Traditionen und Berufsbilder
Musikinstrumente werden in Deutschland seit Jahrhunderten hergestellt. Der handwerkliche und industrielle Instrumentenbau im deutschsprachigen Raum hat bedeutende Entwicklungen der Musikgeschichte begleitet, die ihn wiederum zu neuen Entwicklungen inspiriert haben. Instrumentenbau war und ist ein Wirtschaftsfaktor mit international bekannten Marken und zugleich kulturelles Erbe sowie Teil regionaler Identität.
Deshalb erfolgte im Jahr 2014 die Nominierung des Vogtländischen Instrumentenbaus in Markneukirchen und Umgebung in das bundesweite Verzeichnis für das Immaterielle Kulturerbe. Neben einer seit 350 Jahren bestehenden Tradition wurde damit vor allem die weltweit außergewöhnlich hohe regionale Verdichtung und Vernetzung des Instrumentenbaus im Süden des Freistaats Sachsen gewürdigt, wo heute noch ca. 1.300 Beschäftigte in mehr als 100 Betrieben nahezu sämtliche Streich-, Zupf-, Holzblas-, Metallblas-, Schlag- und Harmonikainstrumente der europäischen Musik einschließlich Bögen, Bestandteilen und Zubehör fertigen. Ergänzt wird dieser Kern des Clusters um Bildungseinrichtungen, Museen, ein Orchester der Musikinstrumentenbauer:innen, Wettbewerbe und weitere soziokulturelle Faktoren. [1]
Im März 2026 wurde der „Handwerkliche Geigenbau und Streichbogenbau“ als Immaterielles Kulturerbe in das Bayerische Landesverzeichnis eingetragen. Parallel wurde vorgeschlagen, es in das bundesweite Verzeichnis aufzunehmen.
Die Tradition des Orgelbaus und der Orgelmusik in Deutschland wurde 2017 sogar in die internationale Repräsentativliste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Die enge Verknüpfung von Musik und Handwerk entfaltet sich hier besonders im Zusammenhang mit der Architektur. Wissen und Fertigkeiten in Handwerk, Komposition und Musikausübung sind bei der Orgel hochspezialisiert, wurden vielfach informell überliefert und prägen die kollektive Identität der Akteure bis heute. Dazu zählen in Deutschland, wo es 50.000 Orgeln gibt, aktuell rund 250 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit ca. 1.150 Mitarbeitenden und ca. 100 Auszubildenden. [2]
Die Anwendung der Bezeichnung Musikinstrumentenbauer:in auf alle Berufe, die in irgendeiner Weise mit der Herstellung von Musikinstrumenten zu tun haben, ist nicht immer eindeutig, nicht in jedem Falle gerechtfertigt und im heutigen Sprachgebrauch ohne eine genauere Differenzierung auch selten üblich. So gibt es arbeitsteilige Berufe wie etwa den Wirbeldreher oder Klappenansetzer oder traditionsreiche Spezialberufe wie Bogen-, Mundstück- oder Saitenmacher. Sie stellen zwar wesentliche Komponenten für das Funktionieren eines Instruments her, aber nicht das fertige Klangwerkzeug, fallen also nicht unter eine enge Definition von Musikinstrumentenbau. Das Spektrum der Musikinstrumentenbaufirmen reicht vom Handwerksbetrieb (mit Eintrag in die Handwerksrolle bzw. Registrierung bei der Handwerkskammer) über Personen- und Kapitalgesellschaften bis hin zu Aktiengesellschaften, die zum Teil von international aktiven Holdings gesteuert werden. Kurz: Musikinstrumentenbauer:innen im engeren Sinn sind Personen, die nach gewissen handwerklichen Regeln und Erfahrungen Musikinstrumente herstellen oder reparieren; im weiteren Sinne umfasst das Feld jedoch zahlreiche spezialisierte Teilberufe. [3]
Branchengeschichte
Der Schritt zum eigenständigen Handwerk des Instrumentenbauers erfolgte im Spätmittelalter und vor allem in der Renaissance, als die Instrumentalmusik immer mehr an Bedeutung gewann. [4] Der wachsende Bedarf an qualitativ hochwertigen Instrumenten verbesserte die wirtschaftlichen Perspektiven ihrer Hersteller. Bis dahin waren Instrumente das Nebenprodukt von Handwerkern, die den Zünften der Tischler, Drechsler, Maler, Gold- und Kesselschmiede angehörten. [5] Auch die ersten professionellen Lautenmacher, Pfeifenmacher, Trompetenmacher etc. gehörten meist diesen Innungen an. Bei entsprechender räumlicher Konzentration gründeten sie eigene Innungen oder vergleichbare „freie“ Zusammenschlüsse. Bedeutend für Deutschland waren Füssen 1562 bzw. 1606, Berchtesgaden 1581, Nürnberg 1625, Leipzig o. J., Graslitz 1669, Markneukirchen 1677 und Klingenthal 1716.
MIZ WISSEN
Institutionen im Bereich Musikinstrumentenbau
Die zunfthandwerkliche Phase hatte genaue Regeln für die Ausbildung, die Wanderschaft bis hin zum Meistertitel, sie setzte wesentliche praktische und künstlerische Standards, vor allem gab sie den Instrumentenbauern ein eigenes Selbstverständnis als Berufsgruppe. Neben der Qualifizierung des Gewerbes erfolgte aber auch eine strenge Reglementierung, sodass es oft zu Privilegienstreitigkeiten mit unzünftigen oder ungelernten Konkurrenten, sogenannten „Pfuschern“, kam.
Im 19. Jahrhundert ist eine deutliche Aufspaltung in einen handwerklichen und einen industriellen Instrumentenbau zu finden. Während sich der großstädtische Handwerksbetrieb mehr dem Handel, der Reparatur oder – im Umfeld großer jetzt bürgerlicher Orchester – der Herstellung hochwertiger Instrumente zuwendet, entstehen in „industriellen Fabrikationszentren“ wie Leipzig, Graslitz, Klingenthal und Trossingen Manufakturen und Musikinstrumentenfabriken, vor allem für Klaviere, Blasinstrumente und Harmonikas. Doch nicht überall waren der Einsatz der Dampfmaschine und der Bau großer Betriebe sinnvoll. Einige Instrumentenbauzweige, vor allem der Geigenbau im Raum Markneukirchen/Schönbach sowie in Mittenwald, verharrten in einem vorindustriellen Stadium. Dort bildeten viele kleine Werkstätten ein arbeitsteiliges Produktionsnetzwerk, das von Händlern (Verlegern) dominiert wurde und als „Hausindustrie“ große Quantitäten lieferte. Die alten Berufsbilder eines zunfthandwerklichen Instrumentenbauers hatten sich in verschiedene Teil- und Spezialberufe aufgespalten (z. B. Schachtelmacher, Griffbrettmacher, Kinnhaltermacher etc.). Die Bedeutung der Instrumentenbauerinnungen nahm aufgrund der allgemeinen Gewerbefreiheit ab (z. B. in Sachsen 1862 eingeführt); viele Innungen wurden aufgelöst, einige konnten sich ab 1887 erneut zusammenfinden bzw. mussten sie sich ab 1933 neu bilden.
