 oder 100 Instrumente pro Jahr verkaufen muss, meine zehn Instrumente plus Reparaturen plus Kommissionsgeschäft funktionieren ganz gut. Im Verhältnis zu den Billiginstrumenten sind die hochwertigen zwar eine kleine Menge, aber sie finden weiterhin ihren Markt.
Welche Auswirkungen hat die Artenschutzgesetzgebung auf den Streichinstrumentenbau?
LOBE: Das ist durchaus erheblich. Letzten Herbst gab es eine CITES-Konferenz, auf der Pernambuco-Holz, das klassische Material für Bögen, auf den sogenannten Anhang II gesetzt wurde, allerdings mit einer Fußnote. Was bedeutet das? Das bedeutet: Verarbeiten und Spielen ist noch erlaubt, aber der Im- und Export sind erheblich erschwert worden. Für mich als Geigenbaumeister hält sich der Aufwand in Grenzen, aber meine Kolleg:innen im Bogenbau sind davon überaus stark betroffen. Sie müssen jetzt jedes einzelne Stück genau dokumentieren und mit einer registrierten Laufnummer versehen, sie müssen quasi einen Pass für jeden Bogen ausstellen, der auch bei den Behörden angemeldet werden muss. Das ist erheblicher bürokratischer Aufwand. Wir sind trotzdem froh, dass es bei Anhang II geblieben ist und nicht zu Anhang I wurde, denn bei Anhang I wäre ein Handel gänzlich ausgeschlossen und damit wäre der Beruf praktisch zum Aussterben verurteilt.
Gibt es Nachwuchsprobleme in Ihrer Branche?
LOBE: Nachwuchsprobleme? Im Gegenteil: Allein im bayerischen Mittenwald werden jedes Jahr zehn fertige Geigenbauer:innen ausgebildet. Ich bekomme ständig Anfragen von Leuten aus der ganzen Welt, die einen Lehrplatz suchen. Das Problem ist ein anderes: Wenn ich jemanden ausbilde, muss ich ihm danach auch eine Perspektive bieten können, eine Anstellung, eine Zukunft. Und das ist momentan schwierig, weil der Markt eigentlich versorgt ist. Der Beruf erfordert außerdem viel Geduld und ein echtes Gespür für das Material. Wer sich davon nicht wirklich begeistern lässt, wird auf Dauer nicht glücklich damit.
Die Betriebe sind hochspezialisiert und brauchen keine große Menge an Mitarbeitenden. Es hören natürlich auch Kolleg:innen auf oder sterben, aber es kommen derzeit mehr nach, als Plätze frei werden.
Welche Rolle spielen Reparaturen in Ihrem Betrieb?
LOBE: Früher waren Reparaturen nur ein Randthema, etwas, das halt nebenbei anfiel. Heute machen sie schätzungsweise 30 bis 40 Prozent unseres Umsatzvolumens aus. Das ist eine ganz wichtige Nische geworden. Das reicht von kleinen Schäden wie einem gerissenen Steg oder einer geöffneten Decke bis hin zu aufwendigen Restaurierungen alter Instrumente, die manchmal wahre Schätze sind.
Darüber hinaus sind Reparaturen indirekt ein Vertriebskanal: Wer seine alte Geige zur Reparatur bringt, schaut sich dabei manchmal auch ein neues Instrument an. Das eine oder andere Mal wird dann getauscht, das alte in Zahlung gegeben, ein neues mitgenommen. Reparaturen sind für uns definitiv mehr als nur ein Nebenbei.
Wie schätzen Sie die Zukunft Ihrer Branche in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein?
LOBE: Das Jahr 2026 ist schon mal deutlich besser angelaufen als die letzten zwei, drei Jahre, das stimmt mich vorsichtig optimistisch. Wie es danach weitergeht, ist schwer vorherzusagen, da unglaublich viele Faktoren eine Rolle spielen. Hilfreich wäre auf jeden Fall, wenn die Politik verlässlicher würde, weniger Verunsicherung, weniger Bürokratie. Aber grundsätzlich kann ich sagen: Unsere Branche besteht seit 300 bis 400 Jahren. Das Streichinstrument ist das klassischste Instrument überhaupt. Ich glaube, es wird auch in zehn Jahren noch einen Markt dafür geben. Er wird sich vielleicht weiter verändern, aber jeder hat inzwischen seine Nische gefunden, und das, so denke ich, wird so bleiben. Und solange Menschen Musik machen wollen, wird es auch Menschen geben, die ein gutes Instrument dafür brauchen.
Das Interview wurde von Prof. Dr. Martin Lücke für das miz-Themenportal „Musikwirtschaft“ geführt.









