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13.03.2019 Ruhrtriennale veröffentlicht Programm 2019 – Neue Perspektiven auf die „Zwischenzeit“

 

Die Ruhrtriennale 2019 beginnt am 21. August mit Christoph Marthalers Musiktheater-Kreation „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ im Audimax der Ruhr-Universität Bochum. Bis zum 29. September werden in den ehemaligen Industriehallen des Ruhrgebiets Uraufführungen von Kornél Mundruczós Musiktheater-Produktion „Evolution“, Jan Lauwers Schauspiel-Performance „All the good“, Sharon Eyals Tanztheater „Chapter 3“ und Bruno Beltrãos neuester Choreographie zu erleben sein. Auch die Deutschen Erstaufführungen von Heiner Goebbels Musiktheater-Collage „Everything that Happened and Would Happen“, David Martons Regiearbeit „Dido and Aeneas, remembered“ sowie Faustin Linyekulas Produktion „Congo“ sind beim internationalen Festival der Künste zu sehen. Das Musikprogramm umfasst u.a. das Programm „Coro“ von Chorwerk Ruhr, zwei Konzerte des Klangforum Wien unter der Musikalischen Leitung von Sylvain Cambreling sowie außergewöhnliche Formate in der Reihe „MaschinenHausMusik“. Die Installation „Bergama Stereo“, eine architektonische Sound-Konstruktion von Cevdet Erek, ist erstmals zu sehen. Der Künstler Jonas Staal veranstaltet mit „Training for the Future“ ein utopisches Trainingslager. Der „Third Space“ in einer umgebauten Transall-Maschine vor der Jahrhunderthalle Bochum wird ebenso weiterentwickelt wie das Langzeitprojekt #nofear der Jungen Triennale, das sich in diesem Jahr mit dem Thema Macht auseinandersetzt. 

Nachdem im vergangenen Jahr die Perspektiven des Globalen Südens auf Europa den programmatischen Schwerpunkt bildeten, liegt der Fokus 2019 auf europäischer Selbstkritik, die den thematischen Rahmen „Zwischenzeit“ fortsetzt. Die Künstler*innen beschäftigen sich auf vielfältige Weise mit der privilegierten europäischen Existenz sowie den Auswirkungen der europäischen Dominanz, sie fragen nach dem aktuellen Demokratieverständnis und entwerfen neue Zukunftsmodelle. 

Vom 21. August bis 29. September kommen mehr als 840 beteiligte Künstler*innen aus rund 35 Ländern ins Ruhrgebiet, um 35 Produktionen und Projekte – davon 14 Ur- und Erstaufführungen – in 13 unterschiedlichen Spielstätten in Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck zu zeigen. 

Der Vorverkauf für die diesjährige Ruhrtriennale beginnt am Dienstag, 12. März 2019. Weitere Informationen zum Programm unter www.ruhrtriennale.de.

Musiktheater

Artiste associé Christoph Marthaler hat für seine Musiktheater-Kreation „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ (ab 21.8.) das Auditorium Maximum der Ruhr-Universität Bochum gewählt, um dieses in ein futuristisches Weltparlament zu verwandeln. Die Zuschauer*innen blicken darin auf ein zerstörtes Europa. Die eindrücklichen Kompositionen von Musikern, die während des Zweiten Weltkriegs deportiert, ermordet oder in die Emigration gezwungen wurden, werden in dem imaginierten Parlament mit dokumentierten politischen Reden aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Gegenwart und der nahen Zukunft in ein Spannungsverhältnis gebracht. Marthaler widmet sich in dieser Musiktheater-Kreation dem Demokratieverlust, Rassismus und Antisemitismus.

Auch die Deutsche Erstaufführung von „Everything that Happened and Would Happen“ (ab 23.8.) von Heiner Goebbels setzt sich mit der zerstörerischen, europäischen Geschichte der vergangenen einhundert Jahre auseinander. Mit einem internationalen Ensemble aus Tänzer*innen, Performer*innen und Musiker*innen verbindet der Komponist und Theatermacher in seiner multimedialen Installation in der Bochumer Jahrhunderthalle Patrik Ouředníks Text „Europeana“ mit unkommentierten, tagesaktuellen Nachrichtenbildern des Fernsehsenders Euronews. 