Als Folge der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre ging die Vorrangstellung des Musikinstrumentenbaus in Deutschland, die sich bis 1929 in großen Exportzahlen und hohen Anteilen am Welthandelsvolumen ausgedrückt hatte, stark zurück. Die nationalsozialistische Autarkiepolitik lenkte den Fokus auf den Binnenmarkt. An den einstigen Herstellungsumfang konnten nach 1945/1949 sowohl die sozialistisch zentralisierte Produktionsweise der DDR als auch die Einbindung der BRD in die westlichen Märkte anknüpfen. Westdeutsche Hersteller hatten sich bereits ab den 1970er Jahren dem Erstarken des Musikinstrumentenbaus in Fernost zu stellen, für die Betriebe in Ostdeutschland erfolgte nach Wende und Wiedervereinigung eine Neuorientierung in der Marktwirtschaft. Ein teils drastischer Rückgang der Beschäftigtenzahlen war die Folge.
Geblieben sind bekannte und wirtschaftlich erfolgreiche Marken und eine ausgeprägte Exportorientierung des Instrumentenbaus in Deutschland. Darüber hinaus ebneten die Krisen des 20. Jahrhunderts einer Renaissance des Kunsthandwerks den Weg. Eine markante Strömung dabei war die Wiederbelebung alter Instrumente, z. B. Blockflöte, Gambe, Laute oder Cembalo. Neue Akzente setzte ab den 1960er Jahren die Herstellung elektroakustischer und elektronischer Musikinstrumente, deren Mitarbeitende oft aus anderen Bereichen (z. B. Rundfunkmechaniker:in) gewonnen wurden.
Während in Deutschland noch einige Hersteller von Studio-, Bühnen- und Veranstaltungsequipment tätig sind – sie fallen nicht unter die Erzeugnisgruppe Musikinstrumente, wenngleich sie deren Beschallung dienen –, ist die Herstellung von elektronischen Musikinstrumenten wie Synthesizer, Drumcomputer und weiteren elektronischen Tasteninstrumenten heute in Deutschland nur noch eine Nischenproduktion. Einige seit den 1960er Jahren populäre Marken werden weiter angeboten.
Die postmoderne Phase des deutschen und europäischen Musikinstrumentenbaus ist durch das Nebeneinander von Handwerk und spezialisierter Manufaktur geprägt. Die Beschäftigung im Musikinstrumentenbau reicht heute von einzelnen Personen, die gelegentlich, zuweilen autodidaktisch, Instrumente herstellen oder reparieren, bis hin zu wenigen Fabriken, die noch eine Mitarbeitendenzahl im dreistelligen Bereich haben.
Regionale Schwerpunkte
Musikinstrumentenbauer:innen finden sich in allen größeren Städten, wo durch Musikschulen, Theater, Orchester und Ensembles, aber auch durch allgemeinbildende Schulen, Amateurorchester und Bands ein entsprechender Bedarf an Wartung und Reparatur von Musikinstrumenten, aber auch an Verkauf und Neubau gegeben ist.
Großstädte wie Berlin, München oder Hamburg haben deshalb eine hohe Dichte an Handwerksbetrieben (vgl. Musikatlas). Aber die mitarbeiterstärksten Firmen, die sich mit hoher Exportorientierung vor allem dem Neubau und der Serienfertigung widmen, befinden sich nach wie vor in Orten und Regionen, die seit Jahrhunderten mit der Branche verbunden sind. Seit dem 19. Jahrhundert erfolgte Spezialisierungs- und Differenzierungsprozesse sind dort weiterhin sichtbar. Es sind dies im Einzelnen:
Das Obere Vogtland im Süden des Freistaates Sachsen mit Markneukirchen, Klingenthal, Schöneck und Adorf. Dort begann der Instrumentenbau nach dem Dreißigjährigen Krieg mit der Ansiedlung böhmischer Geigenbauer aus dem benachbarten Graslitz, 1677 wurde die heute noch bestehende Innung gegründet, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterte sich das Branchenspektrum auf Bögen, Saiten, Metall- und Holzblasinstrumente, weitere Zupfinstrumente wie Gitarre, Zither, Mandoline sowie eine umfassende Bestandteil- und Etuiproduktion. Klingenthal entwickelte sich ab 1829 bzw. 1852 zum Standort der Mund- und Handharmonikaherstellung. Trotz der politischen Systeme und der Krisen des 20. Jahrhunderts sind all diese Zweige weiterhin im sogenannten „Musikwinkel“ vertreten. [6]
Im oberbayerischen Mittenwald begann Matthias Klotz 1685 ebenfalls mit dem Geigenbau. Seine Familie prägte das erfolgreiche Klotz-Modell. Mittenwalder Verleger waren schon um 1800 europaweit erfolgreich, sie siedelten weitere Zweige der Saiteninstrumenten- und Bestandteilfertigung an. Seit der Gründung der Geigenbauschule 1858 konnte sich der Ort auch in der Ausbildung von Geigenbauern einen Namen machen. [7]
Mittelfranken zwischen Fränkischer Schweiz und Aischgrund bzw. als Teil der Metropolregion Nürnberg ist das jüngste Zentrum des deutschen Instrumentenbaus – wenn man davon absieht, dass die Freie Reichsstadt Nürnberg bereits in der Frühen Neuzeit die größte Reputation für ihre handwerkliche Instrumentenfertigung, speziell im Blasinstrumentenbau, genoss. Den Impuls für den Musikinstrumentenbau der Gegenwart gab die Ansiedlung vertriebener Musikinstrumentenmacher vor allem aus dem böhmischen Schönbach (heute Luby). Er führte 1949 zur Gründung der Geigenbauersiedlung in Bubenreuth und zog eine erfolgreiche Entwicklung vor allem im Bereich der Saiteninstrumente nach sich. [8]
Trossingen in Baden-Württemberg ist der zweite bedeutende Industrieort für Mundharmonikas (seit 1832) und für Handharmonikas (seit 1903). Anders als im sächsischen Klingenthal erfolgte hier die Konzentration der Herstellung in einem Großbetrieb, der Hohner AG, die ihre Monopolstellung in der Branche ab 1929 behaupten kann. [9]
Traditionelle Herstellungsorte des Klavierbaus waren und sind Braunschweig, Leipzig sowie die Oberlausitz, in der Vergangenheit auch Berlin und Dresden. Von einst mehreren Dutzend Klavierbaubetrieben sind hier jedoch nur wenige Markenhersteller verblieben – teils in Familienbesitz, teils auch in der Hand ausländischer Kapitalgesellschaften.
