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16.10.2020 Online-Journal MELODIVA veröffentlicht neue Umfrageergebnisse zur Corona-Krise

 

In vielen Bereichen der Gesellschaft ist ein neuer Alltag eingekehrt – und trotz vieler Aktionen, Aufrufe und Stellungnahmen gerät die Situation freischaffender Künstler*innen immer wieder aus dem Blick. Wir wollen uns damit nicht abfinden und fragen nach: Wie ist die Situation nach einem halben Jahr? Kommen die Soforthilfen und andere Förderungen da an, wo sie gebraucht werden? Was erwartet die Musikerinnen* im anstehenden Winter?

Bereits seit Beginn des Lockdowns im März verfolgen wir intensiv die Situation von Musiker*innen, die von einem auf den anderen Tag mit einem vollständigen Berufsverbot zurechtkommen mussten. Mitte März hatten wir die Musikerinnen* aus unserem Netzwerk erstmals angeschrieben und die Ergebnisse in einer Pressemitteilung veröffentlicht. Damals konnte sich noch keine*r vorstellen, dass wir uns im Herbst immer noch mit dem Thema beschäftigen müssen und Hilfsangebote für Soloselbstständige in den meisten Bundesländern nach wie vor an der Lebensrealität von freischaffenden Künstler*innen vorbeigehen. Auch zwei weitere Umfragen im Juni und September zeigen zwar kurzzeitige zarte Verbesserungen in den Lebensumständen der Musikerinnen*, offenbaren aber auch, dass der monatelange Lockdown vor allem ein Gefühl hinterlässt: eine tiefe Erschöpfung.  

„Die Anträge für Soloselbstständige sind nach wie vor weit an der Realität der Kulturschaffenden vorbei gedacht.“

Denn während größere Betriebe auf Kurzarbeitergeld und andere Maßnahmen zurückgreifen konnten, dürfen nach wie vor nur in wenigen Bundesländern die Soforthilfen für Soloselbstständige auch für die Lebenshaltungskosten verwendet werden. Für viele Musiker*innen greift die Soforthilfe also nach wie vor nicht.

„Ich fühle mich alleine gelassen von der Regierung und den zuständigen Stellen. Die Anträge für Soloselbstständige sind nach wie vor weit an der Realität der Kulturschaffenden vorbei gedacht. Wenn ich schon Arbeitsverbot habe, erwarte ich eine „Grundsicherung“ für meine Lebenshaltungskosten (und nicht für meine nicht existenten Betriebskosten). Das ist nicht der Fall.“

Dass eine solche Soforthilfe unter Einbeziehung der Lebenshaltungskosten durchaus sinnvoll sein kann, beschreibt eine Musikerin aus Berlin:

„Ich habe die Soforthilfe beantragt und konnte sie auch für ausgefallene Konzerte und Schüler im Frühling benutzen. Da ich in Berlin lebe, denke ich, dass ich das Geld auch für meinen Gehalt benutzen kann, so, wie es mir die IBB geschrieben hatte. Ich habe viel gelesen, dass Künstler ihre Soforthilfe nur für Betriebskosten benutzen dürfen. Das gilt aber nicht für Berlin. Ich bedauere es sehr, dass es für die anderen Länder komplizierter ist. Ich bin eigentlich diesbezüglich fassungslos.“

Als nicht „systemrelevant“ eingestuft, von der Politik ignoriert zu werden, stößt vielen auf und trägt zusätzlich zum Frust bei. Es sei dem Wirtschaftsministerium anscheinend egal, wenn Tausende Kulturschaffende verhungern, obdachlos werden oder sich umbringen, weil große Player wie Spotify, Amazon und Youtube davon profitierten, dass es keine Live-Events mehr gibt, heißt es in einem Statement. Auch das mangelnde Engagement der Berufsverbände wie GEMA, GVL, KSK u.a. wird kritisiert.

„Ich möchte doch keine Almosen erhalten, sondern selber arbeiten und dafür bezahlt werden.“

Zwar gab es inzwischen weitere Hilfsprogramme, Stipendien, Spendenaktionen und Fördertöpfe, aber sich in diesem Antragswald zurechtzufinden, erfordert erstens viel Kraft und Zeit, und zweitens ist es dann immer noch Glückssache, zu denen zu gehören, die für eine Förderung ausgewählt wurden. Auch muss in der Zeit des Wartens auf eine Zusage weiter Miete bezahlt und Essen eingekauft werden! Ein Ersatz für den Wegfall regelmäßiger Einnahmen ist dies jedenfalls nicht. Musiker*innen, die in der Regel ohnehin wenige finanzielle Ressourcen haben, brauchen seit Monaten die Spareinlagen auf, die für die Rente gedacht waren. 