In „Dido and Aeneas, remembered“ (ab 28.8.) inszeniert der Regisseur David Marton die tragische Liebesgeschichte von Vergil als eine musikalische Collage des Erinnerns und Vergessens. Henry Purcells Klagelied der Dido stellt er dabei Kalle Kalimas Auftragswerk „Remember me“ gegenüber. Die Deutsche Erstaufführung des Musiktheaterprojekts mit einem herausragenden Ensemble um die Sängerin Erika Stucky sowie Chor und Orchester der Opéra de Lyon ist in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord zu sehen.

György Ligetis „Requiem“ steht im Fokus der Uraufführung „Evolution“ (ab 5.9.) des Film- und Theaterregisseurs Kornél Mundruczó. Nachdem er im vergangenen Jahr Hans Werner Henzes „Das Floß der Medusa“ in Szene gesetzt hat, erklingt 2019 gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern (Musikalische Leitung: Steven Sloane), dem Staatschor Latvija sowie Schauspieler*innen des Proton Theaters in der Bochumer Jahrhunderthalle dreimal Ligetis „Requiem“. Mit der Wiederholung reflektiert Mundruczó ein Erinnern an das Grauen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Schauspiel / Performance

„All the good“ (ab 22.8.) von der Needcompany erzählt in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck von einer Liebesgeschichte zu einer Zeit, in der Europa seine Werte opfert und zahlreiche Menschen Hass und Ignoranz erliegen. Der Regisseur Jan Lauwers hinterfragt in dieser neuen Arbeit, die bei der Ruhrtriennale uraufgeführt wird, seine Legitimation als Weißer, privilegierter Künstler im interkulturellen Kontext und setzt die Alltagssorgen einer Künstlerfamilie in ein Spannungsverhältnis mit der Allgegenwärtigkeit von Krieg und Terror.

Der Tänzer, Choreograph und Regisseur Faustin Linyekula hat Éric Vuillards Erzählung „Kongo“ über die belgische Kolonialgeschichte für sein neues Stück adaptiert. Zusammen mit seinem Ensemble widmet er sich in der Deutschen Erstaufführung von „Congo“ (ab 28.8.) der Erinnerung kolonialer Vergangenheit und bekämpft das Vergessen. In einer Collage aus Text, Songs und Field Recordings spüren sie in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord die Folgen von Jahrhunderten der Kriege und Gewalt auf. 

Zusammen mit einem internationalen Ensemble erforscht die Regisseurin Ofira Henig in „KIND OF“ (ab 12.9.) basierend auf literarischen Texten u.a. von Heinrich Böll, Elias Canetti und Ödön von Horváth und persönlichen Erfahrungen die Wirkungen von Bildungssystemen, die jegliche Toleranz gegenüber dem Fremden und Anderen verweigern. In „The Bees’ Road“ (ab 13.9.) gibt sie gemeinsam mit dem Schauspieler Khalifa Natour der Flora und Fauna, die die Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre als stumme Beobachter erlebten, eine Stimme. Beide Produktionen sind bei PACT Zollverein zu sehen.

Christiane Jatahy lässt für ihr Projekt „Unsere Odyssee: The lingering now“ (ab 19.9.) in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord Theater und Film miteinander verschmelzen. Indem dokumentarisches Filmmaterial und die Erzählungen der Performer*innen miteinander verschränkt werden, verwischen in dieser Deutschen Erstaufführung die Grenzen der Genres. In der Arbeit kommen Geflüchtete aus verschiedenen Kontinenten zu Wort. 

Tanz

Mit Marlene Monteiro Freitas Choreographie „Bacchae – Prelude to a Purge“ (ab 29.8.) eröffnet PACT Zollverein das diesjährige Tanzprogramm der Ruhrtriennale. Ein Ensemble aus acht Tänzer*innen und fünf Trompeter*innen interpretiert Euripides Tragödie „Die Bakchen“ als grenzüberschreitende Performance, die u.a. Filme von Pier Paolo Pasolini zitiert. Als zweiten Beitrag für die Ruhrtriennale hat PACT Zollverein Alice Ripoll mit ihrer Choreographie „aCORdo“ (ab 13.9.) eingeladen. In der Arbeit drehen sich die Hierarchien zwischen Darsteller*innen und Theaterbesucher*innen um.