Bezeichnend für die traditionellen Standorte des Musikinstrumentenbaus ist, dass dort das regionale Gewerbe in Museen oder temporär zugänglichen Ausstellungen thematisiert wird:
- Markneukirchen: Musikinstrumenten-Museum (1883 gegründet als Gewerbemuseum, 1886 erste öffentliche Musikinstrumentensammlung Deutschlands)
- Mittenwald: Geigenbaumuseum (gegründet 1930)
- Bubenreuth: Bubenreutheum (1979 gegründet als Geigenbaumuseum, aktuelle Schwerpunktsetzung „Musik und Integration“)
- Zwota bei Klingenthal: Harmonikamuseum (eröffnet 1986)
- Trossingen: Deutsches Harmonikamuseum (errichtet 1991 auf Basis der 1987 erworbenen Hohner-Sammlung)
- Klingenthal: Musik- und Wintersportmuseum (seit 1993)
Strukturen, Verbände und Kennzahlen
Wo Einzelakteur:innen an ihre Grenzen gelangen, übernehmen Verbände die Interessenvertretung. Sie versorgen ihre Mitglieder mit Informationen, leisten Lobbyarbeit, stiften auch Gemeinschaft und Identität. Das traf bereits auf die genannten Innungen des Instrumentenbaus zu, welche die frühe handwerkliche Phase der Branche in einigen Orten stark geprägt haben. Heute sind Innungen freiwillige Basisorganisationen, in denen Meisterbetriebe eines Handwerks in einer bestimmten Region zur Wahrung ihrer Interessen, zum fachlichen Austausch und durchaus auch zur Traditionspflege zusammenarbeiten.
Grundlage heutiger Verbands- und auch Ausbildungsstrukturen ist, wie man das Berufsbild Musikinstrumentenbauer:in definiert und spezialisiert. Denn dies ist nur ein Oberbegriff, unter dem sich die Berufe Streichinstrumentenbauer:in (Geigenmacher:in), Zupfinstrumentenbauer:in, Bogenmacher:in, Holzblasinstrumentenbauer:in, Metallblasinstrumentenmacher:in, Handzuginstrumentenmacher:in, Klavier- und Cembalobauer:in, Orgelbauer:in zusammenfassen lassen. Diese sind heute in Deutschland in der Handwerksordnung als Berufsbilder verankert und in entsprechenden Meisterprüfungs- oder Ausbildungsordnungen näher beschrieben (Bundesgesetz von 1953, aktuelle Fassungen der Einzelgewerbe datieren von 1997–2022). Weil der Streichbogen objektiv betrachtet kein Musikinstrument ist, war der Bogenbau in der Bundesrepublik Deutschland bis 1991 dem Geigenbau zugeordnet, konnte sich aber – vor allem wegen der langen Tradition des Bogenmacherhandwerks in Deutschland – offiziell wieder als eigenständiges Handwerk emanzipieren. Die Kombination Metallblasinstrumenten- und Schlagzeugmacher dagegen war bis 1997 ein sprachlicher Anachronismus, der in der Praxis schon lange nicht mehr gelebt wurde. Ebenso bis 1999 die Verbindung des Orgelbaus mit der Harmoniumherstellung.
Gelegentlich wird noch zwischen den Herstellern von „Klein- und Großmusikinstrumenten“ unterschieden – Kategorien, mit denen in der stark industriellen Phase des deutschen Instrumentenbaus in ökonomischen Studien und seitens der Fachverbände häufig gearbeitet wurde (nachweislich 1928). [10] Die erste Gruppe widmet sich der Vielfalt der allgemein üblichen „Orchesterinstrumente“, sie wird heute u. a. vertreten durch den Bundesinnungsverband für das Musikinstrumenten-Handwerk, den Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher e. V. (VDG) sowie den Bundesverband deutscher Musikinstrumentenhersteller (BDMH).
Mit seiner Gründung im Jahr 1904 bildet der Verband Deutscher Geigen- und Bogenbauer e. V. eines der ältesten Branchennetzwerke mit nahezu ununterbrochener Geschichte. [11] Der Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher e. V. (VDG) verfolgt das Ziel, den fachlichen Austausch und den Zusammenhalt seiner Mitglieder zu stärken, die Weiterbildung zu fördern und dem Geigenbau als Handwerk und Kunst gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. [12]
Gegenwärtig gehören dem VDG 389 Mitglieder an, darunter 45 Werkstätten im Ausland; das sind entweder deutsche Meister:innen, die sich im Ausland niedergelassen haben, oder solche, die in Deutschland gelernt und/oder längere Zeit hier gearbeitet haben.
Einen anderen Ansatz verfolgt der Bundesinnungsverband der Musikinstrumentenbauer. Spartenübergreifend hat er 25 Einzelmitglieder und bündelt die Interessen von acht Regional- oder Landesinnungen des Instrumentenbaus mit insgesamt 166 Mitgliedsbetrieben. Zu den Verbandszielen gehören u. a. „die positive Außendarstellung der gesamten Branche; die Sicherung des Qualitätsanspruchs in der Aus- und Weiterbildung durch wirkungsvolle Bildungskonzepte einschließlich deren Umsetzung; Herstellung und Erhalt nachhaltiger Produkte, Engagement zur Erhaltung der Artenvielfalt durch Umweltprojekte und Aufforstungsprogramme.“ [13] Die Fachgruppen des Bundesinnungsverbands erarbeiten im Auftrag des Gesetzgebers die Ausbildungs- und Meisterprüfungsverordnungen. Über seine Mitgliedschaft im Deutschen Musikrat schafft der Bundesinnungsverband wichtige Querverbindungen zu den Orchestern, Musikschulen und Musiker:innen.