Bereits in normalen Zeiten verlangt ein Leben als freiberufliche*r Musiker*in ein großes Maß an Flexibilität, Kompromissbereitschaft und Idealismus ab. Die Coronakrise hat diese Belastungen jedoch noch verstärkt und führt bei vielen zu einem Gefühl der chronischen Erschöpfung.

„Als Freelancerin war ich schon immer recht anspruchslos und war gewohnt alleine und irgendwie mit der momentanen Situation improvisierend zurecht zu kommen, aber mit zunehmendem Alter fällt es mir immer schwerer, die positive Kraft für die immer gleichen finanziellen Probleme aufzubringen. In dieser Coronakrise habe ich tatsächlich Bedenken, ob der Kulturbetrieb „danach“ wieder weitergehen kann wie vorher. Ich fühle mich ausgepowert, etwas verunsichert und darin jetzt erst recht bestätigt, dass die freie – nicht kommerziell tätige, kreative – Kulturszene einfach dauerhaft zu wenig Unterstützung hat und zu wenig ernst genommen wird. Auch halte ich es für schwierig, immer wieder neue Bedingungen erfüllen zu müssen, um Unterstützung zu bekommen: die Organisationsarbeit nimmt immer mehr Raum ein, im Gegensatz zur ausübenden künstlerischen Tätigkeit.“

Dass langjährige erfolgreiche selbstständige Musiker*innen, die häufig ein Hochschulstudium vorweisen können, von der Politik wie in Hessen auf die Grundsicherung verwiesen werden, die sie noch dazu selten bekommen, weil der/die Partner*in zu viel verdient, beschreiben sie als Abwertung der eigenen Arbeit. Auch die Spendensammlungen, so sehr das Engagement zu begrüßen ist, verstärken den Eindruck, dass die Arbeit von Freischaffenden nicht gewürdigt wird.

„Warum gibt z.B. die Oper Frankfurt nicht direkt freiberuflichen Musikern die Chance, dort aufzutreten, und zwar gegen eine ordentliche Gage, statt dass man die angestellten Orchestermusiker ins Rennen schickt, ohne Eintritt zu nehmen, und Spenden für uns arme Freiberufler sammelt (…). Ich empfinde das als entwürdigend. Ich möchte doch keine Almosen erhalten, sondern selber arbeiten und dafür bezahlt werden.“

„Die Online-„Zwischenlösungen“ sind mittlerweile die meisten leid.“

Viele Musikerinnen* hatten gleich zu Beginn der Krise neue Projekte im Online-Bereich entwickelt, manche konnten ihren Unterricht online weiterführen, bei anderen ging dies gerade nicht, da die Klangqualität oder die Zeitverzögerung der digitalen Übertragung das, worum es in einem hochwertigen Musikunterricht geht, nicht mit übertragen kann. Eine Chorleiterin berichtet, dass sie mit einem ihrer Chöre über Zoom geprobt hat, dort aber die Sänger*innen abwechselnd stumm stellen musste, weil der Klang der einzelnen Stimmen sich über dieses Medium eben nicht zusammensetzt. Dies erhielt zwar ein wenig die Motivation der Gruppe, machte aber musikalisch wenig Sinn. Bereits in unserer zweiten und noch mehr in der letzten Umfrage zeigte sich zunehmend, dass die Energie sich über Onlinelösungen für Konzerte und Unterricht nicht über Monate hinweg aufrechterhalten lässt.

„Die Online-„Zwischenlösungen“ sind mittlerweile die meisten leid. Unsere Proben und die Musikprojekte leben von dem kooperativen, inspirierenden LIVE Miteinander. (…) Für kreative Freiberufler ist die Situation ein Albtraum.“

„Künstlerisch befriedigend ist es nicht, in eine Kamera hinein zu unterrichten, es ist auch energetisch und zwischenmenschlich eher reduziert. Dennoch ist die Entwicklung von Onlineformaten als Ergänzung sicher ein Gewinn der Krise.“

„Noch nie habe ich so einen Rückfall im Ansehen der Frau empfunden.“

Bei vielen Musikerinnen*, die Kinder haben, kam noch eine weitere Belastung hinzu, wenn sie zwischen Online-Unterricht, Projektanträgen, Booking, Üben, Komponieren, der Entwicklung von neuen Webinhalten (Webshops, Livestreams, Online-Unterrichtsplattformen), um Einkommen zu generieren, monatelang auch noch die Kinderbetreuung und Homeschooling übernehmen mussten.