Sowohl Bruno Beltrãos Tanz-Kreation (ab 6.9.) als auch Sharon Eyals Choreographie „Chapter 3“ (ab 26.9.) feiern ihre Uraufführung bei der Ruhrtriennale. In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord nimmt Bruno Beltrão in seiner einmaligen Bildsprache die aktuelle politische Situation Brasiliens in den Fokus. Die spektakuläre Choreographie von Sharon Eyal fügt Tanz in der Bochumer Jahrhunderthalle durch Technomusik eine neue Ausdrucksform hinzu. 

Konzert

Unter dem Dirigat seines Künstlerischen Leiters Florian Helgath präsentiert Chorwerk Ruhr in „Coro“ (31.8./1.9.) zusammen mit den Duisburger Philharmonikern in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck italienische Chorwerke der Spätrenaissance und der Moderne. Dabei wird Alessandro Striggios 40- und 60-stimmige Messe Luciano Berios Werk „Coro“ gegenübergestellt, das sich auf Gedichte Pablo Nerudas und auf Volksliedtexte aus der ganzen Welt bezieht. 

Mit dem Klangforum Wien ist eines der renommiertesten Ensembles für Neue Musik unter der Leitung von Sylvain Cambreling zu Gast. Am ersten Tag ihres dreiteiligen Konzertportraits erklingt Georg Friedrich Haas Komposition „in vain“, die Sylvain Cambreling gewidmet ist, gefolgt von Iannis Xenakis Ballettmusik „Kraanerg“ (14.9.) im ehemaligen Salzlager der Kokerei Zollverein in Essen. Am zweiten Tag beschließt der Klangkörper das Konzertportrait mit „Rosen aus dem Süden“ (15.9.) und Werken u.a. von Johann Strauß und Anton Webern sowie der Uraufführung eines neuen Werks für Trompete von Martino Traversa.

Neben diesen großen Konzertformaten erlebt in der Lichtburg Essen die digital restaurierte Fassung von Robert Wienes Stummfilm „Orlac’s Hände“ (22.9.) mit der neu komponierten Musik von Johannes Kalitzke seine Weltpremiere.

Im Rahmen der Reihe „MaschinenHausMusik“ präsentiert die Schlagwerkformation Speak Percussion die Europäische Erstaufführung von Eugene Ughettis Komposition „Polar Force“ (28./29.8.), Gordon Kampe belebt die „Gefährliche Operette“ (4./5.9.) u.a. mit Texten von Schorsch Kamerun wieder, N.E.W. + Guests zeigt ihre Superheldinnen-Hommage „Catwoman’s Guide to Living“ (11.9.) und die Hardcore-Metal-Neue-Musik-Impro-Rockband Steamboat Switzerland (25.9.) bringt das Maschinenhaus Essen zum Schwingen. 

In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord tritt die Singer-Songwriterin Kat Frankie zusammen mit der Indie-Pop-Band Woods of Birnam (13.9.) um den Schauspieler Christian Friedel auf; die Deutsch-Rapperin Ebow gemeinsam mit der Pop-Avantgardistin Ebony Bones (22.9.).

Bildende Kunst / Installation

Britta Peters, Künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr, hat den Künstler Tony Cokes eingeladen, die ortsbezogene Multimedia-Installation „Mixing Plant“ (ab 23.8.) bei der Ruhrtriennale zu zeigen. In der eindrucksvollen Architektur der Mischanlage auf Zeche Zollverein in Essen setzt er sich mit den politischen Bezügen regionaler und internationaler Clubmusik auseinander und verwebt animierten Text, gefundenes Bildmaterial, monochrome Farbflächen und Popmusik zu einer Mehrkanal-Installation.

Für seine Interpretation des Pergamon-Altars verbaut Cevdet Erek Verstärker zu einem monumentalen Lautsprecherfries, das den berühmten Altar im exakten Maßstab 1:2 darstellt. Während der Ruhrtriennale findet in der frei zugänglichen Installation „Bergama Stereo“ (ab 25.8.) in der Turbinenhalle im Bochumer Westpark ein vielfältiges Konzert- und Performanceprogramm statt, das unter anderem die traditionelle Musik aus der Region um Bergama in den Mittelpunkt rückt. 