Das Pendant zum Handwerk ist der 1962 gegründete Bundesverband der deutschen Musikinstrumentenhersteller (BDMH). Er vertritt die Interessen von 40 mittelständischen bzw. industriellen Erzeugern aus den Bereichen Blech, Holz, Streich, Zupf, Zungen, Tasten, Schlag/Percussion, Zubehör gegenüber deutschen, europäischen, ausländischen und supranationalen Behörden, Verbänden und sonstigen Institutionen. Für Jahrzehnte arbeitete er eng mit der bis 2019 veranstalteten Frankfurter Musikmesse zusammen und konnte ihr Profil schärfen helfen. Jetzt orientiert er sich vor allem auf internationale Fachmessen in den USA und Shanghai. Über die verbandseigene Akademie für Musikpädagogik initiierte der BDMH das Projekt von Bläser- und Streicherklassen an deutschen allgemeinbildenden Schulen. [14] Über den BDMH ist auch die Einbindung in die Confederation of the European Music Industries (CAFIM) und die SOMM (Society Of Music Merchants e. V.) gegeben, den Dachverband der Musikinstrumenten- und Musikequipmentbranche in Europa. Er vertritt nicht nur die Interessen von Herstellern, sondern auch von Vertriebs- und Importunternehmen, Musikfachhändlern, Verlags- und Medienhäusern sowie privaten Musikschulen – in Summe knapp 750 Unternehmen und Organisationen in ganz Europa. Er versteht sich als „zentrale Schnittstelle zur Politik und Öffentlichkeit“ mit dem Anspruch „Wachstum und Weiterentwicklung in der gesamten Branche“ zu fördern. [15]
Klavier und Orgel gelten als „Großmusikinstrumente“; ihre Hersteller pflegen oft eine deutliche Eigenständigkeit gegenüber dem Orchesterinstrumentenbau bis hin zu eigenen Fach- und Berufsverbänden wie dem Bund Deutscher Klavierbauer e. V., dem Bund Deutscher Orgelbaumeister e. V. und dem Bundesverband Klavier e. V. (BVK).
Der BDO – Bund Deutscher Orgelbaumeister e. V. wurde 1895 als Verein Deutscher Orgelbaumeister gegründet (ab 1920 Verband der Orgelbaumeister Deutschlands) und hat heute einschließlich der Zulieferbetriebe 148 Mitglieder, die sich neben dem Orgelneubau besonders der Restaurierung wertvoller historischer Instrumente widmen. Er vertritt die Interessen des Orgelbaus gegenüber Institutionen, z. B. Kirchen, weiteren Auftraggebern oder Behörden. Mit Orgelsachverständigen, musikalischen Ausbildungsstätten und Hochschulen sowie den Denkmalbehörden und kirchlichen wie staatlichen Bauämtern gibt es eine konstruktive Zusammenarbeit. [16] Im Gegensatz zu anderen Handwerkervereinigungen weist die Vereinsbezeichnung des BDO prononciert den Meistertitel aus, der für das Fachpersonal des Instrumentenbaus derzeit nur noch im Orgelbau erforderlich ist (s. o.).
Der Bundesverband Klavier e. V. (BVK) entstand 2006 durch Umbenennung des 1954 gegründeten „Fachverband Deutsche Klavierindustrie“, der im Verein (auch Verband) Deutscher Pianoforte-Fabrikanten bereits ab 1892 einen einflussreichen Vorläufer hatte. Er tritt offensiv für ein hundertprozentiges „Made in Germany“ ein, garantiert das durch die Zertifizierung mit dem Verbandslogo und erhöht damit die Markttransparenz für die Käufer:innen von Flügeln und Klavieren. Eine außerordentliche Mitgliedschaft ist auch Firmen außerhalb Deutschlands möglich (derzeit aus Estland, Italien, Österreich, Tschechien). Aktuell gehören dem Verband 15 Klavierhersteller, drei Zubehörproduzenten sowie elf Zulieferer und Partner für Holz, Saiten, Mechaniken und Hämmer an. 19 Marken verfügen derzeit über den zertifizierten Herkunftsnachweis. [17]
1958 wurde an der Ludwigsburger Berufsschule der deutsche Verband der Klavierfachleute und Stimmer (DVKS) gegründet, der 1961 seine heutige Bezeichnung Bund Deutscher Klavierbauer e. V. (BDK) erhielt. Während im BVK die Hersteller und Fabrikanten zusammengeschlossen sind, vereint der BDK mehr als 500 Klavierbauer:innen (auch Gesell:innen und Auszubildende), die sich mit ihren Fachbetrieben dem Verkauf und dem Service von Klavieren, Flügeln und Cembalos widmen und damit einen fachlich fundierten Verbraucherschutz garantieren. Verbandsaufgaben sind u. a. Nachwuchsförderung, Berufswettbewerbe und der internationale Erfahrungsaustausch im Rahmen von euro-piano. [18]
Alle Interessenverbände eint die Erkenntnis, dass ein vielseitiges und fachlich angeleitetes Musizieren die Zukunft eines ebenso vielseitigen wie qualitätsbewussten Musikinstrumentenbaus am Standort Deutschland sichert. Deshalb unterstützt man Musikschulen oder Wettbewerbe wie „Jugend musiziert“.
Kennzahlen zum deutschen Musikinstrumentenbau sind nicht eindeutig zu ermitteln. Das liegt an unterschiedlichen statistischen Methoden und an der branchentypischen Vielfalt bei fließenden Grenzen zwischen Handwerk und Industrie.
Nach der Umsatzsteuerstatistik des Statistischen Bundesamts gab es in Deutschland im Jahr 2024 im Wirtschaftszweig Musikinstrumentenherstellung 1.222 Unternehmen, die einen Umsatz von 701 Millionen Euro erwirtschafteten. Damit war der Umsatz im Musikinstrumentenbau zuletzt um 8,5 Prozent rückläufig (2023: 766 Millionen Euro), was insbesondere auf die Umsatzentwicklung größerer Hersteller zurückzuführen war [19] (zum Vergleich: Der Einzelhandel mit Musikinstrumenten hatte einen Umsatz von 1,770 Milliarden Euro, s. dazu auch den Beitrag „Musikfachhandel“). Laut Monitoringbericht gab es im Wirtschaftszweig Musikinstrumentenherstellung 5.110 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, einschließlich geringfügig Beschäftigter, Selbstständiger und Mini-Selbständiger waren es 7.950 Gesamterwerbstätige. [20] Die Bundesagentur für Arbeit weist eine abweichende Gesamtsumme aus, die die Beschäftigten nach ihrem ausgeübten Beruf abgrenzt, und differenziert diese nach einzelnen Zweigen des Musikinstrumentenbaus (vgl. Abbildung 1).
Die Produktionsstatistik des Statistischen Bundesamts erfasst nur im Inland gelegene produzierende Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten und wird auch nur veröffentlicht, wenn es mehr als zwei konkurrierende Betriebe dieser Größenordnung gibt. Deshalb geben die folgenden Zahlen bis auf den Bereich der Tasteninstrumente nur ein partielles Abbild der deutschen Musikinstrumentenproduktion.

Die deutsche Außenhandelsstatistik mit Musikinstrumenten bildet wesentlich mehr ab als die im Land erfolgte Produktion. Hier sind auch die Importe und Exporte von marktbestimmenden Einzel-, (Online-) und Großhandelsunternehmen enthalten, die weltweit Produktionsstandorte unterhalten oder daran beteiligt sind. Das Angebot preiswerter Einsteigermodelle und der Vertrieb international bekannter Marken aus dem Hochpreissegment schließen sich hier keinesfalls aus, sondern ergänzen sich zusehends.