„Noch nie habe ich so einen Rückfall im Ansehen der Frau empfunden, wenn es darum geht Muttiresourcen auszubeuten ohne Wenn und Aber, ohne Ausgleich. Ich „arbeite“ seit Monaten 18 Stunden am Tag.“

Ist der/die Partner*in selbst freischaffend, ist die Not noch größer. Ohnehin zeigen die einzelnen Schilderungen, dass auch die Strategie vieler Künstler*innen, sich für den Lebensunterhalt mehrere Standbeine anzuschaffen, kein Garant ist, diese Krise zu meistern.

„Seit ca. 30 Jahren bin ich als freiberufliche Sängerin/Musikerin tätig und diese Einnahmen sind für die Sicherung des Lebensunterhaltes als Alleinerziehende existenziell! Der Kindsvater ist freiberuflicher Profimusiker und bezahlt seit April keinen Unterhalt mehr. Das Unternehmen, in dem ich als Büro-Angestellte arbeite, hat seit April auf Kurzarbeit umgestellt. Entsprechend sind meine Einnahmen auf einen extrem niedrigen Betrag zusammengeschrumpft. Meinen Vermieter musste ich im letzten Monat um Reduzierung der Miete bitten. Da ich nicht im Haupterwerb als Sängerin tätig bin, bekomme ich keine Soforthilfe. Da ich nicht arbeitslos bin, habe ich keinen Anpruch auf Arbeitslosengeld. Ich bin durch alle Raster gefallen.“

Live-Konzerte unter den aktuellen Bedingungen (…) sind ein absolutes Verlustgeschäft.“

Während des Sommers konnten zumindest einige Konzerte Open-Air stattfinden. Mit großem Aufwand, viel Herzblut und professionellem Know-How entwickelten Veranstalter*innen und Musiker*innen neue Formate, die endlich wieder Liveerlebnisse ermöglichten.

„Dank des Sommerwetters waren viele Konzerte Open Air möglich. Im Duo oder mit der ganzen 8-köpfigen Band, Hofkonzerte, Fensterkonzerte, in Biergärten, offenen Scheunen und überdachten Bühnen draußen. Weniger Zuschauer, mehr Auflagen und Einschränkungen und dennoch Musik, und sogar vor echtem Publikum. Dafür bin ich sehr dankbar. Nothilfe haben wir von der GEMA bekommen für die vielen ausgefallenen Konzerte. (…) Dass wir schon so viele kleinere Auftrittsmöglichkeiten hatten, erfüllt mich mit Respekt und Dankbarkeit.“

 Schwierig wird es jetzt in der kalten Jahreszeit. Zwar sind inzwischen in allen Bundesländern teilweise Lockerungen der Auftrittsverbote erfolgt. Dass dies die Situation der Musiker*innen entspannt, ist jedoch ein Trugschluss. Durch die Abstandsregelungen im Zuschauerraum können Veranstalter*innen jeweils nur einen Bruchteil der Plätze belegen, sodass die Einnahmen die Kosten nicht aufwiegen können. Die Clubs können also weiterhin entweder gar nicht öffnen oder nur verschwindend geringe Gagen auszahlen. Bei Streaming-Konzerten, die im Frühjahr noch Zulauf hatten, ist das Interesse deutlich abgeflaut und es kommt für die Musiker*innen ebenfalls kaum Geld zusammen – vielleicht auch durch den Eindruck, es gäbe ja wieder Konzerte. Die Regelungen kommen jedoch in Wirklichkeit weiterhin einem Berufsverbot gleich. 

„Onlinekonzerte bringen nicht viel Geld und sind kein Ersatz für das Erlebnis, live zu spielen. Live-Konzerte unter den aktuellen Bedingungen mit wenigen Zuschauer*innen sind ein absolutes Verlustgeschäft, was sich direkt auf die Gagen der Musiker*innen auswirkt. Die Musiker*innen, die Hartz 4 bekommen können, müssen ihre Gagen dann auch zum großen Teil wieder abgeben. Das System passt nicht auf die flexible Situation der Freiberufler*innen.“

Außenstehenden, auch im direkten privaten Umfeld der Musikerinnen* ist oft nicht vermittelbar, unter welchem Druck selbst die bis vor Corona seit Jahrzehnten erfolgreichen Musikerinnen* stehen.