In der mehrteiligen Video-Installation „Αλληλεγγύη“ (griechisch: Solidarität, ab 24.8.) befragt die Künstlerin Barbara Ehnes Einzelpersonen und subkulturelle Initiativen im krisengebeutelten Griechenland und in dem sich im Strukturwandel befindlichen Ruhrgebiet zu ihrem Verständnis von Solidarität. Die Interviews sind in der Bochumer Innenstadt sowie im „Third Space“ an der Jahrhunderthalle zu sehen und werden während des Festivals ergänzt, so dass Besucher*innen die Möglichkeit haben, Teil der Installation zu werden. 

Im Museum Folkwang in Essen erarbeitet die Künstlerin Candice Breitz mit einer Gruppe junger Frauen als Auftragswerk eine Performance (20./21.9.), die sich mit dem kreativen Potenzial befasst, das beim Erlernen einer fremden Sprache entsteht. 

Nachdem Olu Oguibe für die Ruhrtriennale 2018 die Schriftskulptur „Appeal to the Youth of All Nations“ im Bochumer Westpark realisiert hat, wird der Künstler 2019 die temporäre Arbeit „Colours of Europe“ (ab 24.8.) für die Glasfassade des Foyers der Jahrhunderthalle entwickeln. Mit farbigen Folien greift er die minimalistische Formensprache der Architektur auf, spielt mit Licht- und Farbreflexen und verändert somit die Außenwahrnehmung des Gebäudes. Der Eintritt zu allen Installationen ist frei.

Junge Triennale

Bei der Jungen Triennale erforscht das Nachwuchskünstler*innenkollektiv Mit Ohne Alles gemeinsam mit dem Theaterkollektiv Berlocken und Bewohner*innen Essen-Katernbergs, wie Menschen zu Macht kommen. Sie zeigen die Produktion #nofear: Macht den Weg frei (ab 23.8.) bei PACT Zollverein. Darüber hinaus bietet #nofear: Safe Space in Duisburg-Hochfeld Jugendlichen einen Ort für kulturellen Austausch, Workshops, künstlerische Impulse und Begegnunge   n zwischen Jung und Alt. 

Jetse Batelaans Performance „(…..) – Ein Stück, dem es scheißegal ist, dass sein Titel vage ist“ (ab 18.9.) im Maschinenhaus Essen spielt mit den Erwartungen an einen Theaterbesuch und lässt sich auf kein Genre festlegen. Neben dieser Produktion für ein Publikum ab 12 Jahren wird im „Third Space“ ein vielfältiges Programm angeboten, das sich an Kinder und Jugendliche richtet und zum Mitgestalten auffordert.

Diskurs

Der „Third Space“ (ab 24.8.), der sich aus einer ehemaligen Transall-Maschine sowie Omnibusteilen zusammensetzt, lädt wieder mit einem vielfältigen Programm aus Performances, Konzerten, Lesungen, Filmvorführungen und Partys zum Austausch und Diskurs ein. Auf dem Vorplatz an der Jahrhunderthalle wird es außerdem verschiedene neue Veranstaltungsformate geben, die kulinarische Genüsse in den Mittelpunkt stellen.

„Training for the Future“ (ab 20.9.) ist ein utopisches Trainingslager, das der Künstler Jonas Staal mit seinem Team in der Bochumer Jahrhunderthalle realisiert. Nach dem „Preenactment“ im vergangenen Jahr, haben die Besucher*innen nun die Möglichkeit, sich in installativen Trainingslandschaften auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten und alternative Antworten auf gegenwärtige Krisen zu entwickeln.

Auch 2019 lädt die Ruhrtriennale im August und September wieder über 200 Studierende aus 19 europäischen Kunst- und Theaterhochschulen zum Internationalen Festivalcampus ein. Als außereuropäische Partnerhochschulen nehmen in diesem Jahr die Université Abdelmalek Essaadi, die University of Chicago und die Tel Aviv University an dem Campusprogramm teil. Zentral ist die Begegnung zwischen etablierten Künstler*innen und kreativem Nachwuchs, zwischen erfolgreicher Avantgarde und subversivem Experiment und zwischen Kunstschaffenden aus verschiedenen kulturellen Kontexten.

Norbert Lammerts Lesung macht in der Bochumer Jahrhunderthalle die aktuelle Relevanz von Hans Magnus Enzensbergers Essay „Die große Wanderung“ (8.9.) von 1994 deutlich. Enzensberger schrieb den Text anlässlich der massiven Übergriffe auf Asyl suchende Menschen.

Quelle: https://www.ruhrtriennale.de