Die Handwerkszählung 2023 [21] nennt für Deutschland 1.497 Handwerksunternehmen des Musikinstrumentenbaus, in denen einschließlich der tätigen Unternehmer 4.688 Personen Beschäftigung fanden (2.564 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte).
Im Jahr 2024 weist die Industriestatistik im Bereich Verarbeitendes Gewerbe 22 Instrumentenhersteller mit insgesamt 2.744 Mitarbeitenden aus. Weitere Differenzierungen werden hier nicht vorgenommen, vielmehr fällt der Instrumentenbau in die übergeordnete Gruppe „Herstellung sonstiger Waren“.
Wege in den Beruf – Vom Werkstattwissen bis zum Studium
In der zunfthandwerklichen Phase vermittelte ein Meister seinem Lehrling an der Werkbank das lebendige „working knowledge“ – nach wie vor essenziell in der Handwerksausbildung. In den Innungsstatuten vorgeschriebene Wanderjahre erweiterten diesen Erfahrungshorizont. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung und unternehmerischer Freiheiten, wurde das schrittweise erweitert durch das formale Lernen, zum einen geleitet durch Bücher und spezielle Lehrwerke. Zu nennen ist hier das in und für Markneukirchen entstandene Lehrbuch von Gustav Adolph Wettengel (gedruckt 1828 in Ilmenau). [22] Zum anderen durch einen begleitenden Unterricht an einer Gewerbe- oder Fachschule, die einem formellen Wissenserwerb dienten: so in Markneukirchen 1834 (zunächst als Musikschule, 1876 als Fachschule), Klingenthal 1843, Mittenwald 1858, Graslitz 1865/1873, Schönbach 1873, Ludwigsburg 1924/38. Damit wurde die Ausbildung der Instrumentenbauer (und später auch Instrumentenbauerinnen) über das Maß von Innungssatzungen hinaus institutionalisiert, so dass neben dem handwerklichen Primärwissen nun auch Sekundärwissen aus zahlreichen tangierenden Fachgebieten vermittelt wurde: Naturwissenschaften wie Physik, Akustik, technische Mathematik, Chemie; Kulturwissenschaften wie Musikgeschichte, Instrumentenkunde, allgemeine Geschichte, Kunstgeschichte, Ästhetik/Philosophie; weiterhin ein grundlegender Instrumentalunterricht, Ensemblespiel, Materialkunde, Technik/Konstruktion, Zeichnen/Design, Medizin, Wirtschaftslehre etc.
Die Ausbildung wird weiterhin im dualen System durch Lehrbetriebe und die Berufsschulen in Klingenthal, Ludwigsburg und Mittenwald garantiert. In einigen Sparten, vor allem bei den Streich- und Zupfinstrumenten, wird das klassische Modell aber seit Jahren um die Vollzeitvariante der Berufsfachschule ergänzt, wenn nicht gar durch diese ersetzt. Hintergrund ist zum einen die Abnahme der Zahl mittlerer und größerer Hersteller, die früher noch eigene Ausbilder:innen oder gar Ausbildungsabteilungen für die Praxis unterhielten. Auch im Kleinhandwerk sank die Ausbildungsbereitschaft, weil beispielsweise Auflagen durch die Berufsgenossenschaft viel Aufwand verursachen und das Ausbilden damit vielfach zu einem finanziellen und bürokratischen Wagnis wird. Ausgenommen davon sind oft jene Betriebskontinuitäten, die sich in der Übergabe vom Inhaber an seine Kinder ergeben. Eine über Generationen erfolgende Übergabe von den Eltern zu den Kindern ist – bezogen auf den deutschen Musikinstrumentenbau – keineswegs ein romantisch verklärter Topos, sondern in etlichen Firmen zu beobachten, die ins 18. Jahrhundert oder gar noch weiter zurückrechnen können. Dennoch wird die Lücke zwischen altersbedingten Werkstattauflösungen ohne Familiennachfolge und dem künftigen Bedarf nur durch das Modell der Berufsfachschule zu schließen sein, wenn Vielfalt und Qualität des handwerklichen Instrumentenbaus in Deutschland erhalten werden sollen.
Aufbauend darauf, aber gleichermaßen offen für Interessenten aus dem Ausland, versteht sich der Studiengang Musikinstrumentenbau, den die Westsächsische Hochschule Zwickau seit 1988 an ihrem Standort Markneukirchen unterhält (als Teil der Fakultät Angewandte Kunst mit Sitz im erzgebirgischen Schneeberg). Angeboten werden die Fachrichtungen Streich- und Zupfinstrumentenbau, der Streichbogenbau läuft derzeit als Pilotprojekt. Nach drei Jahren ist der Abschluss eines Bachelor of Arts im Instrumentenbau erreichbar, nach weiteren zwei Jahren der Masterabschluss, ein ergänzender Erwerb des Meisterbriefs der Handwerkskammer ist möglich.
Seit der Novellierung der Handwerksordnung im Jahr 2003 gehören die Zweige des Musikinstrumentenbaus in Deutschland zu den „zulassungsfreien Handwerken“. Nur der Orgelbau konnte 2020 wieder zum alten Status mit verbindlicher Meisterprüfung zurückkehren. Auch wenn der Meisterbrief für eine selbstständige Gewerbeausübung nicht mehr erforderlich ist, absolvieren viele Instrumentenbauer:innen einen Meisterlehrgang und legen danach die Meisterprüfung ab. Denn diese gilt nach wie vor als das besondere Qualitätssiegel des deutschen Musikinstrumentenbaus. Die Prüfung umfasst fachrichtungsspezifische Teile (Teil I: Arbeitsprobe, Praktisches Fachwissen mit schriftlicher Meisterarbeit sowie der Kalkulation und Anfertigung des Meisterstücks, Teil II: Fachtheorie) und fachrichtungsübergreifende Teile (Teil III: Betrieb und Wirtschaft, Rechnungswesen und Controlling sowie Recht und Steuern, Teil IV: Berufs- und Arbeitspädagogik).
Im Folgenden die Ausbildungszahlen an den drei deutschen Berufs- und Berufsfachschulen für die Schuljahre 2023/24 bis 2025/26, bereitgestellt vom Bundesinnungsverband für das Musikinstrumenten-Handwerk:

Für die Auszubildenden in den Betrieben liegen Daten zur Geschlechterverteilung vor. Hier fällt auf: Der Frauenanteil unter den Auszubildenden des Musikinstrumentenbaus steigt deutlich. 136 von 370 Auszubildenden am Beginn des Schuljahres 2025/26, also 37 Prozent, waren Frauen. Der höchste Frauenanteil ist mit rund zwei Dritteln im Streich- und Zupfinstrumentenbau zu verzeichnen, im Metallblasinstrumenten- und Orgelbau lag er etwas über einem Viertel (s. dazu die Statistik „Ausbildung im Musikinstrumentenbau“).