„Ich habe das Gefühl, dass ich ständig irgendwelche Anträge schreibe und mir Sachen ausdenke. Auf Dauer finde ich das sehr anstrengend und ich bin mittlerweile erschöpft. Ich habe das Gefühl, ich arbeite noch mehr als vor Corona. Ich fühle mich manchmal alleingelassen und ärgere mich über das Unverständnis von Menschen (auch Freunden), die nicht betroffen sind und sich einfach scheinbar überhaupt gar nicht vorstellen können, wie doof die aktuelle Situation für freiberufliche Musiker*innen ist.“

„Am meisten aber ärgert mich die Ignoranz für die Kultur und die falsche Berichterstattung in den Medien über die angeblich fließenden Gelder. Die Lockerungen sind keine Hilfe, auch wenn die kleineren Spielstätten öffnen dürfen, so doch unter dermaßen eingeschränkten Bedingungen, dass eine kurze Überschlagsrechnung (Beispiel in München: das Ars Musica – normal 77 Sitzplätze, jetzt erlaubte 27 Besucher, maximal Trio auf der Bühne – zahlt also jeden Abend drauf, wenn’s öffnet) den Unsinn der Aktion zeigt. Aber offiziell heißt es: ihr dürft ja wieder spielen. Alles eine hohle Augenwischerei. Straßenkonzerte und Wohnzimmer-Livestreams generieren ebenfalls kaum Geld und werden zu allem Überfluss sofort pauschal von der GEMA in Rechnung gestellt. Das ist einfach eine Frechheit.“

 

„Die Tontechnik-Firmen sind pleite. Die Clubs geben auf. Die Bühnen schmeißen hin. Wir stehen alle so dicht vor dem totalen Aus.“

Die Planungsunsicherheit wirkt weit in das nächste Jahr hinein: Viele Konzerte aus diesem Jahr sind bereits auf das nächste Jahr verschoben worden. Damit bleiben kaum Spielräume für Veranstalter*innen, neue Konzerte zu buchen. Dazu kommt die ständige Unsicherheit, ob jetzt geplante Veranstaltungen tatsächlich stattfinden können, und nicht zuletzt die immer konkreter werdende Gefahr, dass immer mehr Clubs pleitegehen werden. 

„Aber es sind nur sehr sehr wenige Konzerte geplant, die Veranstalter sind 1. im Wartemodus, 2. spielen zuerst diejenigen, deren Konzerte in Frühjahr ausgefallen sind, d.h. es gibt einen Konzertstau. Bis es wieder „normal“ losgeht wird es dauern…“

„Wir haben schon viele Buchungen für Festivals für nächstes Jahr – aber die ersten haben schon wieder auf 2022 durchgeschoben“.

Nicht nur die Musiker*innen bangen um ihre Existenz, eine komplette Branche steht vor dem Aus, denn immer mehr Veranstalter*innen, Gaststätten, Cateringfirmen, Konzertagenturen, Techniker*innen, usw. kurz: die Berufe, die hinter den Kulissen arbeiten, gehen nach und nach pleite.

„Wir machen uns furchtbare Sorgen. Wir brauchen für unsere Bälle Gastwirtschaften mit Saal ab 200 qm. Denen geht es so nass rein, wir wissen nicht ob es nachher überhaupt noch einen Gastropartner für unsere Bälle gibt. Wir hören von den Festival-Veranstaltern, dass die meisten Händler und Gastro Stände mit denen sie arbeiten, nächste Jahr nicht mehr kommen werden – die sind insolvent. Die Veranstalter schmeißen dann auch die Flinte ins Korn. Wir werden, wenn es so weiter geht, keine Infrastruktur mehr haben. Die Tontechnik-Firmen sind pleite. Die Clubs geben auf. Die Bühnen schmeißen hin. Wir stehen alle so dicht vor dem totalen Aus.“

Vorschläge, wie die schlimmen Folgen auf die Veranstaltungsbranche abgemildert werden könnten, gibt es genug: das Forum Musik Festivals, in dem sich über 100 Festivals aus Deutschland zusammengeschlossen haben, hat Forderungen vorgelegt, wie die Kulturbranche wieder auf die Füße kommen könnte, die Deutsche Jazzunion hat gemeinsam mit der Allianz der Freien Künste Änderungen bei der Soforthilfe gefordert, die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstständigenverbände setzt sich mit ihrer Petition für eine Verlängerung und rechtssichere Ausgestaltung von Soforthilfen für Selbstständige ein, der Deutsche Kulturrat fordert die Schaffung eines Bundeskulturministeriums in der nächsten Legislaturperiode, u.v.a. Noch gibt es sie in Deutschland: die vielfältige und lebendige Kulturszene. Wenn wir diese nicht ausbluten lassen wollen, müssen wir jetzt handeln. 

Alle Zitate stammen aus den Rückläufen unserer zweiten und dritten Umfrage. Sie werden hier anonymisiert wiedergegeben. Die jeweiligen Personen sind der Redaktion bekannt.

Quelle: https://www.melodiva.de

 
 

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