Zwischen Tradition, Innovation und Restriktion – Herausforderungen der Gegenwart
Trotz technischer Entwicklungen, Digitalisierung und neuer KI-gestützter Verfahren beruht der Instrumentenbau weiterhin in hohem Maße auf Erfahrungswissen, tradierten Arbeitstechniken und individueller klanglicher Urteilskraft. Dieser kreative Bereich prägt selbst heute den Instrumentenbau, wo physikalisch-akustische Grundlagen weitgehend erforscht sind, wo eine detaillierte Analyse von Hölzern, Metallen und weiteren Materialien möglich ist. So hat jeder Hersteller zu intonatorischen und klanglichen Feinheiten seine eigenen Erfahrungen. Sie lassen sich nicht immer exakt begründen, bestimmen aber oft die individuelle Arbeit mit den Musiker:innen bei Klangeinstellungen von Streichinstrumenten oder bei der Intonationskorrektur von Holzblasinstrumenten.
Dennoch ist der Musikinstrumentenbau keineswegs auf traditionelle Handarbeit allein beschränkt. Waren es im 19. Jahrhundert zunächst die Antriebe von Dreh-, Fräs- und anderen Maschinen, die auf Dampfkraft umgestellt wurden, so können heute vielfach digital gesteuerte Bearbeitungsprozesse stattfinden, z. B. beim Ausarbeiten von Geigenkörpern oder dem Bohren von Tonlöchern an Holzblasinstrumenten. Der Maschineneinsatz betrifft vor allem die Vorarbeiten, die Herstellung von Einzelteilen. Je weiter ein Instrument in den fertigen Status gerät, desto größer ist der Grad der Handarbeit. Aber auch hier, vor allem bei der Endkontrolle der Instrumente, werden wissenschaftliche Prüf- und Messverfahren hinzugezogen. Der Einsatz moderner Technologien in Handwerk und Manufaktur wird aufgrund der gefertigten Stückzahlen immer den Aspekt der Wirtschaftlichkeit abwägen müssen. Bis zur Gegenwart belegen zahlreiche Patente und Gebrauchsmuster zu bestimmten konstruktiven oder fertigungstechnischen Details (in Deutschland seit 1877 bzw. 1891) die Innovationsbereitschaft der Instrumentenbauer:innen.
Deutschland hatte und hat mehrere auf Musikinstrumentenbau spezialisierte Forschungseinrichtungen: die Physikalisch-technische Bundesanstalt in Braunschweig (PTB, 1936 bis 2005), das Institut für Musikinstrumentenbau in Zwota (IfM, gegründet 1951), den Studiengang Musikinstrumentenbau in Markneukirchen (seit 1988) und die Orgelforschung am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Stuttgart.
Einen vielfältigen Einblick in die aktuellen Probleme und Chancen der Branche bietet das in den Jahren 2018–2026 durchgeführte WIR!-Vorhaben „I-Ma-Tech“ (Innovative Konzepte für die langfristige Sicherung der Material-, Technologie- und Fachkräftebasis für den Musikinstrumentenbau im westsächsischen Vogtland). Mit 50 Bündnispartnern aus Handwerk, Industrie, Bildung, Forschung und Politik wurden in der traditionellen vogtländischen Musikinstrumentenbauregion 22 anwendungsbezogene Forschungsprojekte durchgeführt. [23] Sie reagieren u. a. auf folgende aktuelle und künftige Herausforderungen der Branche:
- Fachkräftegewinnung, demografische Entwicklung und moderne Berufsbilder
- Typisierung und Verwendung konventioneller Materialien im Musikinstrumentenbau
- Artenschutz, Restriktionen, vor allem geregelt im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora = CITES) [24]
- Suche nach Alternativwerkstoffen, Erprobung von Werkstoffmodifikationen
- Digitalisierung – von der Mess- und Analysetechnik bis zur additiven Fertigung, bei der traditionelle, teils nur aufwendig herstellbare Teile im 3D-Druck reproduziert werden können.
Immaterielles Kulturerbe findet man heute sowohl in verschiedenartig gelebter musikalischer Praxis als auch im Instrumentenbau mit seinen oftmals tradierten Handwerkstechniken. Durch Biodiversitätsverlust, Waldzerstörung und Klimawandel ist diese Tradition vielfach bedroht. [25]
Messen und Wettbewerbe
Wichtige Messen, Preise und weitere Formate mit überregionaler oder internationaler Ausstrahlung haben für die Branche in den letzten Jahren an Sichtbarkeit verloren oder sich verändert. Als Standorte traditionsreicher Waren- und späterer Mustermessen hatten Leipzig und Frankfurt am Main für den deutschen Musikinstrumentenbau schon ab dem 18. Jahrhundert eine besondere Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente Leipzig bis 1990 vor allem als Schaufenster der Industrie des Ostblocks – gerade auch für die Musikinstrumentenhersteller. Frankfurt am Main konnte seine internationale Position ausbauen, was in den Jahren 1980–2019 zu einer eigenständigen Musikmesse führte. Nach der Corona-Pandemie wurde diese Messe nicht wieder ausgerichtet, was in zurückgehenden Aussteller- und Besucherzahlen, digitalen Werbe- und Vertriebswegen sowie dem Trend zu kleineren Fachmessen begründet ist. Die mit der Musikmesse seit 1995 verbundene Schwestermesse „Prolight + Sound“ findet weiterhin statt. Im Rahmenprogramm der Musikmesse wurden diverse Preise verliehen: der Frankfurter Musikpreis für herausragende Musikerpersönlichkeiten in Interpretation, Komposition, Musikwissenschaft und Lehre (seit 1982), der „Live Entertainment Award“ als deutscher Veranstalterpreis (seit 2006), der „Musikmesse International Press Award“, Deutschlands größter Schülerband-Wettbewerb „SchoolJam“, der Europäische Schulmusik Preis (ESP), der Musikeditionspreis „Best Edition“ des Verbands Deutscher Musikverlage (DMV), der European Songwriting Award und der Deutsche Musikinstrumentenpreis (DIMP, s. u.).
An die Stelle der Frankfurter Musikmesse tritt seit 2024 die akustika Nürnberg. Sie fokussiert sich wieder bewusst auf den Kern des früheren Musikmessegeschehens, richtet sich an kleine Handwerksbetriebe, mittelständische Industriebetriebe, Zulieferer von Materialien und Werkzeugen, Hersteller von Zubehör, Notenverlage und Großhändler. Bei Musikschüler:innen und -studierenden, Orchestermusiker:innen aber auch Fachhändler:innen aus dem In- und Ausland stieß dieses Konzept auf eine gute Resonanz, sodass der deutsche Musikinstrumentenbau hier wieder eine geeignete Plattform findet. Weitere Messen mit spezialisierter Ausrichtung sind der Guitar Summit in Mannheim (Gitarren/Bässe), die Superbooth in Berlin (Synthesizer) sowie die Blasorchester-Messe Brawo in Stuttgart. Eine breitere öffentliche Wahrnehmung für teils weniger nachgefragte Instrumente will das seit 2008 durch einige Landesmusikräte ausgerufene „Instrument des Jahres“ erreichen. Die Hersteller von Musikinstrumenten können dies unterstützen und gleichsam davon profitieren.
Eine besondere Würdigung für herausragende Leistungen in der handwerklichen Berufsausbildung ist die Deutsche Meisterschaft im Handwerk – German Craft Skills. Europas größter Berufswettbewerb, organisiert vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), Fachverbänden und Handwerkskammern, wurde erstmals 1951 als Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks veranstaltet. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten treten jedes Jahr mehr als 3.000 talentierte Absolvent:innen in über 130 Handwerksberufen auf bis zu vier Wettbewerbsebenen gegeneinander an. Im Musikinstrumentenbau als kleiner Sparte mit seiner Binnenspezialisierung genügt ein zweistufiges Wettbewerbsverfahren, in dem die Landes- und Bundessieger ermittelt werden. Im Berufsfeld Orgelbau wird dabei zwischen den Fachrichtungen Orgelbau und Pfeifenbau differenziert, sodass insgesamt neun Wettbewerbsberufe vertreten sind.
Wenn sich ein etablierter Meisterbetrieb einem Vergleich stellen möchte, dann bieten sich gerade für Streichinstrumentenbau verschiedene Möglichkeiten mit höchster Reputation. Denn seit mehr als einem halben Jahrhundert finden – meist im Abstand mehrerer Jahre – internationale Geigenbauwettbewerbe statt, z. B. der Henryk-Wieniawski-Wettbewerb in Poznań (seit 1957), die VSA Competition der Violin Society of America (seit 1975) oder der Concorso Triennale „Antonio Stradivari“ in Cremona (seit 1976). Eine feste Größe in diesem Wettbewerbskalender ist der seit 1989 veranstaltete Geigenbauwettbewerb in Mittenwald, der auch den Bogenbau einschließt. [26] Zu nennen ist ferner der Internationale Instrumentalwettbewerb in Markneukirchen (IIW). Dieser ist mehr als ein im jährlichen Wechsel von Streich-/Zupf- und Blasinstrumenten stattfindender Solistenwettstreit. Denn seine einmalige und bewusste Verbindung zur Markneukirchner Instrumentenbauregion zeigt sich traditionell auch mit Prämierungen, die durch fertige Instrumente, Etuis, Zubehör oder Bögen aufgewertet werden.
Die höchste öffentliche Anerkennung für den Musikinstrumentenbau in Deutschland war für 35 Jahre der vom Bundeswirtschaftsministerium ausgeschriebene Deutsche Musikinstrumentenpreis. 2025 wurde er letztmals für zwei Instrumente vergeben. „Den Herstellern sollte ein Anreiz zur weiteren Steigerung ihrer Innovationskraft sowie Leistungsfähigkeit und damit ihrer Wettbewerbsfähigkeit gegeben werden.“ [27] Für die mittelständisch und handwerklich geprägte Instrumentenbaubranche war der Preis ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, mit dem das „Made in Germany” ihrer Produkte noch gewinnen konnte. Die Instrumente durchliefen dabei am Institut für Musikinstrumentenbau (IfM) in Zwota ein dreigeteiltes Verfahren: die Messung der akustischen Eigenschaften, einen Blindspieltest durch fünf Profimusiker:innen und die Begutachtung der handwerklichen Standards durch eine:n Sachverständige:n. In 35 Jahren können 97 Preisträger:innen gezählt werden. Die Ausschreibung galt jährlich zwei Instrumenten, Voraussetzung waren mindestens fünf Hersteller im Land. Oft gab es mehrere (bis zu sechs) punktgleiche Preisträger:innen. Es besteht die Hoffnung, dass sich für diesen Preis eine Fortsetzung findet – ggf. mit anderer ministerieller Zuordnung, wenn man erkennt, dass es nicht nur um Wirtschaftsleistung geht, sondern auch um die materielle Grundlage des immateriellen Kulturguts.
Ausblick
Der Musikinstrumentenbau in Deutschland ist ein heterogener Wirtschaftszweig, der sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat. In einzelnen seiner Sparten war er hinsichtlich Herstellungsumfang und Beschäftigtenzahl weltmarktbeherrschend, wurde deshalb in einigen Regionen strukturbestimmend und ist es zum Teil noch heute. Hunderte Werkstätten und etliche Mittelständler arbeiten dafür, den Musiker:innen – egal ob professionelle Philharmonikerin, erfolgreiches Bandmitglied, ambitionierter Amateur oder Musikschülerin – das passende Werkzeug in die Hand zu geben, es nicht nur zu bauen, sondern auch zu warten, zu reparieren, zu restaurieren. Deutschland ist ein Standort weltweit bekannter Marken im Handwerk, in der spezialisierten Manufaktur und auch Rahmen internationaler Konzerne. Angesichts internationaler Konkurrenz, abnehmender Ressourcen und wirtschaftlicher Herausforderungen u. a. durch Zölle steht der Musikinstrumentenbau allerdings vor der Frage, wie er sich langfristig behaupten kann. Inwieweit Musikinstrumente „Made in Germany“ erfolgreich bleiben, muss vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, ökologischer und politischer Veränderungen immer wieder neu bewertet werden.
Zitationsvorschlag
Weller, Enrico (2026): Musikinstrumentenbau. Deutsches Musikinformationszentrum. Online unter: https://miz.org/beitraege/version/2026-musikinstrumentenbau (Zugriff: TT.MM.JJJJ).
Fußnoten
Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission: Immaterielles Kulturerbe. Vogtländischer Musikinstrumentenbau in Markneukirchen und Umgebung. Online unter: https://www.unesco.de/staette/vogtlaendischer-musikinstrumentenbau-in-markneukirchen-und-umgebung/ (Zugriff: 03. Januar 2026).
Vgl. Handwerkszählung des Statistischen Bundeamts 2023: Statistisches Bundesamt: GENESIS-Online. Online unter: https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online (Zugriff: 14. Januar 2026) sowie die Statistik „Ausbildung im Musikinstrumentenbau“ des Deutschen Musikinformationszentrums (Zugriff: 1. April 2026). Zur Zahl der Orgeln in Deutschland sowie zu älteren Angaben zur Anzahl der Betriebe und Beschäftigten vgl. Deutsche UNESCO-Kommission: Immaterielles Kulturerbe. Orgelbau und Orgelmusik. Online unter: https://www.unesco.de/staette/orgelbau-und-orgelmusik/ (Zugriff: 03. Januar 2026).
Vgl. Enrico Weller: Musikinstrumentenbauer, in: Lexikon der Musikberufe. Geschichte – Tätigkeitsfelder – Ausbildung, Lilienthal 2021, S. 395-401.
Zur Geschichte des Musikinstrumentenbaus vgl. Hermann Moeck (Hrsg.): Fünf Jahrhunderte deutscher Musikinstrumentenbau, Celle 1987.
In den Zünften waren nur Männer Mitglied, weshalb in der historischen Darstellung des Musikinstrumentenbaus auf Genderdoppelpunkte verzichtet wird.
Enrico Weller: Von den zwölf Exulanten zum musikalischen Großlieferanten – Markneukirchens Entwicklung zur Musikstadt, in: Werner Pöllmann, Enrico Weller (Hrsg.): Einblicke in 650 Jahre Stadtentwicklung, Markneukirchen 2010, S. 89-134; ders.: Markneukirchen, in: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, 2nd edition, New York 2014, Vol. 3, p 402–404.
Wolfgang Zunterer: Kloz: Die Geigenmacher-Familie aus Mittenwald / Kloz: The Violinmaker Family from Mittenwald, Leipzig 2024.
Christian Hoyer: Musikinstrumentenbau in Bubenreuth und Umgebung. Von 1945 bis heute. / Výroba hudebních nástrojů v Bubenreuthu a okolí. Od roku 1945 do současnosti, Bubenreuth 2020.
Hartmut Berghoff: Zwischen Kleinstadt und Weltmarkt. Hohner und die Harmonika 1857–1961. Unternehmensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Paderborn 1997.
Vgl. Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft (= Enquete-Ausschuß, Hrsg.): Die Industrie der Kleinmusikinstrumente. Verhandlungen und Berichte des Unterausschusses für allgemeine Wirtschaftsstruktur, 16. Bd., Berlin 1931.
Vgl. Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher (Hrsg.): 100 Jahre VDG, 2004.
Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher e. V. Online unter: https://geigenbauerverband.de/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Bundesinnungsverband für das Musikinstrumenten-Handwerk. Online unter: https://www.biv-musikinstrumente.de/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl. Bundesverband der deutschen Musikinstrumentenhersteller. Online unter: https://www.musikinstrumente.org/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl. Society Of Music Merchants (SOMM). Online unter: https://www.somm.eu/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl. Bund Deutscher Orgelbaumeister. Online unter: https://bund-deutscher-orgelbaumeister.de/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl. Bundesverband Klavier. Online unter: https://www.pianos.de/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl. Bund Deutscher Klavierbauer. Online unter: https://www.bdk-piano.de/ (Zugriff: 12. Januar 2026).
Vgl die Statistik „Unternehmen und Umsätze im Musikinstrumentenbau nach Größenklassen und Bundesländern" des Deutschen Musikinformationszentrums (Zugriff: 1. April 2026). Der „Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2024“ stützte sich noch auf vorläufige Ergebnisse der Umsatzsteuerstatistik 2023; darin wurde der Umsatz des Wirtschaftszweigs überschätzt. Vgl. Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2024. Studie erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, Berlin 2025, S. 142, 146, 150 und 154. Online unter: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Kultur-und-Kreativwirtschaft/Monitoringberichte/monitoringbericht-kultur-und-kreativwirtschaft-2024.html (Zugriff: 27. März 2026).
Vgl. Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft. Studie erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, S. 150. Online unter: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Kultur-und-Kreativwirtschaft/Monitoringberichte/monitoringbericht-kultur-und-kreativwirtschaft-2024.html (Zugriff: 7. April 2026).
Statistisches Bundesamt: GENESIS-Online. Online unter: https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online (Zugriff: 14. Januar 2026).
Gustav Adolph Wettengel: Vollständiges, theoretisch‐praktisches auf Grundsätze der Akustik, Tonkunst und Mathematik, und auf die Erfahrungen der geschicktesten italienischen und deutschen Meister begründetes Lehrbuch der Anfertigug und Reparatur aller noch jetzt gebräuchlichen Gattungen von italienischen und deutschen Geigen [...], Ilmenau 1828; 2. Aufl. 1869 durch Heinrich Gretschel: Gustav Adolph Wettengel's Lehrbuch der Geigen- und Bogenmacherkunst, oder theoretisch-praktische Anweisung zur Anfertigung und Reparatur der verschiedenen Arten Geigen und Bogen, sowie Guitarren.
Vgl. Institut für Musikinstrumentenbau: I-Ma-Tech. Projekte. Online unter: https://www.imatech-musik.de/projekte/ (Zugriff: 01. Januar 2026).
Zum Verhältnis von Tradition und Innovation im Musikinstrumentenbau vgl. auch Ya’qub Yonas N. El-Khaled [u. a.] (Hrsg.): Musikinstrumentenbau zwischen Tradition und Innovation. Perspektiven aus Theorie und Praxis, Zwickau/Markneukirchen 2024. Online unter: https://libdoc.whz.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/18046 (Zugriff: 01. Januar 2026).Vgl. Bundesamt für Naturschutz: Musikinstrumente. Online unter: https://www.bfn.de/musikinstrumente (Zugriff: 01. Januar 2026).
Vgl. dazu die Untersuchungen von Silke Lichtenberg. ResearchGate. Silke Lichtenberg. Online unter: https://www.researchgate.net/profile/Silke-Lichtenberg (Zugriff: 01. Januar 2026).
Zu den praktischen Konsequenzen für den Musikinstrumentenbau etwa mit Blick auf Tropenhölzer oder Elfenbein s. auch die Interviews mit den Musikinstrumentenbauer:innen in diesem Beitrag.
Zur Diskussion zum Thema Streichbögen aus Fernambuk-Holz vgl. Uni-sono: Fernambuk: mehr Schutz für Holz und Klarheit für Musiker:innen. Online unter: https://uni-sono.org/presse_meldungen/mehr-schutz-fuer-fernambuk-holz-und-klarheit-fuer-musikerinnen (Zugriff: 27. März 2026).
Vgl. Ulrike Dederer: Juryarbeit bei internationalen Geigenbauwettbewerben, in: Ya’qub Yonas N. El-Khaled [u. a.] (Hrsg.): Musikinstrumentenbau zwischen Tradition und Innovation. Perspektiven aus Theorie und Praxis, Zwickau/Markneukirchen 2024, S. 305-311. Online unter: https://libdoc.whz.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/18046 (Zugriff: 01. Januar 2026).
Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Deutscher Musikinstrumentenpreis. Online unter: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Wettbewerb/deutscher-musikinstrumentenpreis.html (Zugriff: 04. Dezember 2025).
































